Wirtschaft
Die Eurozone gibt sich zuversichtlich: Irland ist über den Berg.
Die Eurozone gibt sich zuversichtlich: Irland ist über den Berg.(Foto: REUTERS)

Erfolgsmodell oder abschreckendes Beispiel?: Irland steht wieder auf

Von Jan Gänger

Irland klappt den Rettungsschirm zu. Die Euro-Retter feiern das als großen Erfolg und sprechen von einem Musterbeispiel für die anderen Krisenländer der Eurozone. Doch viele Iren dürften das anders sehen.

Jeroen Dijsselbloem gehörte zu den ersten Gratulanten. Freudig beglückwünschte der Chef der Eurogruppe die irische Regierung zu ihrer Entscheidung, den Rettungsschirm in Kürze zu verlassen. "Wir sind zuversichtlich, dass Irland vom kommenden Jahr an auf eigenen Füßen stehen kann", beteuerte der Niederländer. Oder wie es EU-Wirtschaftskommissar Olli Rehn etwas umständlich ausdrückte: Irland zeige, dass "die entschlossene Umsetzung einer umfassenden Reformagenda das wirtschaftliche Schicksal eines Landes entscheidend verändern kann."

Am Sonntag wird der Rettungsschirm zugeklappt, von nun an will sich Irland Geld wieder auf dem Kapitalmarkt beschaffen – sämtliche Testläufe verliefen positiv. Zehnjährige Staatsanleihen rentieren derzeit bei rund 3,5 Prozent und damit auf einem erträglichen Niveau. Zum Vergleich: Während der Schuldenkrise waren die Renditen auf bis zu 14,5 Prozent in die Höhe geschossen.

Nun sei das Vertrauen der Finanzmärkte wiederhergestellt, betonen deshalb die Euro-Retter und sehen sich in ihrem Kurs bestätigt. Die Kombination aus Milliardenkrediten und Sparpaketen ist für sie ein Erfolgsmodell. "Das zeigt, dass unsere Politik der Stabilisierung der europäischen Währung erfolgreich und richtig ist", sagte Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble.

Teure Bankenrettung

Die Finanzkrise hatte Irland, das wegen eines kometenhaften Aufschwungs Anfang des Jahrtausends zum "Keltischen Tiger" ernannt worden war, ins Wanken gebracht. Mit fast 350 Milliarden Euro musste das Land seinen überdimensionierten Bankensektor vor dem Untergang retten - und geriet damit selbst an den Rand des Bankrotts. Zumindest Top-Manager der mittlerweile abgewickelten Anglo Irish Bank wurden nicht von Gewissensbissen geplagt. Sie prahlten in einem später veröffentlichten Gesprächsmitschnitt, wie sie mit falschen Angaben an staatliche Milliardenhilfen kommen und haben für deutsche Investoren, die ihr Geld bei der Bank anlegen, nur Verachtung übrig.

Angesichts der umfangreichen Finanzspritzen für den Bankensektor rief Irland im November 2010 selbst um Hilfe und bekam Kredite im Volumen von insgesamt 67,5 Milliarden Euro aus dem offiziellen Rettungsschirm von EU und Internationalem Währungsfonds. Weitere 17,5 Milliarden Euro musste das Land selbst aufbringen.

Ein Sparhaushalt folgte dem nächsten, zwischenzeitlich fiel das Land in eine tiefe Rezession. Die Arbeitslosigkeit stieg auf bis zu 15,1 Prozent, ging dann wieder etwas zurück und liegt derzeit bei 12,8 Prozent. Was die Euro-Retter als Erfolg feiern, verlangt der Bevölkerung viel ab. Insgesamt kürzte die Regierung die Ausgaben um rund 30 Milliarden Euro, was etwa 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts entspricht. Die Gehälter von Staatsdienern wurden gesenkt, Sozialhilfe und Arbeitslosenunterstützung drastisch zusammengestrichen.

Iren wandern aus

"Wir haben noch einen langen Weg vor uns", sagt Ministerpräsident Enda Kenny und stimmt die Iren auf weitere Sparmaßnahmen ein. Im Haushalt 2014 geht es nochmal zur Sache, Kürzungen und Steuererhöhungen im Umfang von 2,5 Milliarden Euro stehen an. Unter anderem sinkt die wöchentliche Unterstützung für junge Arbeitslose von 144 auf 100 Euro. Es sei der letzte "wirklich harte" Sparhaushalt, beteuert die Regierung. Doch den Zorn vieler Iren lindert das wohl nicht. Für sie ist Menschen mit niedrigen und mittleren Einkommen in den vergangenen Jahren zu viel zugemutet worden. Die Obdachlosigkeit ist seit 2010 um knapp 20 Prozent gestiegen, ein Großteil der Familien mit kleinen Kindern kann die Grundbedürfnisse nicht befriedigen. Viele Iren sind bei Rechnungen, Mieten und Hypotheken im Rückstand.

Dazu kommt eine Auswanderungswelle. Seit 2008 haben netto mehr als 120.000 Menschen Irland verlassen - bei einer Bevölkerung von 4,6 Millionen. Damit droht die Insel einen wichtigen Standortvorteil für die so wichtigen internationalen Industrieansiedlungen zu verlieren: ausreichend gut ausgebildete Fachleute.

Doch Regierung und EU geben sich überzeugt, dass es von nun an aufwärts geht. In diesem Jahr soll die Wirtschaft zum dritten Mal in Folge zulegen, wenn auch nur um 0,3 Prozent. Im Jahr 2015 soll es dann um 2,5 Prozent nach oben gehen. Das Defizit soll im kommenden Jahr auf 4,8 Prozent des Bruttoinlandsprodukts sinken – 2010 hatte es bei mehr als 30 Prozent gelegen.

Minsterpräsident Kenny erklärte deshalb die "wirtschaftliche Katastrophe" für beendet. Er habe vor zwei Jahren dem irischen Volk angekündigt, dass er dem Land die wirtschaftliche Souveränität und Unabhängigkeit wiedergeben wolle. "Dieses Ziel ist nun zum Greifen nahe." Die Opposition sieht das anders. Kenny solle doch die Erfolge des Sparprogramms den Iren vermitteln, die ihre Arbeit oder ihr Haus verloren haben.

Quelle: n-tv.de

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