Wirtschaft
JP-Morgan-Chef Jamie Dimon: Laut einem Medienbericht sollen die Verluste aus den geplatzten Finanzwetten inzwischen sieben Milliarden Dollar betragen.
JP-Morgan-Chef Jamie Dimon: Laut einem Medienbericht sollen die Verluste aus den geplatzten Finanzwetten inzwischen sieben Milliarden Dollar betragen.(Foto: picture alliance / dpa)

Sieben Milliarden Dollar Verlust?: JP-Morgan-Chef hat versagt

von Hannes Vogel

Die Spekulationsverluste wachsen immer weiter: Laut einem Medienbericht könnte JP Morgan mit Kreditausfallversicherungen nicht zwei, sondern gigantische sieben Milliarden US-Dollar verzockt haben. Für Bank-Chef Jamie Dimon wird es eng: Sein "Londoner Wal" genannter Händler hat sich gründlich verrechnet – und der "König der Wall Street" hat nichts gemerkt.

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Die größte US-Bank JP Morgan bekommt die Milliardenverluste aus ihren geplatzten Spekulationsgeschäften nicht in den Griff: Laut einem Zeitungsbericht könnte der Schaden noch bedeutend höher ausfallen als bislang erwartet. Der Verlust könnte sich auf rund 7 Mrd. US-US-Dollar belaufen, berichtet die britische Zeitung "The Independent" unter Berufung auf Händler anderer Banken. "Die Märkte wissen ziemlich genau, was und wieviel JP Morgan in den Büchern hat", zitiert das Blatt einen Trader.

"Voldemort" hat sich verzockt

Niemand weiß genau, wie groß der Schaden ist, weil die Spekulationsgeschäfte hoch komplex sind. JP Morgan will genaue Details zu den Milliardenverlusten erst vorlegen, wenn die Bank im Sommer ihre Zahlen für das zweite Quartal 2012 präsentiert. Bekannt ist jedoch, dass Bruno Iksil, in Finanzkreisen auch der "Londoner Wal" und "Voldemort" genannt, den Schaden mit zwei aneinander gekoppelten Geschäften verursacht haben soll. Iksil soll nach Informationen aus Finanzkreisen einerseits mit riskanten Kreditausfallversicherungen auf den Bankrott einzelner US-Firmen gewettet haben. Um das Risiko auszugleichen, spekulierte "Voldemort" in einem Gegengeschäft auf die Kreditwürdigkeit eines Gesamtindex von US-Firmen.

Die Konstruktion funktionierte gut, solange einzelne Firmen wie beispielsweise American Airlines in Schwierigkeiten gerieten, sich die Kreditwürdigkeit der meisten US-Firmen aber nicht veränderte. Genau diese Rechnung ging nicht mehr auf, als die Europäische Zentralbank ab Dezember 2011 mit gigantischen Geldspritzen für die Banken eine Erholung des Gesamtmarktes auslöste. Die Wetten auf den Bankrott von Einzelfirmen verloren an Wert, Iksil musste immer mehr Gegengeschäfte eingehen, um die Verluste auszugleichen - bis es zu Preisverzerrungen kam, auf die Hedgefonds und andere Banken aufmerksam wurden.

Manche Banken trommelten geradezu für Gegenpositionen zu Iksils Wetten, sagen Personen, die Einblick in die Kommunikation der Banken hatten. Einige der größten Rivalen der New Yorker Bank können sich daher nun über hohe Gewinne freuen. Von den mindestens 2 Milliarden US-Dollar an Handelsverlusten dürfte eine Gruppe von etwa einem Dutzend Banken, darunter Goldman Sachs und Bank of America, bis zu 1 Milliarde Dollar einstreichen, sagten Händler und mit der Angelegenheit vertraute Personen. Gelegentlich stünden JP Morgans Verluste direkt den Gewinnen der Konkurrenz gegenüber.

Absicherung oder Zockerei?

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Das Fatale daran: Angeblich sollten die Geschäfte die Bank und ihren riesigen Bestand an Unternehmenskrediten gegen eine Rezession in Europa absichern. Doch offenbar ging es bei den Geschäften auch ums schnelle Geld. Denn im Kern spekulierte JP Morgan auf Preisunterschiede zwischen verschiedenen Derivaten, um daraus Profit zu schlagen – diese wiederum sollten als Puffer gegen mögliche Wertverluste bei Krediten und Anleihen dienen, die die Bank selbst auf den Büchern hatte.

Ob dabei die Risikoabsicherung oder die Profitgier im Vordergrund stand, ist die große Frage. An den Zockergeschäften zeigt sich, wie fein im Eigenhandel von Finanzgiganten wie JP Morgan die Grenze zwischen Hedging-Transaktionen und Spekulation ist - und wie wenig die Aufsichtsbehörden diese Milliardenrisiken offenbar im Griff haben. Pikant ist auch, dass JP Morgan sich mit Kreditausfallversicherungen verzockte – genau den Derivaten, die als "Brandbeschleuniger der Finanzkrise" seit dem Crash von 2007/2008 eigentlich unter besonderer Aufsicht der Regulierungsbehörden stehen sollten.

"Sturm im Wasserglas" wird zum Milliardenrisiko

Auch Bankchef Jamie Dimon selbst war über das Risiko offenbar lange nicht im Bilde. Mitte April hatte Dimon Gerüchte um einen möglichen Schaden aus Absicherungsgeschäften noch als "Sturm im Wasserglas" heruntergespielt. Nur Wochen später musste der Bankchef Anfang Mai überraschend Verluste von mindestens zwei Mrd. US-Dollar einräumen. Laut "Wall Street Journal" trafen sich seine Banker erst am 30. April mit Dimon, um ihn über die drohenden Verluste zu informieren. Sie zeigten ihm zunächst aber keine Einzelheiten. Ich will die Positionen sehen!" soll Dimon nach Aussagen von Augenzeugen gebrüllt haben. "Jetzt! Ich will alles sehen!" Als Dimon die Zahlen erblickte, soll ihm der Atem gestockt haben.

Klar ist seitdem nur, dass die Verluste stetig wachsen. Laut "Wall Street Journal" hat Bankchef Jamie Dimon intern die Zahl von fünf Mrd. US-Dollar genannt. Die Bank wollte das offiziell nicht kommentieren. Die "New York Times" hatte zuvor berichtet, dass sich die Verluste seit der Veröffentlichung ausgeweitet hätten und inzwischen bei mindestens drei Mrd. US-Dollar lägen. Und nun berichtet "The Independent" von möglichen Verlusten von sieben Milliarden Dollar. Sein erst kürzlich begonnenes Aktienrückkauprogramm hat JP Morgan deswegen schon eingestampft.

Haben Managementfehler die Milliardenverluste verursacht?

Dimon wird sich wohl künftig noch mehr Kritik gefallen lassen müssen. Zwar musste die verantwortliche Investmentchefin Ina Drew bei JP Morgan inzwischen wegen der Affäre ihren Hut nehmen. Laut "The Independent" war Drew aber wegen einer Erkrankung ab 2010 längerfristig abwesend. Laut JP Morgan-Insidern sei es während ihrer Abwesenheit zu heftigen Auseinandersetzungen von Untergebenen in New York und London gekommen. "Der Streit hat alle abgelenkt", berichtet ein Händler.

Das "Wall Street Journal" berichtete zudem, dass es über Monate keinen Schatzmeister in der Bank gegeben habe und der Manager, der in der Investmentabteilung die riskanten Geschäfte überwachen sollte, kaum Erfahrung in diesem Metier hatte. Die Zeitung berief sich bei ihren Angaben auf Gespräche mit Bankern und Aufsichtsbeamten. Für all das muss sich Jamie Dimon bald vor dem US-Senat rechtfertigen.

Quelle: n-tv.de

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