Kunden um 1,6 Mrd. Dollar geprelltKlage gegen MF-Global-Chef

MG Global will eine Investmantbank werden. Mit riskanten Finanzwetten soll das gelingen. Aber es geht schief. Am Ende sitzen die Kunden auf Forderungen von mehr als 1,5 Mrd. Dollar. Einer der Konkursverwalter will deshalb den Ex-Chef des Finanzunternehmens verklagen, denn der sei für die Pleite mitverantwortlich, so sein "Autopsiebericht".
Im Oktober 2011 ist das New Yorker Finanzunternehmen MF Global mit riskanten Finanzwetten kollabiert und hat seine Kunden auf Forderungen von 1,6 Mrd. Dollar sitzen lassen. Nun macht einer der Konkursverwalter den ehemaligen Chef dafür mitverantwortlich: John S. Corzine habe die Risiken erhöht, aber versäumt, die Kundengelder zu schützen. Sie waren verwendet worden, um an anderer Stelle Lücken zu stopfen, sagt James Giddens, der Kundengelder aus der Brokerage-Abteilung von MF Global birgt. Er erwägt nun eine Klage gegen den Mann, der das Unternehmen zu einer Investmentbank ausbauen wollte und krachend gescheitert ist.
In einem 275 Seiten starken Bericht wirft Giddens Corzine und anderen ehemaligen Top-Managern einen "Bruch der Treuhänderpflicht" und "Fahrlässigkeit" vor. Die Manager hätten den Risikoappetit des Instituts hochgeschraubt, aber bei den notwendigen Kontrollmechanismen zum Schutz der Kundengelder nicht entsprechend nachgezogen.
Aussagen von mehr als 100 Personen
Bei dem angestrebten Umbau des Instituts in eine Investmentbank habe das Management darin versagt, die Finanzabteilung und die technische Infrastruktur entsprechend aufzurüsten, erklärte Giddens. "Meine Untersuchung ist zu dem Schluss gekommen, dass die Maßnahmen des Managements, zusammen mit dem Mangel an wirksamen Überwachungssystemen, dazu geführt haben, dass die Einlagen der Kunden dazu verwendet werden konnten, an anderer Stelle fehlenden Liquiditätsbedarf zu decken."
Der mit Spannung erwartete "Autopsiebericht" ist bislang der detaillierteste Versuch, das Ende des Institutes zu sezieren. Er stützt sich auf Aussagen von mehr als 100 Personen und die Überprüfung von hunderttausenden Dokumenten. Giddens arbeitet eng mit Ermittlungsbehörden zusammen, die ihrerseits den Niedergang von MF Global Holdings Ltd untersuchen.
Der Konkursverwalter ziehe "keine Schlüsse" über die strafrechtliche Haftbarkeit, heißt es in dem Bericht. Dazu habe er kein Mandat. Dennoch, so Giddens, werde er womöglich Klagen einreichen gegen Corzine, den Ex-Finanzchef Henri Steenkamp und gegen Edith O'Brien, die als stellvertretende Finanzchefin für die Genehmigung von Kontenbewegungen und die Überwachung von deren Auswirkungen auf die Kundenkonten zuständig war.
Corzine, Ex-Goldman-Sachs-Chairman
Ein Sprecher von Corzine wies den Vorwurf der Fahrlässigkeit zurück. "Wir stellen fest, dass der Bericht mit der Aussage von Herrn Corzine vor dem Kongress übereinstimmt, dass er einen Missbrauch der Kundengelder nicht angewiesen hat und dies auch nicht beabsichtigt hat", sagte er. "Wir stimmen schlicht nicht mit der Ansicht des Konkursverwalters überein, dass Herr Corzine fahrlässig gehandelt hat oder dass es irgendeine andere Basis für eine Klage gibt." Ein Anwalt von Steenkamp war nicht zu erreichen, ein Vertreter von O'Brien wollte die Vorwürfe nicht kommentieren.
Corzine, ehemals Gouverneur von New Jersey und Chairman bei Goldman Sachs, hatte den Chefposten bei MF Global im März 2010 übernommen und Wetten auf wacklige europäische Staatsanleihen in die Wege geleitet. Vor dem Kollaps war das Portfolio fast 7 Mrd. Dollar wert.
Wer letztendlich für die entsprechenden Kontenbewegungen verantwortlich ist, die zu dem Zusammenbruch führten, bleibt weiterhin unklar. Aber der Bericht wirft ein neues Licht auf mehrere Transaktionen, die die Ermittler unter die Lupe genommen haben.
So genehmigte O'Brien beispielsweise am 26. Oktober einen Intraday-Transfer in Höhe von 615 Mio. Dollar, der sich aus Kundenmitteln speiste. Am Ende dieses Tages wiesen die Kundenkonten jedoch ein Defizit auf, was bei MF Global Panik auslöste. Ob O'Brien von dem sich entwickelnden Defizit wusste, als sie die Transaktionen genehmigte, ist unklar.
Dem US-Bundesrecht zufolge ist es nicht erlaubt, Kundengelder abzuziehen und am selben Tag zurückführen. Einige Mitarbeiter von MF Global hätten diese Regeln allerdings wohl so ausgelegt, als sei dies erlaubt, so Giddens. Um 18.24 Uhr machte sich O'Brien Sorgen, dass das Geld nicht wieder dahin zurückkehrt, von wo es gekommen war und machte ihren Mitarbeitern Druck. "Ich muss wissen, wie viel Geld wieder zurückgeführt wird - von wo nach wo", schrieb sie in einer E-Mail, die der Bericht zitiert. Eine Minute später verschickte sie eine weitere Mail: "Ich muss es jetzt wissen".
Corzine ist die zentrale Figur
Über einen der an jenem Tag getätigten Transfers in Höhe von 165 Mio. Dollar hat das "Wall Street Journal" bereits berichtet. Hier waren aus Versehen Kundengelder angezapft worden. MF-Mitarbeiter versuchten später, den Fehler zu korrigieren, hatten aber Schwierigkeiten, das Geld zurückzuholen. Noch in der selben Woche schien es so, als wollte MF eine Kreditlinie nutzen, um das betreffende Konto wieder aufzufüllen.
Corzine ist in dem Bericht des Konkursverwalters eine zentrale Figur. Er beaufsichtigte eine Strategie zum Einsatz von Firmenmitteln, die für die Absicherung der Kundengelder vorgesehen waren. Die Systeme zum Schutz der Kundenkonten stellten sich aber als unzureichend heraus. Im Juni 2011 hatte bereits ein interner MF-Bericht "zahlreiche und beträchtliche Lücken" in den Liquiditäts-Überwachungssystemen festgestellt.
Im Laufe der Zeit habe sich MF Global noch weiteres Geld aus anderen Abteilungen abgezogen, um damit den Eigenhandel zu finanzieren heißt es in dem Bericht weiter.
Doch nicht alle Spitzenmanager fühlten sich mit der aggressiven Investmentstrategie Corzines wohl, wie eine weitere E-Mail O'Briens an einen Kollegen verdeutlicht: "Warum muss ich jeden Tag Stunden damit verbringen, Geld von einer Einheit zur anderen zu schaffen?", schrieb sie im August. Die Frage war durch einen Kommentar von Finanzchef Steenkamp provoziert worden. Er hatte zu ihr gesagt, MF Global habe "eine Menge Bargeld".