Wirtschaft
Zwei Mitarbeiter von Solarworld bei der Modulkontrolle im sächsischen Freiberg.
Zwei Mitarbeiter von Solarworld bei der Modulkontrolle im sächsischen Freiberg.(Foto: dpa)

Die Zeit drängt: Letzte Chance für Solarworld

Von Jan Gänger

Solarworld kämpft ums Überleben. Und so fügen sich Gläubiger und Aktionäre ins Unvermeidliche und verzichten auf viel Geld, um die Pleite abzuwenden. Doch gerettet ist der einstige Börsenstar damit noch lange nicht.

Das Ergebnis hat nordkoreanische Dimensionen und lässt Solarworld-Gründer Frank Asbeck triumphieren: "Mit 99,9 Zustimmung haben die Gläubiger gezeigt, dass sie an Solarworld glauben", jubelt er. Doch wie den Teilnehmern einer Volksversammlung in Pjöngjang blieb besagten Gläubigern nichts anderes übrig, als die präsentierten Vorschläge abzunicken. Denn hätten sie abgelehnt, hätten sie das Unternehmen in die Pleite geschickt und noch mehr Geld verloren als nun.

Auf mehr als die Hälfte ihrer Forderungen verzichteten die Investoren einer 150-Millionen-Anleihe. Dann folgten Gläubiger einer zweiten Anleihe über 400 Millionen Euro. Im Gegenzug bekommen sie Aktien, die derzeit kaum Geld wert sind.

Damit geht es ihnen aber immer noch besser als den Altaktionären, die am Mittwoch auf einer Hauptversammlung akzeptieren sollen, dass ihre Solarworld-Papiere um 95 Prozent abgewertet werden. Das kommt einem Totalverlust ziemlich nahe, "Insolvenz light" nannte das ein Analyst. Dennoch werden die Anteilseigner der Quasi-Enteignung zustimmen. Denn bei einer Insolvenz würden sie wohl alles eingesetzte Kapital verlieren. Jetzt dürfen sie zumindest hoffen, dass sich der Aktienkurs irgendwann wieder erholt.

Scheichs wollen einsteigen

Unternehmensgründer Asbeck müht sich  jedenfalls redlich, Optimismus zu verbreiten: "Wenn das Konzept so umgesetzt wird, können wir wieder durchstarten." Solarworld befreie sich von seiner Schuldenlast und könne "wieder die Rolle des Technologie- und Branchenzugpferds einnehmen." Oder wie er es Anfang der Woche formulierte: "Das wird eine sonnige Woche. Kein Einfluss von Regen."

Um seine Zuversicht zu untermauern, kauft Asbeck für rund 10 Millionen Euro neue Aktien. Er würde nach der Restrukturierung knapp 21 Prozent der Anteile halten, doch größter Aktionär wird er damit nicht sein. Diese Rolle dürfte künftig Qatar Solar übernehmen. Der Investor aus Katar will mit 35 Millionen Euro einsteigen und verspricht außerdem ein Darlehen in Höhe von 50 Millionen Euro.

Ob Solarworld auf dem Weg in eine strahlende Zukunft ist, bleibt jedoch ungewiss. Und die Zeit drängt. Derzeit schreibt das Unternehmen tiefrote Zahlen, allein 2012 betrug der Verlust 480 Millionen Euro. Das Unternehmen musste bereits zahlreiche Arbeitsplätze abbauen und Kurzarbeit an seinem Hauptstandort im sächsischen Freiberg anmelden.

Auch in den ersten sechs Monaten des laufenden Jahres sank der Umsatz kräftig, im operativen Geschäft wurde viel Geld verbrannt: Nach einem millionenschweren Verlust hatte das Unternehmen Ende Juni noch 162 Millionen Euro auf der hohen Kante – und damit 62 Millionen weniger als im Dezember.

Außerdem verschwindet mit dem Schulden- und Kapitalschnitt nur ein kleiner Teil der Lasten. Rund 427 Millionen Euro Schulden bleiben übrig – sie sollen nach dem Willen Asbecks sehr bald zurückgezahlt werden.

Konkurrenz aus China

Solarworld muss also schnell wieder Geld verdienen. Doch das wird nicht einfach, schließlich leidet das Unternehmen weiterhin unter Förderkürzungen an den europäischen Märkten und unvermindert harter Konkurrenz aus China. Derzeit ist im Geschäft mit Solarmodulen nichts zu holen, die Preise stehen wegen enormer Überkapazitäten aus Asien unter großem Druck. Die europäische Industrie wirft der Volksrepublik deshalb marktverzerrende Subventionen für ihre Industrie vor.

Jahrelang hatte Solarworld vom Solarboom profitiert, in der Branche wurden Traumrenditen von bis zu 30 Prozent erzielt. Das rief zahlreiche Konkurrenten auf den Plan - vor allem in China. Mit der neuen Konkurrenz sanken die Preise rapide. Das setzte die deutschen Hersteller von Zellen und Modulen unter Druck. Profitieren konnten davon zunächst die Solaranlagenbetreiber. Denn die gesetzlich garantierten Einspeisevergütungen sanken bei weitem nicht so schnell wie die Preise. Inzwischen hat die Politik die Förderung angepasst, um die Belastungen für die Stromverbraucher zu begrenzen. Das drückte die Nachfrage, die Preise für Solaranlagen brachen noch weiter ein.

Ende Juli legten Europäische Union und China ihren Solarstreit bei und einigten sich auf einen Mindestpreis von 56 Prozent pro Watt für Solarimporte nach Europa. Die europäische Solarindustrie hält das allerdings für viel zu niedrig und will dagegen klagen.

"Man hat vor allem eines unterschätzt, und das war die asiatische, insbesondere die chinesische Konkurrenz", sagt Wolfgang Hummel vom Zentrum für Solarmarktforschung gegenüber n-tv. "Man hat geglaubt, hier ein Ingenieur-Produkt zu haben und musste feststellen: Das Ingenieur-Produkt war am Ende ein Massenprodukt, ähnlich wie CD-Roms, ähnlich wie USB-Sticks."

"Trend geht zum Zweitschloss"

Doch nicht nur die Konkurrenz aus China macht Solarworld zu schaffen. Dem Unternehmen setzen auch die kontinuierlichen Verringerungen der einheimischen Solarförderung zu. Sie lag in der Spitze einst bei 50 Cent pro Kilowattstunde, in diesem Herbst fällt sie für einige Anlagen unter 10 Cent.

"Auf die 'bösen Chinesen' zu schimpfen reicht nicht aus", sagt Thomas Hechtfischer von der Deutschen Schutzgemeinschaft für Wertpapierbesitz. Das Hauptproblem sieht er im Geschäftsmodell. "Nach der finanziellen muss auch eine operative Restrukturierung kommen", sagt er. "Wie es angesichts der Billigkonkurrenz inhaltlich weitergehen soll, haben wir noch nicht gehört."

Frank Asbeck lässt diese Skepsis an sich abprallen. Bei der Vorstellung seines Rettungsplanes Mitte Juni blieb er souverän wie immer. Auf die Frage, ob er angesichts der drohenden Insolvenz eins seiner zwei Schlösser verkaufen wolle, entgegnete er: "Der Trend geht zum Zweitschloss."

Quelle: n-tv.de

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