Wirtschaft
Protestaktion in London: Dem Skandal folgt die Häme.
Protestaktion in London: Dem Skandal folgt die Häme.(Foto: Reuters)

Zinsmanipulationen seit Jahrzehnten: Libor-Skandal weitet sich aus

Von Samira Lazarovic

Die manipulierten Libor-Zinssätze bei der britischen Bank Barclays sind offenbar nur die Spitze des Eisbergs: Vermutet wird, dass sich 10 bis 14 Großbanken an den Manipulationen beteiligt haben. Branchenkennern zufolge ist der Vorgang ein alter Hut: Seit 1980ern sollen Banken hier im großen Stil schummeln.

Der jüngste Skandal um die Manipulation der international bedeutenden Libor-Zinssätze zieht immer weitere Kreise. Offenbar sind rund ein Dutzend Großbanken darin verwickelt. "Weltweit haben sich 10 bis 14 Großbanken daran beteiligt", zitiert das "Handelsblatt" den für Finanzmarktregulierung zuständigen britischen Staatssekretär Mark Hoban.

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Den Großbanken wird vorgeworfen, von 2005 bis 2009 den Zinssatz Libor und andere Marktzinsen mit falschen Angaben manipuliert zu haben, um ihre wahren Refinanzierungskosten zu verschleiern und Handelsgewinne einzustreichen. Die Manipulationen sind nicht nur für die Geschäfte zwischen Banken von Bedeutung. Denn indirekt haben sie auch Einfluss auf Kredite, Spareinlagen und zahlreiche Derivate, weil deren Zinssätze teilweise an den Libor gekoppelt sind. Insgesamt ist der Libor die Basis für Finanztransaktionen im Wert von geschätzten 360 Billionen Dollar.

Zu den Ersten, die über den Skandal stolperten, gehörte Barclays-Vorstandschef Bob Diamond und weitere Manager der Großbank. Barclays hatte als erstes Geldhaus ein Fehlverhalten einiger Händler eingeräumt. Weltweit wird in der Sache bereits gegen mehr als ein Dutzend Großbanken ermittelt, darunter auch die Deutsche Bank und UBS.

Ehrliche Schätzungen Mangelware

Doch worum geht es überhaupt bei den Manipulationen? Der Libor (London Interbank Offered Rate) ist ein täglich festgelegter Referenzzinssatz im Interbankengeschäft. Jeden Arbeitstag der Woche wird um 11.00 Uhr Londoner Zeit bestimmt, wie hoch die Zinssätze sind, zu denen sich die wichtigsten internationalen Banken Gelder von anderen Banken leihen, beziehungsweise anbieten können. Insgesamt werden für zehn verschiedene Währungen, wie US-Dollar, Euro, Yen, und für diverse Laufzeiten Libor-Zinssätze angeboten.

Die Fixierung erfolgt auf Basis von Zins-Schätzungen mehrerer Banken, derzeit sind es 18 Institute. Sie geben die Sätze an, zu denen sie sich ohne Sicherheiten von anderen Instituten Geld beschaffen könnten. Der Durchschnittspreis ergibt dann den Libor.

Genau bei diesen Angaben liegt das Problem. Denn diese Schätzungen beruhen nicht auf tatsächlichen Transaktionen. Zudem ist es im Interesse der Institute, die Schätzungen möglichst niedrig anzusetzen: Zu hohe Angaben könnten Zweifel an der Bonität der Häuser aufkommen lassen. Der Anreiz zu schummeln steigt also besonders in schweren Zeiten enorm an.

Die aktuellen Untersuchungen datieren die nun entdeckten Manipulationen bis auf das Jahr 2005 zurück. Branchenkenner glauben jedoch, dass diese Praxis sehr viel älter ist: "Bereits vor 15 Jahren gab es Gerüchte, dass der Libor manipuliert wird", zitiert das britische Wirtschaftsmagazin "The Economist" Brancheninsider. Ein anderer "alter Hase" erinnert sich an seine Zeit als Händler in den späten 1980ern, als es einige "ziemlich seltsame Fixierungen" in diesem Bereich gab.

Der Unterschied sei aber, dass sich vor 2007 der Libor-Zinssatz innerhalb einer engen Bandbreite bewegte, heißt es weiter. Der Schaden, den die Manipulationen anrichten konnten, sei ungleich geringer gewesen, vor allem, weil die Märkte im Vergleich zu heute mit großzügig mit Geld versorgt waren und die Kreditkosten für die Institute und die Unternehmen niedrig waren.

Missverständnis mit der BoE?

Die Schuldenkrise bereitete dem jedoch ein abruptes Ende. Banken fingen an, an der Bonität ihrer Branchenkollegen zu zweifeln und parkten etwa im Euro-Raum immer mehr Geld bei der Europäischen Zentralbank, statt es sich gegenseitig zu leihen. Mehrmals griffen die internationalen Notenbanken ein, um den Interbankenhandel wieder in Schwung zu bringen.

In diesem Zusammenhang ist vermutlich auch das "Missverständnis" zu sehen, das der zurückgetretene Barclays-Chef Bob Diamond andeutete: Sein Haus sei 2008 davon ausgegangen, die britische Notenbank heiße falsche Angaben zur Ermittlung des Libor-Satzes gut. So habe man nach der Pleite von Lehman Brothers weitere Unruhen an den Märkten wegen steigender Refinanzierungskosten der Banken vermeiden wollen.

Der für Finanzmarktstabilität zuständige Vize-Chef der Bank of England, Paul Tucker, wies jedoch vor dem Finanzausschuss des britischen Parlaments den Vorwurf der Einflussnahme in der Affäre vehement zurück. So oder so ist die mögliche Unruhe an den Märkten vermutlich nur die halbe Wahrheit – denn selbst kleinste Veränderungen am Zins können Millionen-Profite oder Verluste nach sich ziehen.

Was nun?

Die britische Regierung will nun hart gegen die illegale Manipulation von Marktzinsen vorgehen. Wer Marktindizes fälsche, müsse ins Gefängnis, so Minister Hoban gegenüber dem "Handelsblatt". Die britischen Ermittlungsbehörden sollen zudem das Recht bekommen, Telefone von Bankern abzuhören und Email-Accounts sowie soziale Netzwerke zu überprüfen. Die EU will das Delikt EU-weit unter Strafe stellen.

Branchenkenner glauben jedoch, dass das Libor-System an sich überprüft werden muss. Ein Anfang wäre, die Zinsen auf Basis von tatsächlichen Kreditgebühren zu berechnen, sofern diese Daten vorhanden sind, heißt es. Andere glauben, dass mehr als 18 Banken beteiligt sein müssten, um die Fehlerquoten auszumerzen. Doch schwieriger wird sein, den großen Anreiz der Manipulationen einzudämmen. Denn dem können die Banken offenbar seit über 20 Jahren nicht widerstehen.

Quelle: n-tv.de

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