Wirtschaft
"Domestic and intercontinental": Die Lufthansa lässt angesichts der Streikdrohung 9 von 10 Flügen vorsorglich ausfallen.
"Domestic and intercontinental": Die Lufthansa lässt angesichts der Streikdrohung 9 von 10 Flügen vorsorglich ausfallen.(Foto: AP)

"Enormer Schaden": Lufthansa fährt Betrieb herunter

Die Lufthansa streicht wegen des Pilotenstreiks 3800 Flüge. Die Gewerkschaft Cockpit findet den Umfang des drohenden Ausstands angemessen. Der CDU-Politiker Vaatz befürchtet hingegen einen großen volkswirtschaftlichen Schaden.

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Schon jetzt ist es eine der umfangreichsten Streikaktionen der deutschen Luftfahrtgeschichte: Am Frankfurter Flughafen und allen übrigen Standorten der Deutschen Lufthansa bereitet sich die größte deutsche Fluggesellschaft auf die Auswirkungen ihres kurzfristig eingesetzten Ersatzflugplans vor.

Die Lufthansa rüstet sich für eine massive Einschränkung des regulären Flugbetriebs. Als Reaktion auf die Arbeitskampfdrohung von rund 5400 Flugzeugführern hat das Unternehmen von Mittwoch bis Freitag insgesamt 3800 Verbindungen gestrichen. Die Fronten zwischen Piloten und Arbeitgeber sind offenbar komplett verhärtet. Beobachter rechnen mit großen volkswirtschaftlichen Folgen.

Nach Angaben des Unternehmens sind von der vorsorglichen Streichung nahezu aller Lufthansa-Verbindungen in den kommenden Tagen rund 425.000 Passagiere direkt betroffen. Ungezählt sind die Ausfälle und Folgekosten, die sich auf wirtschaftlicher und privater Seite ergeben: Geschäftstermine platzen, Messeveranstalter vermissen Besucher, Luftfracht bleibt liegen, Touristen müssen kurzfristig auf andere Verkehrsmittel ausweichen - oder gleich zu Hause bleiben.

Die Pilotenvereinigung Cockpit hält die Dimension des Streiks dennoch für gerechtfertigt. Der Streitwert zwischen Piloten und Lufthansa betrage schließlich eine Milliarde Euro, sagte deren Sprecher Jörg Handwerg. Mit einer deutlichen Geste kommt die Gewerkschaft den Sorgen und Noten der Passagiere entgegen. Auf weitere Streiks in den nahenden Osterferien wollen die Piloten ausdrücklich verzichten.

"Wir werden aus Rücksicht auf die Passagiere die Osterferien aussparen", bekräftigte Cockpit-Sprecher Jörg Handwerg am Morgen. In vielen Bundesländern beginnen die Osterferien am 14. April und dauern zwei Wochen. Danach könnten die Piloten im Falle einer harten Position der Lufthansa weiter "Druck machen".

Offiziell beginnt der Ausstand der Piloten an diesem Mittwoch um 0.00 Uhr. Der dreitägige Vollstreik soll bis Freitag um 23.59 Uhr andauern. Der Arbeitskampf trifft damit zumindest die Osterferien in Niedersachsen und Bremen, die dort bereits am Donnerstag beginnen. Nach früheren VC-Angaben sollen weitere Streiks bis zum Ende der Osterferien dann ausgeschlossen sein. In Thüringen und Schleswig-Holstein enden die Osterferien in diesem Jahr erst am 2. Mai. Handwerg verteidigte das Ausmaß der Arbeitsniederlegung: "Nein, ein Streiktag hätte unserer Ansicht nach nicht gereicht."

Diese Rechte haben Fluggäste bei Streiks

Fluggesellschaften sind dazu verpflichtet, im Falle eines Streiks so schnell wie möglich eine Ersatzbeförderung zu organisieren, entweder mit einem anderen Unternehmen oder per Bahn. Wer sich lieber selbst um eine Alternative zum gestrichenen Flug kümmert, kann die Buchung stornieren und bekommt dann sein Geld zurück.

Die Fluggastrechteverordnung sieht bei großen Verspätungen oder annullierten Flügen pauschale Schadensersatzzahlungen vor. Bei Streiks gilt das aber nicht, hat der Bundesgerichtshof entschieden (Az.: X ZR 138/11). Streiks seien "nicht zu beherrschende Gegebenheiten", auf die Fluggesellschaften keinen Einfluss hätten, fanden die Richter. Anders als bei technischen Defekten oder Überbuchungen gibt es deshalb für die Reisenden kein Geld.

Immerhin haben die Betroffenen grundsätzlich Anspruch auf Betreuungsleistungen, wenn sie stundenlang auf ihr Flugzeug warten müssen. Die Fluggesellschaften müssen dann die Kosten für Telefonate, Getränke, Mahlzeiten und gegebenenfalls eine Übernachtung im Hotel übernehmen.

Schon vor dem eigentlichen Start zeigt der Pilotenstreik bereits Wirkung. Laut einer im Internet veröffentlichten Streichliste ("Gestrichene Flüge") fallen an diesem Dienstag bereits rund 40 Flüge aus. Meist handelt es sich um Fernverbindungen, die am Mittwochmorgen in Frankfurt oder München landen sollten. Diese Maschinen würden Passagiere auf einen bestreikten Umsteigeflughafen bringen, von dem sie nicht weiterkommen, erklärte ein Lufthansa-Sprecher. Von daher verzichte man auf diese Flüge. Bereits zu Wochenbeginn waren erste Verbindungen ausgefallen.

Ungewöhnliche Stille am Himmel

Lediglich rund 500 Flüge können zwischen Mittwoch und Freitag mit Jets der Konzerngesellschaften Eurowings, Lufthansa CityLine und Air Dolomiti angeboten werden, hatte Lufthansa zu Wochenbeginn mitgeteilt. Bei diesen Gesellschaften streiken die Piloten nicht. Die Absagen der Lufthansa-Flüge reichen bis zum Samstag. Bis dahin gilt auch der stark eingeschränkte Ersatzflugplan.

Betroffen sind laut Lufthansa rund 425.000 Fluggäste, denen umfangreiche Umbuchungsmöglichkeiten angeboten werden sollten. Europas größte Fluggesellschaft rechnet mit einem Ergebnisschaden in zweistelliger Millionenhöhe. Auch 23 von 31 geplanten Frachtflügen der Lufthansa Cargo seien bereits abgesagt. 2010 hatten die Piloten schon einmal mit einem vier Tage langen Streik gedroht, diesen aber nach einem Tag abgebrochen.

Politiker erwägen "Gesetzesänderung"

Die ausländischen Konzernmarken Austrian Airlines, Swiss und Brussels Airlines sollen mit größeren Jets nach Deutschland fliegen, sofern sie zur Verfügung stehen. Für innerdeutsche Verbindungen werden die Fluggäste auf die Bahn verwiesen. Dort ist mit entsprechendem Andrang zu rechnen. Insbesondere die Fernverbindungen von und nach den großen Luftdrehkreuzen wie etwa Frankfurt, München, Hamburg oder Düsseldorf dürften in den kommenden Tagen besonders stark nachgefragt sein.

Der stellvertretende Unionsfraktionsvize Vaatz kritisierte das Ausmaß des Streiks. Dieser werde "einen enormen volkswirtschaftlichen Schaden auslösen", sagte er der "Rheinischen Post". Der Fall sollte zum Anlass genommen werden, um über eine Gesetzesänderung nachzudenken.

Auch in Tarifkonflikten müssten Verhältnismäßigkeit und Chancengleichheiten gewahrt werden. Es könne nicht sein, dass eine Gewerkschaft, deren Mitglieder an wichtigen Schaltstellen säßen, ihre Position nutze, bei der Tarifentwicklung schneller voranzukommen als andere, sagte Vaatz weiter.

Knackpunkt Übergangsrenten

Lufthansa-Personalchefin Bettina Volkens bezeichnete es als schwer nachvollziehbar, dass die Vereinigung Cockpit (VC) beim gegenwärtigen Verhandlungsstand zu einem dreitägigen Vollstreik aufrufe. "Wir haben sowohl für eine verbesserte Vergütung als auch für eine künftige Regelung zum vorzeitigen Ausscheiden aus dem Flugdienst gute Angebote gemacht", sagte Volkens laut einer Mitteilung.

Knackpunkt und Streikanlass sind die von Lufthansa einseitig gekündigten Übergangsrenten, die den Piloten bislang ein vorzeitiges Ausscheiden aus dem Beruf ermöglicht hatten. In einer Urabstimmung hatten die rund 5400 Piloten zu 99,1 Prozent für einen Arbeitskampf zu diesem Thema gestimmt. Offen ist zudem der Tarifvertrag zu den Gehältern, bei dem die VC ein Plus von knapp 10 Prozent verlangt. Am Wochenende gab es nach Angaben beider Seiten noch einen letzten Versuch, mit Verhandlungen den Streik zu stoppen. Ob derzeit Gespräche geführt werden, blieb zunächst unklar.

Quelle: n-tv.de

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