Wirtschaft
Die Nullzinspolitik von EZB-Chef Mario Draghi stiehlt Millionen Menschen die Altersvorsorge.
Die Nullzinspolitik von EZB-Chef Mario Draghi stiehlt Millionen Menschen die Altersvorsorge.(Foto: picture alliance / dpa)

Auch Europa braucht die Zinswende: Mach's doch endlich, Mario!

Ein Kommentar von Hannes Vogel

Die US-Notenbanker haben das Ende der Billiggeld-Ära eingeläutet. Wie schön, wenn EZB-Chef Draghi auch in Europa den Ausnahmezustand beenden und die Zinsen anheben könnte. Denn das System ist längst in Gefahr.

US-Notenbankchefin Janet Yellen hat es getan. Zum ersten Mal nach dem Lehman-Kollaps haben die Fed-Banker die Zinsen angehoben. Nach acht Jahren Dauerkrise kehren die USA damit endlich in den Normalmodus zurück. Gut so! Viel zu lange schon hat die Reaktion auf den größten Finanzcrash seit Menschengedenken den gesunden Menschenverstand vernebelt und alle Regeln ausgehebelt. Viel zu lange schon müssen die nicht gewählten Finanzbürokraten der Welt mit ihrer Krisenpolitik das Schicksal diktieren, weil die Politik sich wegduckt.

Schon fast ein Jahrzehnt lang haben die Hüter des Geldes die Zinsen faktisch abgeschafft. Was als Notmaßnahme gedacht war, ist Normalität geworden. Die Banken haben sich in diesem permanenten Ausnahmezustand viel zu gemütlich eingerichtet. Geld zum Nulltarif, das ist die einzige Droge, die das Finanzsystem in Wahrheit noch am Laufen hält.

Man wünschte, auch die Europäische Zentralbank (EZB) könnte nun die Banken auf Entzug setzen und diese historische Anomalie endlich beenden. Doch Europa steckt weiter in der Konjunkturflaute. Der Kontinent schlingert sowieso schon am Rande eines verheerenden Preisverfalls. Wenn EZB-Chef Mario Draghi jetzt auch noch die Zinsschraube anzieht, könnten Schuldenstaaten pleitegehen. Der Euro könnte zerbrechen. Hunderttausende könnten ihre Jobs verlieren. Draghi bleibt kaum eine Wahl. Er ist ein Gefangener der Krise.

Trotzdem wünscht man sich, dass er so schnell wie möglich nachziehen kann. Inzwischen wird die Zins-Anomalie selbst den Banken unheimlich, weil sie kaum noch Gewinne erwirtschaften. Viel schwerer wiegt aber der Zorn der Durchschnittsbürger, die das System tragen. Er ist mit Händen zu greifen. Er schlägt sich längst in Wahlumfragen nieder. Denn sie sind es, die für die Krise und die Krisenprofiteure zahlen. Sie können sich nicht wie Großbanken Billionen umsonst von der Zentralbank pumpen und fast ohne Risiko in Staatsanleihen und Börsen stecken.

Millionen Menschen wird durch die Nullzinsen die Altersvorsorge gestohlen. Nicht etwa offen, so dass man den Dieb erwischen und einsperren könnte. Heimlich frisst selbst die Mini-Inflation ihr Erspartes auf. Sie werden in Zeitlupe enteignet. Sie bezahlen für das Versagen der Politiker, die weder den Euro zu Ende gedacht haben, noch die Euro-Krise in den Griff bekommen. Und sie büßen immer noch für die maßlose Gier vieler Banker, die die Finanzkrise ausgelöst haben. EZB-Chef Draghi tut wahrscheinlich das einzig Vernünftige, wenn er die Zinsen noch nicht anhebt. Trotzdem möchte man ihm zurufen: Mach's doch endlich, Mario!

Quelle: n-tv.de

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