Wirtschaft
In den 1980er-Jahren produzierten Milchbauern ohne Rücksicht auf Angebot und Nachfrage.
In den 1980er-Jahren produzierten Milchbauern ohne Rücksicht auf Angebot und Nachfrage.(Foto: REUTERS)

Die Milchquote ist Geschichte: Melken, was die Kuh hergibt

Von Diana Dittmer

Bauern können ab April wieder so viel Milch produzieren, wie sie wollen - ohne Strafe zu zahlen. Milchseen und Butterberge sind Relikte aus einer anderen Zeit. Heute lockt die unternehmerische Freiheit - mit allen Risiken.

Mit dem Aus der Milchquote werden böse Erinnerungen an die "Milchseen" und "Butterberge" der frühen 1980er-Jahre wach. Damals produzierten Bauern so viel Milch und Butter, wie sie wollten. Den Markt dafür gab es zwar nicht, aber einen Abnehmer schon: die Europäische Union (EU). Sie kaufte alles zum Garantiepreis auf, was die Bauern nicht auf dem freien Markt absetzen konnten. Die Überschüsse lagerte sie ein - mit der Idee, sie später zu verkaufen. Die enormen Lagerbestände bezeichnete man als Milchseen und Butterberge.

Um der Überproduktion Herr zu werden, führte die EU am 1. April 1983 die Milchquote ein. Sie sollte den Preisverfall stoppen und kleinere Höfe schützen. Wer mehr als erlaubt produzierte, musste Quoten hinzukaufen oder Strafe zahlen. Eine ganze Generation europäischer Bauern produzierte auf diese Weise. Genau 31 Jahre später ist jetzt auch damit wieder Schluss. Ab April dürfen und sollen die Landwirte wieder so viel Milch produzieren, wie sie wollen. Die Agrarwirtschaft vertraut darauf, dass es genügend Abnehmer für die Milch gibt und sich Angebot und Nachfrage in Zukunft selbst regulieren werden. Die Angst vor Preisverfall und Überfluss hält sich in Grenzen.

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Drei Jahrzehnte Milchquote haben vor allem eins gelehrt: Regulierung war auch nicht die perfekte Lösung. Trotz Milchquote schwankten die Erzeugerpreise für Rohmilch in den 31 Jahren um bis zu 20 Cent je Liter. Auch das Höfesterben ließ sich nicht stoppen. Zwischen 1984 und 2014 schrumpfte die Zahl der Milchbetriebe in Deutschland um rund 80 Prozent auf 77.000. Die finanzielle Belastung der Erzeuger durch die Strafabgaben oder Käufe von zusätzlichen Quoten war ebenfalls kontraproduktiv. Zusammen mit der Quote wird lästige Bürokratie abgeschafft. Die Kosten der Milchbauern sinken und sie erhalten neue unternehmerische Möglichkeiten.

Weniger Bürokratie, mehr Chancen am Weltmarkt

Der Deutsche Bauernverband freut sich jedenfalls über das Ende der Milchquote: Die Bauern könnten ihre Kapazitäten besser auslasten und mehr Milch und Milchprodukte exportieren - so die Lobbyisten. Experten schätzen den globalen Milchmarkt als einen der dynamischsten Wachstumsmärkte der Welt ein. Laut OECD und FAO wird die Nachfrage nach sicheren und hochwertigen Milcherzeugnissen vor allem in den Schwellenländern in den nächsten Jahrzehnten deutlich steigen. Prognosen zufolge wird der Milchverbrauch um zwei Prozent jährlich zunehmen.

Die deutsche Milchwirtschaft verkauft  schon heute die Hälfte der hierzulande erzeugten Milch - auch in Form von Milchpulver - ins Ausland. Der schwache Euro kommt den Produzenten entgegen. Im vergangenen Jahr haben die Milchexporte (in Milchäquivalent) um 10 Prozent zugenommen. Der wichtigste Absatzmarkt ist China. Auch Afrikaner trinken immer mehr Milch. Neue Märkte verspricht sich die Branche auch durch die geplanten EU-Freihandelsabkommen mit den USA und Kanada.

"Staatliche Markteingriffe sind angesichts des globalisierten Marktes nicht mehr realistisch", sagt Bundeslandwirtschaftsminister Christian Schmidt (CSU). "Preise und Erzeugungsmengen sollten durch die Marktbeteiligten - also durch Handel, Verarbeiter und Erzeuger - und nicht durch politische Entscheidungsträger festgelegt werden." Die meisten Bauern wollen nach Auslaufen der Milchquote tatsächlich auch mehr produzieren, bestätigt die Landesvereinigung der Milchwirtschaft in Nordrhein-Westfalen. Die Molkereien fragen momentan bei den Bauern ab, wie viel sie künftig liefern wollen.

Exportpreise sind schwankungsanfällig

Die zunehmende Abhängigkeit vom Weltmarkt birgt aber auch Risiken. Der Preisdruck könnte wegen der schwankenden Preise auf dem Weltmarkt weiter steigen. China könnte mit seinen niedrigen Arbeitskosten irgendwann den eigenen Bedarf vielleicht auch selber decken. Ein zusätzliches Risiko könnte auch die Tatsache darstellen, dass Asiaten zu einem großen Teil an einer Kuhmilch-Unverträglichkeit leiden. Würde ein großer Markt wie China plötzlich wegbrechen, könnten die Preise erheblich unter Druck geraten - überleben würden nur Großbetriebe.

Vielleicht werde der Preis durch die zusätzliche Produktion tatsächlich sinken, räumt Frank Maurer von der Landesvereinigung der Milchwirtschaft in Nordrhein-Westfalen ein. Aber die Produktion werde sich wieder einpendeln, gibt er sich optimistisch. Niemand habe Interesse an sinkenden Preisen.

Regulieren soll die Milchmenge unter anderem die Verfügbarkeit von Futter und umwelt- wie baurechtliche Faktoren. Sollte es dennoch schwierige Marktsituationen und Krisenzeiten durch extreme Preiseinbrüche geben, steht die EU auch in Zukunft bereit. Milcherzeuger werden im Notfall "schnell und flexibel" staatliche Unterstützung erhalten, verspricht das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft.

Großbetriebe werden den Zeitenwandel deutlich besser verkraften. Kleine Milchbauern dagegen, die ihre Kühe noch auf der Weide halten, werden, wenn der wichtigste Pfeiler der EU-Landwirtschaftspolitik der vergangenen Jahrzehnte entsorgt wird, auf Hilfe angewiesen sein. Der Trend scheint unaufhaltsam. Denn für einen Liter Milch gibt es schon heute nur rund 28 Cent. Um rentabel zu wirtschaften, braucht ein kleiner Betrieb mehr als 40 Cent. Der Bundesverband deutscher Milchviehwirtschaft (BDM) fordert deshalb eine EU-Kontrollstelle, die Produktionsmengen zumindest kurzfristig begrenzen kann, wenn der Preis zu stark einbricht.  

Udo Folgart vom Bauernverband Agro-Glien lehnt solche "schwerfälligen" Vorschläge ab. Er findet es "gar nicht schlecht", wenn einige Betriebe, "deren Böden und Klima nicht geeignet seien", die Milch aufgeben müssen. "Wenn Milch jetzt produziert wird, kommt sie vom besseren Wirt", so Folgart.

Bereits in den vergangenen zehn Jahren hat ein Drittel der kleinen Betriebe aufgrund des für sie zu niedrigen Milchpreises aufgegeben. Über das Schicksal der restlichen Betriebe entscheidet am Ende der Verbraucher - durch seine Bereitschaft, Milch zu fairen Preisen zu kaufen.

Quelle: n-tv.de

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