Wirtschaft
An dieses Bild müssen sich Flugreisende bei Tarifauseinandersetzungen wohl gewöhnen.
An dieses Bild müssen sich Flugreisende bei Tarifauseinandersetzungen wohl gewöhnen.(Foto: picture alliance / dpa)

Von Zug- bis Luftverkehr: Mini-Streiks mit Maxi-Folgen

Erneut wird der deutsche Luftverkehr von einer Streikwelle getroffen. Statt kleiner Spartengewerkschaften organisiert diesmal Verdi den Ausstand einer kleinen Berufsgruppe. "Völlig unverhältnismäßig", "unverantwortlich" und "nicht akzeptabel" wettern die Arbeitgeber, die aber selbst eine Mitschuld an dem Dilemma tragen.

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Mit seiner Klage über den Streik der privaten Sicherheitsleute an Flughäfen steht der neue Air-Berlin-Chef Wolfgang Prock-Schauer nicht allein. "Die Gewerkschaft trägt ihren Streik auf dem Rücken von Passagieren und Luftfahrtunternehmen aus, die mit dem Tarifkonflikt gar ni chts zu tun haben", klagte der Manager. "Völlig unverhältnismäßig", "unverantwortlich", "nicht akzeptabel" sekundieren weitere Manager der betroffenen Unternehmen. Auch von Erpressung, Geiselhaft und absurden Folgen des Streikrechts war bei ähnlicher Gelegenheit schon die Rede.

Tatsächlich ist der Luftverkehr empfindlicher als andere Wirtschaftsbereiche. Das auf hohe Betriebssicherheit ausgelegte System stottert sofort, wenn ein kleiner Teil ausfällt. Einzelne Berufsgruppen können den Betrieb empfindlich stören, wenn nicht zum Erliegen bringen. Vor allem kann die einmal ausgefallene Produktion anders als etwa in einer Autofabrik nicht einfach nachgeholt werden. Das haben sich in den vergangenen Jahren eine steigende Zahl von Spartengewerkschaften zunutze gemacht: Für Flug- und Vorfeldlotsen, Piloten und Flugbegleiter wurden jeweils verschiedene Tarifverträge abgeschlossen.

Erste Klagen laufen

Das bislang heftigste Beispiel war der Streik von nur 200 Beschäftigten auf dem Vorfeld des Frankfurter Flughafens im Februar 2012. Die Gewerkschaft der Flugsicherung (GdF) verlangte für die teils nur angelernten Kräfte laut Fraport Entgeltsteigerungen von bis zu 70 Prozent und ließ dafür am zentralen Drehkreuz innerhalb von zwei Wochen mehr als 1700 Flüge ausfallen. Auch mit einem Solidarstreik der mächtigen Towerlotsen von der bundeseigenen Deutschen Flugsicherung (DFS) wurde gedroht. Der von Lufthansa, Air Berlin und Fraport angestrengte Prozess um mehr als 9 Mio. Euro Schadenersatz steckt in der ersten Instanz.

Anders als die frühere Einheitsgewerkschaft - im einstmals öffentlich organisierten Luftverkehr ist das Verdi - müssen die Spartengewerkschaften ausschließlich das Wohl ihrer kleinen, eng umrissenen Klientel im Auge haben. Der Vereinigung Cockpit (VC) ist es 2001 erstmals gelungen, bei der Lufthansa einen eigenen Tarifvertrag für die Piloten abzuschließen. Es folgten weitere mit teils spektakulären Entgelterhöhungen für die Spitzenverdiener.

Starke Spartengewerkschaften

Grundlage der Erfolge ist einzig und allein der Organisationsgrad in den Betrieben, wie es der Chef der ebenfalls kampfstarken Lokführer-Gewerkschaft GDL, Claus Weselsky, erklärt hat. Ohne streikbereite Lokführer wäre es nie gelungen, der Deutschen Bahn einen eigenen Tarifvertrag für diese Berufsgruppe abzutrotzen. Eine weitere starke Spartengewerkschaft ist der Marburger Bund für Klinikärzte.

Im Sommer 2012 ließ es die Lufthansa nach zähen Verhandlungen auf einen Streik ihres Kabinenpersonals ankommen, das bis dahin als handzahm und kaum streikfähig gegolten hatte. Die Gewerkschaft Ufo (Unabhängige Flugbegleiter Organisation) organisierte daraufhin den größten und wirkungsvollsten Streik in der Geschichte des Kranich-Konzerns und setzte in einer Schlichtung unter anderem das Verbot von Leiharbeit an Bord und höhere Einstiegsgehälter durch.

Ufo war auch aus Konkurrenz zur DGB-Dienstleistungsgewerkschaft Verdi in den Konflikt gezogen, mit der man zunächst gemeinsam in einer Tarifgemeinschaft verhandelt hatte. Als sich Verdi mit einem Lohnplus von 3,5 Prozent zufriedengab, musste Ufo liefern. Heute streiten sich die Konkurrenten, wer mehr herausgeholt hat.

Medaille mit zwei Seiten

Verdi sitzt in der Zwickmühle: Auf der einen Seite gehen immer mehr Berufsgruppen von der Fahne, auf der anderen Seite muss sie den Verbliebenen nachweisen, dass sich die Mitgliedschaft lohnt. Sie wende beim externen Sicherheitspersonal am Boden die Methoden der Spartengewerkschaft an, schimpft Lufthansa-Vorstand Stefan Lauer. Er vergisst aber zu erwähnen, dass es die Flughafenbetreiber im Verein mit der Bundespolizei waren, die Ausgründung und Privatisierung der nun bestreikten Sicherheitsdienste vorangetrieben haben.

Forderungen der Arbeitgeber nach einer gesetzlichen Regelung der Tarifeinheit nach dem Grundsatz "Ein Betrieb - ein Tarifvertrag" wurden von den DGB-Gewerkschaften nach anfänglicher Sympathie nicht weiter unterstützt. Letztlich fürchtete man politische Eingriffe in das  Tarifrecht und das Grundrecht der Koalitionsfreiheit. Die Politik lässt seitdem die Finger von dem Thema.

Quelle: n-tv.de

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