Wirtschaft
1953 war der Beginn der Volkswagen-Aktivitäten in Brasilien: Die Produktionsstätte Ipiranga mit davor geparkten VW-Käfern.
1953 war der Beginn der Volkswagen-Aktivitäten in Brasilien: Die Produktionsstätte Ipiranga mit davor geparkten VW-Käfern.(Foto: picture alliance / dpa)

Kollaboration mit Militär-Diktatur?: VW reagiert auf Klage in Brasilien

Als sei die Abgas-Affäre nicht Ärger genug. In Brasilien läuft eine Zivilklage gegen VW. Der deutsche Autobauer soll unter dem Militärregime in den 60er und 70er Jahren illegale Festnahmen und Folter von Mitarbeitern gedeckt haben.

Den ersten Käfer schrauben zwölf Leute 1953 in einer kleinen Halle in São Paulo zusammen - mit aus Deutschland importierten Teilen. Danach rollt Auto um Auto vom Band. Volkswagen do Brasil wächst über die kommenden Jahre zu einer Marke, die die Brasilianer lieben. Die Slogans lauten "Vernunft auf vier Rädern" und: "Auf uns ist Verlass. Ganz sicher." Käfer, Gol, Brasília und Santana erobern die Straßen. 

Im März rollt das 22-millionste Auto in Brasilien vom Band, ein blauer New Fox Highline. Auf den ersten Blick ist es eine Erfolgsgeschichte. Aber inzwischen kämpft der Volkswagen-Konzern nicht nur mit dem Diesel-Abgasskandal, sondern auch in Brasilien - einem der wichtigsten Auslandsmärkte für den Konzern - mit schweren Vorwüfen. Volkswagen holt hier eine dunkle Geschichte ein: Es geht darum, ob und wie Volkswagen mit dem Militärregime kollaboriert hat. Seit dem 22. September läuft eine Sammelanzeige. Der Imageverlust für Volkswagen droht immer größer zu werden.

Folter und Festnahmen von Mitarbeitern?

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Hat die VW-Tochter in Brasilien Festnahmen am Arbeitsplatz und den Abtransport in Folterzentren während der Militärdiktatur von 1964 bis 1985 geduldet oder sogar über das eigene Sicherheitspersonal aktiv unterstützt? Wurde das Regime mit schwarzen Listen versorgt? Wollte VW sich so ein "ruhiges" Marktumfeld in unruhigen Zeiten von Diktatur und Kaltem Krieg sichern?

Nach der kubanischen Revolution hatten die Militärs auch in Brasilien kommunistischen, subversiven, revolutionären "Elementen" den Krieg angesagt. Es gab einige hundert Tote - in Argentinien oder Chile forderten die Diktaturen weit mehr Opfer.

Die Klage in Brasilien kommt für den Konzern ungelegen. Wegen der Wirtschaftskrise im fünftgrößten Land der Welt bricht ohnehin schon der Absatz weg: Bis August lieferte VW hier nur 245.900 Fahrzeuge aus - ein Rückgang um 30,6 Prozent. Das einzig Positive: Hier sind Diesel viel weniger verbreitet, man setzt stark auf Flex-Motoren mit Ethanol/Benzin.

Aktionärsverband fordert Entschädigung

VW muss die Opfer um Entschuldigung bitten und eine "deutliche Entschädigung" leisten, fordert Christian Russau vom Dachverband der Kritischen Aktionäre. Bald wird sich Manfred Grieger wieder nach São Paulo aufmachen. Fünfmal war er bereits dort. Die Vorwürfe sind nicht neu, aber durch die Anzeige gibt es eine neue Dynamik in der Sache.

Grieger ist Leiter Historische Kommunikation in Wolfsburg, sozusagen der Chef-Historiker von VW und zugleich noch Lehrbeauftragter an der Universität Göttingen. Er soll die Geschichte von Europas größtem Autobauer aufarbeiten, also auch das Kapitel um Zwangsarbeiter. In einer Analyse schreibt Grieger, Ferdinand Porsche habe 1944 die guten Kontakte zu Heinrich Himmler genutzt, "um außerplanmäßige Zuweisungen von KZ-Häftlingen zu erhalten". 

Seit Tagen wird auch in Brasilien in den Zeitungen über den Skandal um per Software geschönte Abgaswerte von Diesel-Pkw berichtet. Gleichzeitig wird aber auch über die historische Verantwortung des Konzerns diskutiert. Die vom Arbeiterforum für Wahrheit, Gerechtigkeit und Reparation bei der Bundesstaatsanwaltschaft in São Paulo eingereichte Anzeige wiegt schwer.

Belastende Dokumente

Ein "vertraulich" gekennzeichnetes internes VW-Schreiben vom 9.9.1974 listet sechs Angestellte auf, die wegen subversiver Tätigkeiten vom Obersten Militärtribunal angeblich verurteilt wurden. Auch erhielt das Regime vertrauliche Berichte von VW. Darüber hinaus geht es auch um das mögliche Decken von Repressionen gegen Arbeiter in Betrieben. Der Konzern verspricht rasche Aufklärung. Aber diese ist schwierig. Die Archive sind oft ungeordnet, einige Vorwürfe daher schwer zu verifizieren. 

"Volkswagen bedauert in höchstem Maße, dass den Betroffenen während der Militärdiktatur gegebenenfalls unter Beteiligung von Mitarbeitern der Volkswagen do Brasil Leid zugefügt wurde", betont Grieger. Man werde auf die Betroffenen zugehen und sie befragen. Wer die Verantwortung für diese Menschenrechtsverletzungen trage, "werde vorbehaltlos und bis ins Letzte untersucht", verspricht Grieger.

Die von der brasilianischen Regierung eingesetzte Wahrheitskommission zur Aufarbeitung von Verbrechen in der Zeit hat festgestellt, dass der Name Volkswagen häufig in Dokumenten auftaucht. Kommt es zum Prozess, könnten am Ende Entschädigungszahlungen anfallen - das größere Problem aber wäre wohl der weitere Vertrauens- und Ansehensverlust.

Quelle: n-tv.de

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