Wirtschaft
Opel steckt in den roten Zahlen. Eine Trendwende scheint nicht in Sicht. Über Werksschließungen wird spekuliert.
Opel steckt in den roten Zahlen. Eine Trendwende scheint nicht in Sicht. Über Werksschließungen wird spekuliert.(Foto: picture alliance / dpa)

Autoexperte Becker im Interview: "Opel gibt es in 5 Jahren nicht mehr"

Opel steckt tief in der Krise. Die roten Zahlen reißen nicht ab, Spekulationen über Werksschließungen auch nicht. Ein neuer Chef soll für eine Trendwende bei der GM-Tochter sorgen. Schaffen wird er es aber nicht, wie Autoexperte Dr. Becker im n-tv-Interview sagt. Er sieht für Opel schwarz.

n-tv.de: Herr Becker, Opel steckt in der Krise. Der Marktanteil ist unter 7 Prozent gefallen und damit meilenweit entfernt von den Werten über 20 Prozent aus der Opel-Blütezeit, den 1970er Jahren. Ein beispielloser Niedergang - wo liegen die Gründe dafür?

Dr. Helmut Becker ist ehemaliger Chefvolkswirt von BMW und leitet das Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK) in München.
Dr. Helmut Becker ist ehemaliger Chefvolkswirt von BMW und leitet das Institut für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation (IWK) in München.

Dr. Becker: Im Management. Ausschließlich. Und zwar im obersten Management. Das betrifft sowohl die Führung der amerikanischen Mutter General Motors, die nie verstanden hat, wie der deutsche Automarkt funktioniert. GM hat immer wieder in die Markt- und Modellpolitik seiner Tochter eingegriffen. Gleichzeitig hat es aber auch das deutsche Opel-Management nicht verstanden, als es in den vergangenen Jahren stärker mehr Möglichkeiten eingeräumt bekommen hat, diese Situation zum Besseren zu drehen. 18 Vorstandswechsel in 20 Jahren, davon drei neue Chefs in nur drei Jahren sprechen eine deutliche Sprache. Ein Unternehmen kann so nicht geführt werden.

Bringt Opel da die von GM getriebene Allianz mit Peugeot (PSA) wirklich weiter?

Nein! Es hat noch nie funktioniert, dass sich zwei Schwerkranke, die sich gemeinsam ins Bett gelegt haben, als Gesunde daraus wieder aufgestanden sind. PSA ist der schwächste Partner, den sich GM für Opel hätte aussuchen können. Für GM ist Peugeot der Strohhalm, um sich elegant von Opel zu verabschieden. Peugeot aber ist zu schwach, um Opel aufzufangen.

Opel ist reiner Massenhersteller, aus dem Premiumsegment hat man sich mit dem Senator vor rund 20 Jahren verabschiedet - ein entscheidender Fehler?

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Ja, einer von vielen. Schwieriger wiegt aber, dass das Management es versäumt hat, die Marke wettbewerbsfähig zu halten. Man erkannte damals - als das Premiumsegment noch in den Kinderschuhen steckte und BMW und Audi noch lange nicht die starke Position von heute innehatten - nicht, in welche Richtung sich der Markt entwickeln wird. Heute sind BMW, Audi und Mercedes die drei Top-Marken im Segment, von Opel spricht kein Mensch mehr. 

Kann es Opel eigentlich noch einmal in die Gewinnzone schaffen? Also die Kurve kriegen?

Nein.

Obwohl der zurückgetretene Opel-Chef Stracke jüngst noch eine unglaubliche Modelloffensive angekündigt hat - immerhin mehr als 20 neue Autos bis 2016?

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Die Modelloffensive kommt viel zu spät für Opel. Vor fünf oder zehn Jahren wäre sie goldrichtig gewesen. Selbst 2008/2009, als die Mutter GM tief in der Krise steckte, hätte sie noch etwas gebracht. Es wäre damals sogar die Chance gewesen, sich von der Mutter abzunabeln. Aber jetzt ist der Zug abgefahren. Stracke hat erkannt, dass man die Marke Opel nicht nur durch Einsparungen retten kann. Sie können kein Automobilunternehmen durch Einsparungen retten, sondern nur dadurch, dass mehr Autos verkauft werden. Opel hätte eine offensive Marktpolitik betreiben müssen. Das hat Stracke richtig gesehen.

Warum ist er dann zurückgetreten?

Für eine solche Modelloffensive braucht man Geld. Und das Geld wollte GM offenbar nicht zur Verfügung stellen und deshalb hat Stracke das Handtuch geworfen.

Hat der neue Chef Thomas Sedran so gesehen eigentlich noch eine reelle Chance, Opel zu sanieren?

Nein. Sedran muss sinkenden Absatzzahlen hinterhersparen. Diesen Wettlauf hat noch jedes Automobilunternehmen verloren. Wenn Sedran aber clever war, hat er sich wenigstens einen guten Vertrag ausgehandelt.

Wann wird denn das erste deutsche Opel-Werk geschlossen?

Das kann ich nicht genau beurteilen, weil es von mehreren Gründen abhängt: politischen und wirtschaftlichen. Sollte sich die derzeitige Krise am europäischen Automarkt, dem Kernmarkt von Opel, aber weiter verschärfen, kann ich mir eine Werksschließung bereits im nächsten Jahr vorstellen. Es kann dann sehr schnell gehen.

Wird es die Marke Opel in fünf Jahren noch geben?

Die Marke Opel kann es noch geben, wenn irgendjemand bereit ist, Geld in die Hand zu nehmen, um die Marke Opel zu übernehmen. Diese Möglichkeit besteht zwar theoretisch. Derzeit sehe ich aber niemanden, der dies machen würde. Als selbständige Marke innerhalb des GM-Konzerns wird es Opel mit Sicherheit nicht mehr geben.

Vielen Dank!

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Mit Dr. Helmut Becker sprach Thomas Badtke

Quelle: n-tv.de

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