Wirtschaft
Der Bitcoin, eine harte oder eine weiche Währung? Vielleicht hilft der Beißtest.
Der Bitcoin, eine harte oder eine weiche Währung? Vielleicht hilft der Beißtest.(Foto: AP)

Ende des digitalen Goldrausches?: Panik-Verkäufe beim Bitcoin

Von Diana Dittmer

Wer hoch steigt, fällt auch tief. Diese schmerzliche Erfahrung machen gerade Anleger, die in die Internetwährung Bitcoin investiert haben. Wochenlang kannte diese nur eine Richtung – nach oben. Nun verliert die erfundene Alternativwährung aus dem Netz über 60 Prozent an Wert. Das ist Wasser auf die Mühlen der Kritiker.

Das umstrittene Internet-Geld Bitcoin ist erwartungsgemäß auch kein sicherer Fels in der Brandung der Euro-Krise. Nach dem wochenlangen Hype um die Kunst-Währung zeigt sich, wie instabil sie sein kann. Die bittere Erkenntnis: Auch im digitalen Paralleluniversum gibt es kein Netz und keinen doppelten Boden. Nachdem der Kurs auf der wichtigsten Handelsplattform Mt.Gox das Rekordhoch bei 266 Dollar erreicht hatte, stürzte er binnen weniger Stunden auf 105 Dollar ab. Die virtuelle Währung erlebt ihre eigene Vertrauenskrise. Etwas, was Fans des Bitcoins so sicherlich nicht so schnell erwartet hatten.

Overkill - zu viel für die Technik

Zur Begründung verwies Mt.Gox per Facebook-Mitteilung auf das Handelssystem, das Aussetzer gehabt habe, weil es den Zufluss neuer Nutzer nicht verarbeiten konnte. Bei den Bitcoin-Besitzern habe das eine Panik-Reaktion ausgelöst. Die Vermutung, dass es sich dabei um einen weiteren Hacker-Angriff gehandelt haben könnte, wurde verneint. "Wir waren gestern Abend nicht Opfer einer DDoS-Attacke, sondern Opfer unseres eigenen Erfolgs", erklärte der Betreiber von Mt. Gox in dem Facebook-Eintrag. Die Zahl der Transaktionen habe sich innerhalb von 24 Stunden verdreifacht. Jeden Tag würden 20.000 neue Konten bei der Online-Börse eingerichtet, heißt es. Damit eine solche Panne in Zukunft ausgeschlossen werden kann, sollen zusätzliche Server geschaltet werden. Der Handel wurde am Donnerstag für zwölf Stunden eingestellt.

Das Bitcoin-Beben ist eine schlechte Nachricht für alle, die meinten, dass die Cyber-Währung sicherer sei als "normale" Währungen wie Dollar, Euro & Co. Bei Bitcoin-Fans sollten die Alarmglocken schrillen, auch wenn sich der Kurs im weiteren Handelsverlauf auf 168 Dollar erholte. Denn die Achterbahnfahrt rückt erneut die Sorge vor einer Spekulationsblase in den Fokus. Der Bitcoin erlebte zuletzt einen massiven Ansturm von Interessenten, die den herkömmlichen Devisen nicht mehr trauen. Der Kursverlauf spricht Bände: Vor einem Jahr notierte die "Hacker-Währung" noch bei lediglich fünf Dollar. Kritiker warnen angesichts des Rummels um das virtuelle Geld vor dem fast unweigerlichen Platzen der Blase. Der Aussetzer bei der Technik und die Panik der Nutzer haben den Knall gewissermaßen jetzt vorweg genommen.

Manch einer wird sich, wenn es richtig knallt - also nicht anders als im realen Börsenleben auch - mit seinem Investment gesundgestoßen haben. Einer, der bereits profitiert hat, ist der Gründer der Piratenpartei Rick Falkvinge, der nach eigenem Bekunden nicht davor zurückscheute, sein gesamtes Vermögen in Bitcoins anzulegen. Die Hälfte seines Gewinns habe er wieder in andere Währungen getauscht. Ein lukratives Geschäft: "Ich war noch nie so reich." Aber nicht nur besonders verwegene Anleger, Spekulanten oder Nerds lassen sich hier offenbar hinreißen. Selbst große Vermögensverwalter sollen mittlerweile Interesse an der "Hackerwährung" bekundet haben. Das Risiko, das speziell dieses Geschäft birgt, wird allenthalben ausgeblendet.

Der Anfang vom Ende?

Das Problem am Bitcoin - neben allen technischen Tücken und Unwägbarkeiten - ist, dass kurzfristige Kursanstiege aufgrund eines Hypes eigentlich das Gegenteil von dem sind, was eine zuverlässige Währung ausmacht. "Wenn der Bitcoin zu teuer wird, verliert er seinen Nutzen als Zahlungsmittel", gab der Analyst Sebastien Galy von der Großbank Société Générale jüngst zu Bedenken. Die Währung wird nur noch gehortet statt ausgegeben und Investoren mutieren zu Spekulanten. Der "Economist" sagte dem Bitcoin bereits sein Waterloo voraus. "Es gibt jeden Grund anzunehmen, dass der Bitcoin-Boom bald endet," schrieb das renommierte Londoner Wirtschaftsmagazin.

Der Hype um den Bitcoin wird insofern von den staatlichen Behörden auch durchaus kritisch beobachtet, zumal das Netzgeld in erster Linie erfunden wurde, um das Monopol der Notenbanken zu brechen. Berlin und Washington sind in Habachtstellung. Während Deutschland aber bislang noch keinen Handlungsbedarf sieht, hat das US-Finanzministerium den Bitcoin immerhin den staatlichen Geldwäscheregulierungen unterworfen.

Wie kommt man an Bitcoins?

Wer trotz aller Unwägbarkeiten mit am großen Rad drehen will, muss gewisse technische Voraussetzungen mitbringen. Am Geldautomaten ziehen lassen sich Bitcoins nämlich nicht. Entweder man erzeugt ("schürft") sie selbst am Rechner mit einer speziellen Software oder man füllt seine digitale Brieftasche auf einer Handelsplattform wie Mt.Gox gegen reale Dollar oder Euro. Das japanische Unternehmen ist die wichtigste Börse, sie wickelt nach eigenen Angaben etwa 80 Prozent des weltweiten Handelsvolumens ab.

Inzwischen gibt es sogar eine Reihe von Internetseiten und Geschäften, die Bitcoins als Zahlungsmittel akzeptieren. Das größte Interesse findet die Währung nach Angaben der Bitcoin Foundation, der selbsternannten Interessensvertretung, übrigens in den wohlhabenden Regionen wie den USA und Nordeuropa. Um eine Fluchtwährung für verunsicherte Zyprer oder Spanier, wie viele gedacht haben,  handelt es sich also nicht.

Vorsicht ist beim Handel mit Bitcoins unter mehreren Gesichtspunkten geboten: So kämpft ein Portal wie Mt.Gox nicht nur mit der Technik, die unter dem Ansturm zusammenbricht, sondern auch regelmäßig mit Cyber-Attacken. Den größten Hacker-Angriff gab es nach eigenen Angaben Anfang des Monats.

Vertrauenskrise in der virtuellen Welt

Wer meint, mit dem Bitcoin auf eine nie versiegende Geldquelle gestoßen zu sein, wird enttäuscht. Die Gesamtmenge der seit 2009 kursierenden Währung soll - so der Plan - bei 21 Millionen eingefroren werden, wodurch Bitcoins so knapp gehalten werden wie Gold. Der eingebaute Inflationsschutz hat zur Folge, dass es keine Möglichkeit gibt, mit einer flexiblen Steuerung der Geldmenge für Preisstabilität zu sorgen. Bisher wurde rund die Hälfte der geplanten Einheiten erstellt. Da der Gesamtwert aller existierenden Bitcoins zuletzt über eine Milliarde US-Dollar kletterte, ist demnach Halbzeit. Die Bilanz an dieser Stelle fällt durchwachsen aus.

Letztlich funktioniert Geldwirtschaft nur mit Vertrauen - in der realen Welt wie in der virtuellen. Bei staatlich garantierten Währungen sorgt die Zentralbank dafür. Das Vertrauen in Notenbanken mag bei manchem wanken. Jedem Zweifler muss aber klar sein, dass es beim Bitcoin noch nicht einmal annähernd eine vergleichbare Autorität gibt. Selbst der Erfinder des Bitcoins ist nur mit seinem anonymen Netznamen Satoshi Nakamoto bekannt. Für das Vertrauen in die Kunst-Währung sorgt am Ende allein eine Verschlüsselungstechnik, die so zeit- und rechenaufwendig ist, dass jedes Kopieren unmöglich ist. Wer hier mitspielen will, sollte sich klar machen, dass er sich auf mehr einlässt als kalkulierbare Mathematik. Der Bitcoin-Kurs ist so wie der Kurs klassischer Währungen das Ergebnis von Angebot und Nachfrage. Hinter Euro, Dollar, Yen und Co. stehen aber Volkswirtschaften, die Güter und damit Werte erwirtschaften. Wird der Bitcoin nicht mehr nachgefragt, steht hinter ihm gar nichts - er fällt auf Null.

Quelle: n-tv.de

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