Wirtschaft
Viele der fast 20.000 Mitarbeiter bangen um ihren Job.
Viele der fast 20.000 Mitarbeiter bangen um ihren Job.(Foto: REUTERS)

Fatale Rabattschlacht: Praktiker stellt Insolvenzantrag

Zahlungsunfähig und überschuldet: Praktiker steht vor einem Scherbenhaufen und geht in die Insolvenz. Die Gründe liegen etwa in der jahrelang gefahrenen Discount-Strategie.

Im deutschen Handel steht ein weiteres prominentes Unternehmen vor dem Aus. Die Baumarktkette Praktiker beantragte ein Insolvenzverfahren. Als Begründung nannte das Management Überschuldung und Zahlungsunfähigkeit.

Der beim Amtsgericht Hamburg gestellte Antrag erstrecke sich über acht Tochterfirmen in Deutschland hieß es. Der Insolvenzantrag für die Praktiker AG werde in Kürze nachgereicht, teilte die Holding mit. Das Unternehmen strebt an, in einem "Regelinsolvenzverfahren" einen Sanierungsplan erstellen zu können.

Nicht betroffen seien die 132 Max-Bahr-Märkte und das internationale Geschäft des Konzerns, hieß es weiter. Praktiker ist unter anderem in Polen, der Ukraine, in Ungarn und der Türkei aktiv.

Der Baumarktkonzern - bekannt durch seinen Werbeslogan "20 Prozent auf alles, außer Tiernahrung" - will sein Aushängeschild Max Bahr nach Möglichkeit aus der Insolvenz heraushalten. Dabei geht es sowohl um die 78 profitablen, seit jeher unter Max Bahr geführten Märkte als auch die anderen Häuser, die erst im Zuge der Sanierung in den vergangenen Monaten von der Marke Praktiker auf Max Bahr umgeflaggt worden waren. Erstere dienen als Sicherheit für die Banken, die Praktiker im vergangenen Jahr noch einmal Kredite gegeben hatten.

Die Gewerkschaft Verdi wertete die Pleite als "menschliche und existenzielle Tragödie" für viele der Beschäftigten. Mit dem bevorstehenden Insolvenzverfahren drohe vielen Mitarbeitern der Verlust des Arbeitsplatzes. Das Unternehmen hat insgesamt rund 20.000 Mitarbeiter und betreibt mit in verschiedenen Ländern über 400 Baumärkte, mehr als 300 davon auf dem Heimatmarkt. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete das Unternehmen einen Umsatz von 3 Mrd. Euro, unter dem Strich schreibt Praktiker aber seit Jahren rote Zahlen. 2005 war das Unternehmen an die Börse gegangen.

Während die Konkurrenz skeptisch auf den vom Aus bedrohten Pleite-Kandidaten schaut, verkauften Anleger ihre Aktien. Der Kurs brach um zeitweise mehr als 70 Prozent auf 10 Cent ein, nachdem die Papiere bereits zur Wochenmitte um knapp 20 Prozent abgestürzt waren. Am Nachmittag notierten sie noch rund 60 Prozent im Minus bei 14 Cent.

Finanzlage schon länger kritisch

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Deutschlands drittgrößte Baumarktkette Praktiker stellte Insolvenzantrag, nachdem am Mittwochabend Gespräche über die Sanierung und Finanzierung der Kette gescheitert waren. Banken wollten offenbar kein frisches Geld nachschießen. Damit ist Praktiker nicht nur überschuldet, sondern auch zahlungsunfähig.

Finanzkreisen zufolge hatte das Management die Rettung über einen Schuldenschnitt angestrebt. Im Gespräch war dabei die Halbierung der Schuldenlast. Im Gegenzug sollten die Gläubiger über einer Kapitalerhöhung Anteile an Praktiker erhalten. Ein Praktiker-Sprecher wollte sich über die Details nicht äußern.

Praktiker kämpft seit einiger Zeit ums Überleben. Das größte Problem ist die anhaltend angespannte Liquiditätslage. Die Branche insgesamt kämpft zudem mit einem rückläufigen Geschäft, auch bedingt durch das schlechte Wetter im ersten Halbjahr, das Heimwerker und Gartenfreunde nicht in die Märkte lockte.

Rabattschlacht geht nach hinten los

Praktiker versuchte, wieder vermehrt mit Rabatten dagegenzuhalten. Doch dies führt zu sinkenden Margen. Mit ihren allseits bekannten "20 Prozent auf alles" hat sich Praktiker schon einmal fast an den Rand des Ruins gewirtschaftet. Doch offenbar blieb dem Unternehmen derzeit keine andere Möglichkeit, um überhaupt an Liquidität zu kommen. Dazu kostet der laufende Konzernumbau Millionen.

Branchenkreisen zufolge sollen einige Lieferanten nur noch gegen Vorkasse liefern. Betroffen sind dabei vor allem die Praktiker-Märkte. Auch sollen vereinzelt Lieferungen zurückgehalten worden sein, so dass bei einigen Praktiker-Märkten die Regale leer bleiben.

Praktiker hatte daher auch auf Liquidität durch den Verkauf von Konzernteilen gehofft, etwa die profitable Tochter in Luxemburg. Doch dieser scheiterte im letzen Moment. Wie Praktiker mitteilte, konnte die Veräußerung der Anteile an der luxemburgischen Tochter Bâtiself S.A. kurz zuvor wegen Gremienvorbehalten auf Seiten des Käufers nicht abgeschlossen und somit die erwarteten Erlöse aus dem Verkauf nicht realisiert werden. Diese Erlöse waren im Finanzierungskonzept aus dem Jahr 2012 jedoch fest eingeplant.

Die österreichische Großaktionärin Isabella de Krassny glaubt indes an die Rettung. "Wenn jetzt alle Beteiligten an einem Strang ziehen, lässt sich Praktiker auch in der Insolvenz sanieren", sagte de Krassny der "Wirtschaftswoche". Es sei davon auszugehen, dass rund 80 defizitäre Praktiker-Filialen geschlossen werden müssten. Zudem müsse frisches Geld im Volumen von mindestens 40 Mio. Euro eingesammelt werden.

Obi winkt ab

Die Baumarktkette Obi will den vor der Pleite stehenden Konkurrenten Praktiker nicht übernehmen. "Wir werden mit Sicherheit keine Kette übernehmen", sagte der Chef des Obi-Mutterkonzerns, Karl- Erivan Haub, bei seiner Bilanzvorlage. Das Exposé zu Praktiker habe man vier Mal auf dem Tisch gehabt. "Es wurde zwar immer preiswerter, aber nicht besser", betonte er. Obi könnte möglicherweise an einigen guten Standorten interessiert sein. Wieviele Praktiker-Filialen infrage kämen, sagte er jedoch nicht.

Der Tengelmann-Konzernchef sprach von einer Marktbereinigung, die sich nicht nur in Deutschland abspiele. "Es es gibt kaum ein Land, wo uns nicht Baumarktketten angeboten werden. Es steht viel zum Verkauf", schilderte Haub. Der Familienkonzern prüfe diese Dinge mit Augenmaß. So habe Obi drei Baumärkte in Ungarn übernommen.

Quelle: n-tv.de

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