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Glück gehabt ... aber das letzte Wort zur Rettungsaktion ist möglicherweise noch nicht gesprochen.
Glück gehabt ... aber das letzte Wort zur Rettungsaktion ist möglicherweise noch nicht gesprochen.(Foto: picture alliance / dpa)

Irland bringt "Opfer für Europa": Der keltische Tiger zeigt Zähne

Von Diana Dittmer

Irland hat Glück gehabt. Der ehemalige Euro-Rettungskandidat hat die Krise schnell hinter sich gelassen. Alle könnten zufrieden sein. Über eine Sache würde Dublin aber gern noch mal sprechen: Wer zahlt hier eigentlich für wen?

Es gibt viele offene Rechnungen in der Eurokrise. Die größte ist ohne Frage die griechische. Es gibt aber auch noch andere, eher versteckte Rechnungen. Eine könnte Irland noch präsentieren. Vor allem Deutschland würde das nicht gefallen.

Nach den Turbulenzen der Finanzkrise geht es dem ehemaligen Rettungskandidaten zum Glück wieder deutlich besser. Die Arbeitslosigkeit ist erstmals seit mehr als sechs Jahren unter die Marke von zehn Prozent gefallen. Im vergangenen Jahr erwirtschaftete das Land 4,8 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Das war im Schnitt vier Mal mehr als die anderen europäischen Staaten vorlegten. Die Länder der Eurozone schafften nur magere 0,9 Prozent. Europa würde das gerne als Beweis einer erfolgreichen Rettungsaktion der Geberländer verbuchen. In Irland mehren sich allerdings die Stimmen, die sagen, dass Irland bei der Rettungsaktion schlecht weggekommen sei. 

Es ist nicht das erste Mal, dass Irland mit einer fabelhaften Wachstumsgeschichte aufwartet. Das Land hat schon früher Geschäftstüchtigkeit bewiesen. Mit seinen extrem niedrigen Steuern wurde es Mitte der 90er Jahre zum Mekka für Unternehmen - damals wurde der Begriff vom "keltischen Tiger" geprägt. Die Insel wies Wachstumszahlen in zweistelliger Höhe auf. Im Jahr 2008, als die US-Bank Lehman Brothers kollabierte, fand diese Periode jedoch ein jähes Ende.

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Massenhaft ausländisches Kapital und der Immobilienboom hatten den Finanzsektor Irlands aufgebläht. Die Blase platzte, und im November 2010 musste Irland als zweiter Staat nach Griechenland die Hilfe des Rettungsschirms in Anspruch nehmen. EU und IWF schnürten ein Hilfspaket in Höhe von 85 Milliarden Euro. Wie bei Griechenland vereinbarten die Geldgeber im Gegenzug strikte Sparmaßnahmen. 17,5 Milliarden Euro musste Dublin selbst aufbringen. Dafür wurde der Nationale Pensionsfonds angezapft.

Entschlossener als die Südländer

Die Menschen bezahlten für die Rettungsaktion einen hohen Preis: In den vergangenen fünf Jahren wurden nach Angaben der Deutsch-Irischen Industrie- und Handelskammer im öffentlichen Dienst 20 Prozent und in der Privatwirtschaft 30 Prozent gespart. Beamtengehälter sanken um bis zu 15 Prozent. Die Arbeitslosenunterstützung, das Kindergeld und die Sozialhilfe wurden reduziert. Auch der Mindestlohn wurde vorübergehend herabgesetzt, gleichzeitig stieg die Mehrwertsteuer.

Der Mix aus drastischen Sparmaßen, Steuererhöhungen und politischen Reformen brachte die Iren dafür aber auch schnell auf die Erfolgsspur zurück. Ende 2013 konnte Irland den Rettungsschirm wieder verlassen. Und Mitte März 2015 kündigte die Regierung an, mehrere Kredite des IWF vorzeitig zurückzuzahlen. Die staatliche gestützte Bank of Ireland teilte sogar mit, dass sie erstmals seit der Finanzkrise wieder schwarze Zahlen schrieb.

"Irlands Wirtschaftskrise war ein großer Schock", sagt der Präsident des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) Marcel Fratzscher. Anders als die Südländer sei Irland aber zu einem klaren Schnitt bereit gewesen. Alle Vorhaben wurden schnell umgesetzt. Das Wachstum sei wieder angesprungen und schnell wieder neue Jobs entstanden.

Ein Mekka für Unternehmen

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Profitiert hat Irland auch diesmal von seinem Geschäftsmodell. Es ist immer ein unternehmerfreundliches Land geblieben. Die Körperschaftssteuer, die mit 12,5 Prozent so niedrig ist, wie in kaum einem anderen Industriestaat, lockt große internationale IT- und Pharmafirmen an - zum Beispiel aus den USA. Zuversichtlich stimmen Beobachter heute vor allem die Wachstumszahlen beim privaten Konsum.

Die Iren haben es also wieder geschafft. Fachleute halten die Renaissance des Inselstaates sogar für nachhaltig. Der schwache Euro dürfte den Export weiter ankurbeln. Denn die meisten Waren werden außerhalb der Eurozone verkauft, vor allem in den USA und Großbritannien. Einen Makel hat dieser Aufschwung aber doch: Denn Irland könnte es heute noch viel bessergehen.

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Nicht die Banken, sondern die Menschen haben den Karren aus dem Dreck gezogen. Die Finanzinstitute mussten nichts zur Rettung beisteuern, mehren sich zunehmend kritische Stimmen. Irland hat die Krise selbst verschuldet, weil viele Menschen in den Boom-Jahren schlicht das Augenmaß verloren haben. Aber anders als Griechenland oder Zypern ist der Staat nicht Opfer seiner Misswirtschaft oder einer dubiosen Finanzpolitik geworden. Das macht einen großeen Unterschied.

Die Milliarden, die Irlands Banken im Überschwang verteilten, kamen von ausländischen Kreditinstituten - und genau die haben ihre Schäfchen ins Trockene gebracht. Sie sind es, die von "der Rettung" am meisten profitiert haben. Denn anders als in Zypern waren Anleger in Irland nicht gezwungen, einen Teil der Verluste mitzutragen.

Der Fluch der frühen Krise

Im Grunde hat der Tsunami der Finanzkrise Irland zu früh erreicht, sagen Beobachter. Unmittelbar nach der Pleite der US-Bank Lehman Brothers wusste keiner, welche Auswirkungen der Zusammenbruch haben würde. Die irische Regierung befürchtete das Schlimmste - einen Ansturm von Millionen Sparern auf die Banken.

Aus nackter Angst sagte Dublin Staatsgarantien für sein Bankensystem zu, wie sie kein anderer Staat danach gegeben hat - die Regierung sagte zu, für sämtliche Verluste für Spareinlagen, Anleihen und Schuldverschreibungen aller Art mit dem öffentlichen Vermögen einzustehen. Die Garantiesumme beläuft sich auf 400 Milliarden Euro - 142 Milliarden davon decken die Einlagen ausländischer Investitionen ab. Die Staatsverschuldung Irlands explodierte über Nacht.

Eine Bürgerkampagne für "Schuldengerechtigkeit" hat errechnet, dass 30 Prozent der irischen Wirtschaftsleistung bis 2030 in die Tilgung der Bankenrettung fließen werden. Die Bevölkerung wird also noch lange für die Verluste von Banken, ihren Geldgebern und Aktionären aufkommen.

Die Profiteure sind die ausländischen Banken. Ein großer Teil der Not leidenden Einlagen bei irischen Geldhäusern stammte offenbar von deutschen Instituten. Das deutsche Bankensystem war bis in die erste Dekade unseres Jahrhunderts das unprofitabelste der industriellen Welt. Politiker sowie Banker forderten mehr Risikofreude und lösten damit eine Lawine aus. Statistiken der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich belegen, dass die Investitionen deutscher Banken in europäische Peripheriestaaten bis zum März 2008 rasant stiegen. In Irland verlief diese Hausse besonders steil: Ende 2003 hatten deutsche Banken 39 Milliarden Euro auf der Insel angelegt. Im September 2008 waren es plötzlich 135 Milliarden.

Irland hat Lehrgeld gezahlt

Jörg Asmussen verfasste als Leiter der Abteilung für internationale Finanzmarktpolitik im Bundesfinanzinisterium 2006 einen Aufruf an die Banken, sich stärker im Verbriefungsmarkt zu engagieren. Heute auf die damaligen Zeiten angesprochen, gibt er sich lieber wortkarg: "Mit dem Wissen von heute würden wir gewisse Dinge, die man damals gemacht hat, nicht wiederholen. Wir haben alle in dieser Krise Lehrgeld bezahlt", zitierten ihn "Die Zeit" und die "Irish Times" vor zwei Jahren.

Noch 2009 hat die EZB Irland gedrängt, die Bankengarantie über 2010 hinaus zu verlängern. "Wir mussten uns beugen", sagte ein Regierungsmitglied in Dublin, "wir sind ein kleines Land". Der irische Arbeitsminister Richard Burton fügte hinzu: "Die irische Bankenaufsicht war mangelhaft. Aber zu jeder Transaktion gehören zwei. Unsere Sicht ist, dass Irland ein Opfer für Europa gebracht hat. Deshalb möchten wir, dass noch einmal über das Rettungsprogramm gesprochen wird." Deutschland möchte das lieber nicht.

Quelle: n-tv.de

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