Wirtschaft
(Foto: AP)

Immer mehr Rückrufe bei GM & Co.: Sparen Autobauer an der Sicherheit?

Völlig rein kann das Gewissen vieler Autohersteller nicht sein: Technik-Pannen und Rückrufe häufen sich, "aus Kostengründen wird bewusst an der Qualität gespart", sagen Experten. Opfern die Konzerne die Sicherheit ihrer Kunden dem Profit?

Video

Bei General Motors (GM) nimmt das Debakel um defekte Zündschlösser immer größere Ausmaße an. Bereits zum 44. Mal in diesem Jahr rief der US-Autobauer Fahrzeuge zurück - diesmal über drei Millionen. GM beorderte allein im ersten Halbjahr mehr als doppelt so viele Wagen wegen Defekten zurück in die Werkstätten, wie der US-Konzern 2013 im ganzen Jahr weltweit verkauft hat.

In einem solchen Ausmaß hat noch kein Autobauer in so kurzer Zeit Wagen zurückrufen müssen. Dahinter verblassen selbst die mehr als zehn Millionen Fahrzeughalter, die Toyota zwischen 2009 und 2011 wegen rutschender Fußmatten und klemmender Gaspedale anschreiben musste.

"Bewusst größere Qualitätsrisiken"

Die jüngsten Probleme bei den Zündschlössern haben nach Konzernangaben zu mindestens acht Unfällen mit sechs Verletzten geführt. Ein ähnlicher Rückruf von 2,6 Millionen Fahrzeugen Anfang des Jahres wird mit mindestens 13 Todesfällen in Verbindung gebracht. Die US-Verkehrsaufsicht geht jedoch von einer höheren Zahl aus. Verbraucherschützer sprechen seit Monaten von bis zu 300 Todesopfern in Folge des Defekts, bei dem sich Motor und elektrische Systeme wie Airbags auch bei hohem Tempo unvermittelt abschalten.

Die Automobilindustrie steckt in einem Dilemma: Wollen die Hersteller in gesättigten Märkten wie den USA und Europa die Gewinne stabil halten, müssen sie die Kosten senken. Zugleich verlangen die Käufer in immer kürzeren Abständen technische Neuheiten. Der Druck auf Zulieferer und Entwickler wächst.

"Mir berichten meine Zulieferer, dass die Abläufe in der Branche immer hektischer werden und dass die Hersteller immer stärker auf Kante nähen", sagt Helmut Becker, Leiter des Instituts für Wirtschaftsanalyse und Kommunikation in München, im Gespräch mit n-tv.de. "Es werden aus Kostengründen bewusst größere Qualitätsrisiken eingegangen". Vor allem deshalb rollt derzeit eine Welle von Rückrufen rund um den Globus. "Der Wettbewerb ist gnadenlos." Becker bemängelt, dass immer weniger Zeit bleibe, um neue Bauteile zu testen, bevor sie zum Einsatz kämen, und fordert ein Umdenken der Branche. 

Dazu kommt, dass die Hersteller in immer mehr Autos die gleichen Teile einbauen. Auch das bringt Einsparungen, aber das Risiko steigt, dass sich Mängel rasant ausbreiten. Die Folge sind Rückaktionen, die - wie im Falle von General Motors - mehrere Millionen Fahrzeuge betreffen. "Das ist ein Grundproblem der Automobilindustrie", sagt Peter Fuß von der Unternehmensberatung EY.

Mängel sollen unter dem Teppich bleiben

Branchenweit sind in diesem Jahr wahrscheinlich bereits 25 Millionen Fahrzeuge wegen Mängel in die Werkstätten beordert worden, schätzt Stefan Bratzel, der das Center of Automotive Management (CAR) in Bergisch Gladbach leitet. Die Dunkelziffer sei noch höher, da es viele "verdeckte Rückrufe" gebe.

Bei diesen in der Branche auch "stille Aktionen" genannten Rückrufen nutzen Hersteller Inspektionstermine, um defekte Teile auszutauschen, wenn diese nicht sicherheitsrelevant sind. Bei gravierenderen Mängeln, die zu Unfällen führen können, sind die Autobauer gesetzlich verpflichtet, diese öffentlich zu machen. "2014 wird das Jahr mit den meisten Rückrufen global werden", sagt Bratzel.

Am liebsten würden die Autobauer Qualitätsmängel natürlich unter den Teppich kehren, weil sie dem Image schaden. Wenn sie sich nicht angreifbar machen wollen, müssen sie aber handeln. Rückrufe hätten daher oft eine Konjunktur, sagt Bratzel: Wenn ein Unternehmen eine Aktion bekanntgebe, zögen oft andere nach. "Die überprüfen dann, ob sie ein ähnliches Teil verbaut haben."

Vertuschen hilft nicht

Als mahnendes Beispiel gilt allen Toyota. Die Japaner hatten sich die Finger verbrannt, weil sie die Probleme mit den Fußmatten und klemmenden Gaspedalen zu lange verschwiegen. Die Folge war, dass Toyota vorübergehend an der Weltmarktspitze abgelöst wurde. Inzwischen ist der japanische Hersteller dorthin zurückgekehrt und achtet peinlich genau darauf, dass technische Unzulänglichkeiten nicht vertuscht werden. Volkswagen gibt dem Qualitätsmanagement ebenfalls hohe Priorität. Auch die Nummer zwei der Autowelt konnte bei dem starken Absatzwachstum in den vergangenen Jahren Rückrufe jedoch nicht ganz vermeiden.

Fuß führt die Probleme der Branche auf die steigende Zahl an Gleichteilen in den Autos zurück. "Das ist die Kehrseite der Modulstrategie." Wenn ein Fehler bei einem Bauteil auftrete, seien oft alle Fahrzeuge einer Generation oder sogar von mehreren Modellreihen betroffen. "Das ist ein Damoklesschwert für die Hersteller", fügt Fuß hinzu. Autoprofessor Bratzel rechnet damit, dass die Rückrufe weiter zunehmen werden. "Wir befinden uns erst am Beginn der Plattformstrategie." Das Risiko nehme daher zu - auch weil ein Umdenken nicht zu erkennen sei.

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen