Wirtschaft
Pläne für "die Zeit danach" hat Steve Ballmer bisher nicht geschmiedert. Eins ist gewiss: Was sich auch ergibt, an Geld wird es ihm nicht mangeln.
Pläne für "die Zeit danach" hat Steve Ballmer bisher nicht geschmiedert. Eins ist gewiss: Was sich auch ergibt, an Geld wird es ihm nicht mangeln.(Foto: REUTERS)

Microsoft hat Entwicklungen verschlafen: Steve Ballmer geht Jahre zu spät

Der scheidende Microsoft-Chef Ballmer trägt sich seit Monaten mit Rücktrittsgedanken, wie er im Interview verrät. Die Entscheidung selbst fällt zwei Tage vor der Ankündigung. Für Branchenexperten eine späte Einsicht. Die Suche nach jemandem, der es besser kann, läuft.

Microsoft-Chef Steve Ballmer hat rund zweieinhalb Monate über seinen Rückzug nachgedacht. Aber endgültig sei die Entscheidung erst zwei Tage vor der Ankündigung am Freitag gefallen, sagte Ballmer in einem Interview des Online-Dienstes "ZDNet". Für die Zukunft habe er noch keine konkreten Pläne.

Die Anleger haben die Nachricht von Ballmers Abgang durchweg positiv aufgenommen: Die Aktie legte zum Handelsschluss am Vortag um über sieben Prozent auf 34,75 Dollar zu, was den Wert des großen Aktienpakets des langjährigen Chefs schlagartig noch einmal um rund 850 Millionen Dollar erhöhte. Nötig gehabt hätte der Penionär-in-spe das nicht. Ballmers Privatvermögen wird auf 15 Milliarden Dollar geschätzt.

Windows Vista war ein Schlag ins Kontor

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Auf die Frage, was er in seiner Zeit an der Microsoft-Spitze seit 2000 am meisten bedauere, nannte Ballmer, der 13 Jahre an der Unternehmenspitze stand, im "ZDNet"-Interview das unpopuläre Betriebssystem Windows Vista. Es war 2007 als Nachfolger des überaus erfolgreichen Windows XP auf den Markt gekommen und verärgerte viele Nutzer mit einer Änderung der Bedienung und einer komplizierten Sicherheitsfunktion.

Bei Branchenexperten und Investoren steht der Mathematiker bereits schon länger in der Kritik. Sein Abgang wird insofern auch von viel Häme begleitet. Zumal der glücklose Ballmer sich nicht selten durch cholerische Ausbrüche hervortat. Seine Auftritte bei Firmenveranstaltungen sind legendär. Vor lauter Engagement schwitzte er seine Hemden durch oder brüllte wie besessen "Developers, developers, developers" - das englische Wort für Entwickler - bei einer Konferenz für Software-Entwickler in den Saal. Videoaufnahmen von seinen Auftritten werden im Internet millionenfach angeklickt.

"Ballmer hätte vor acht Jahren gehen sollen"

Jüngst hatte der Fonds ValueAct Capital einen kleinen Teil von Microsoft aufgekauft und begonnen, lautstark eine neue Strategie und eine klare Nachfolge-Regelung für die Konzernspitze gefordert.

"Ballmer hätte schon vor mindestens acht Jahren gehen sollen", sagte  Analyst Trip Chowdhry von Global Equities Research. Er habe sich nie den für ein Technologie-Unternehmen so wichtigen Respekt der Entwickler und Ingenieure verdient. Auch Zeus Kerravala von ZK Research hält Ballmers Zeit für abgelaufen. "Microsoft lebt immer noch vom klassischen PC-Geschäft, in dem Ballmers Stärken liegen. Er war der richtige Mann für seine Ära, aber die Zeiten haben sich geändert." Es werde eine neue Führung benötigt.

Ballmer hatte am Vortag angekündigt, er werde innerhalb der kommenden zwölf Monate den Chefposten aufgeben, nachdem ein Nachfolger gefunden worden sei. Microsoft bildete für die Suche nach einem neuen Chef einen Sonderausschuss des Verwaltungsrates unter anderem mit Firmengründer Bill Gates. Es sollen sowohl interne als externe Kandidaten berücksichtigt werden, ein auf Führungskräfte spezialisierter Personaldienstleister wurde eingeschaltet.

Windows abspalten?

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Andrew Bartels von Forrester Research geht davon aus, dass nun ein Chef gesucht werde, der möglicherweise sogar den Mut habe "das Unternehmen aufzuteilen, Windows abzuspalten". Allerdings sei massiver Widerstand von Gates gegen einen solchen Kurs zu erwarten.

Bartels nahm Ballmer teilweise auch in Schutz. Server, die Spielekonsole Xbox und Produkte der Suchmaschine Bing hätten einige Erfolge verbuchen können, sagte er. Zwar sei die Kritik am Microsoft-Chef wegen der Entwicklung bei Windows gerechtfertigt. Allerdings: "Ballmers Leistungen in den anderen Sparten werden nicht ausreichend gewürdigt."

Microsoft hat seine besten Zeiten lange hinter sich: Früher hat er mit dem Chipriesen Intel die Computerwelt beherrscht. Der Windows- und Office-Hersteller tat sich aber mit dem Übergang in das Zeitalter von Tablet-Computern und Smartphones schwer. Konkurrenten wie Apple setzten dem Konzern mit neuen Geräten zu, während alternative Betriebssysteme wie das auf Linux basierte Android von Google sich auf Smartphones und Tablet-PCs breitmachten.

Die Suche hat begonnen

Jetzt haben Spekulationen über mögliche Kandidaten für den Chefposten Hochkonjunktur. Genannt werden unter anderen Sheryl Sandberg, die beim Online-Netzwerk Facebook das operative Geschäft verantwortet, der frühere Apple-Manager Scott Forstall, der bis zu seinem Abgang für das iPhone-Betriebssystem iOS zuständig war. Intern gilt als möglicher Anwärter Tony Bates, der mit dem Kauf des Internet-Telefoniedienstes Skype zu Microsoft gekommen war. Zugleich hatten mehrere "Kronprinzen" wie der Windows-Chef Steven Sinofsky Microsoft verlassen.

Ballmer sagte, bereits vor einigen Jahren sei beschlossenen worden, dass er sich gelegentlich mit potenziellen Nachfolgekandidaten treffen werde und er habe dem Verwaltungsrat über diese Gespräche berichtet.

"In meinem ganzen Leben ging es stets um meine Familie und um Microsoft", sagte Ballmer "ZDNet". Er freue sich darauf, ein neues Kapitel aufzuschlagen. Zugleich werde er ein großer Microsoft-Anteilseigner bleiben.

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Quelle: n-tv.de

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