Wirtschaft
Der Anschlag in Istanbul erschüttert Einwohner und Touristen.
Der Anschlag in Istanbul erschüttert Einwohner und Touristen.(Foto: REUTERS)

"Das ist eine neue Dimension": Terror bedroht Türkei-Tourismus

Von Jan Gänger

Die Terrorattacke in Istanbul könnte für die Türkei katastrophale Folgen haben. Denn der Ruf als sicheres Reiseland ist angekratzt – ein Alptraum für die Tourismusbranche, die vor allem von deutschen Besuchern lebt.

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Der Selbstmordanschlag in Istanbul trifft die Türkei bis ins Mark. Denn er zielt auf den Tourismus, auf den das Land angewiesen ist. "Rund 12 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung werden durch den Tourismus erwirtschaftet. Jeder zehnte Arbeitsplatz ist vom Tourismus abhängig", sagt Torsten Schäfer vom Deutschen Reiseverband gegenüber n-tv.de.

Zehn Deutsche tot, fünf weitere schwer verletzt - die Attacke könnte den sich ohnehin schon abschwächenden Tourismus-Boom endgültig zum Erliegen bringen. Denn Deutsche bilden mit knapp 15 Prozent der Touristen die größte Besuchergruppe des Landes.

"Der Terrorismus wendet sich direkt gegen Touristen. Das ist eine neue Dimension", sagt Martin Lohmann vom Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Kiel. Dabei sind die Attacken nicht auf die Türkei beschränkt. Auch in Tunesien oder Ägypten kam es in der Vergangenheit zu Anschlägen - und nun ein Anschlag im Herzen der türkischen Metropole Istanbul.

Als ob es dem Tourismus in dem beliebten Reiseland nicht schon schlecht genug ginge. Die zweitgrößte Besuchergruppe kehrt der Türkei bereits weitgehend den Rücken: die Russen. Schon vor den von Moskau nach dem Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs durch die türkische Luftwaffe verhängten Sanktionen ging der Strom russischer Touristen angesichts der Wirtschaftskrise in ihrer Heimat massiv zurück. Im September besuchten 17 Prozent weniger Russen die Türkei als ein Jahr zuvor. Im November verbot der Kreml alle Pauschalreisen in die Türkei – ein schwerer Schlag für das Land, in dem ganze Ferienorte alleine von russischen Pauschalurlaubern leben.

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Wenn jetzt aus Angst vor Anschlägen weniger Deutsche und andere Touristen kommen, wäre das für die Branche fatal. In den ersten neun Monaten 2015 war die Zahl der Touristen im Vergleich zum Vorjahr um 1,1 Prozent gesunken. Das sieht auf den ersten Blick verkraftbar aus. Doch der zweite Blick offenbart: Dem jahrelangen Wachstum droht ein jähes Ende. 2014 hatte die Zahl der Besucher noch um 5,5 Prozent zugelegt, im Jahr zuvor sogar um knapp 10 Prozent. Zwischen 2002 und 2014 stieg die Zahl der Touristen um satte 200 Prozent.

Diese Zeiten sind vorbei. Wie schlecht es der Tourismusbranche auch ohne Terroranschläge und russische Sanktionen geht, zeigt eine Maßnahme der Regierung unter Präsident Recep Tayyip Erdogan im August: Angesichts der Besucherflaute wurden die Schulferien kurzerhand um zwei Wochen verlängert, um türkischen Familien Extra-Urlaub zu ermöglichen.

Die Regierung setzt angesichts einer schwächelnden Wirtschaft auf den Tourismus. 2014 sorgte er noch für Einnahmen in Höhe von umgerechnet 34 Milliarden Dollar – im Jahr 2023 sollten es 50 Milliarden Dollar werden. Doch daraus wird wohl nichts. Im ersten Halbjahr 2015 erlitt der türkische Tourismus einen massiven Umsatzrückgang auf 12,5 Milliarden Dollar. Das sind neun Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.

"Wirkung begrenzt"

Wie stark wird der Anschlag in Istanbul dem Tourismus schaden? "Die Wirkung solcher Anschläge ist meist regional und zeitlich begrenzt", sagt Tourismus-Forscher Lohmann. "Die Masse der Deutschen, die in die Türkei reisen, reisen an die Strände der Türkischen Riviera und der Türkischen Ägäis", so Reiseverband-Sprecher Schäfer.

"Wie überall auf der Welt werden sich Terroranschläge auf den Tourismus negativ auswirken", sagt Sarp Gürakin, der in dem vor allem bei Russen und Deutschen beliebten Ferienort Cirali in der Provinz Antalya die "Dionysos Lodge" betreibt, gegenüber n-tv.de. Die Russland-Krise habe für die Branche aber stärkere Folgen. "Bei Gesprächen mit unseren Gästen haben wir nicht das Gefühl, dass sie von einem allgemeinen Sicherheitsproblem im Land ausgehen. Von außerhalb betrachtet scheint sich aber vermehrt dieses Bild zu festigen - insbesondere auch die Art der Berichterstattung durch ausländische Medien trägt dazu bei."

Mehr als 95 Prozent des Tourismus spiele sich an den Mittelmeerstränden im Westen der Türkei ab, sagt ein Sprecher des größten deutschen Reiseveranstalters Tui. Istanbul sei in der Vergangenheit schon häufiger Zielscheibe von Anschlägen gewesen. Trotzdem habe sich die Türkei sehr gut entwickelt. Ob das in diesem Fall genauso sein wird, sei allerdings schwer zu sagen.

Wie schnell sich Urlauber von einem Reiseland abwenden können, zeigt das Beispiel Tunesien: Das Land zählte in den vergangenen Jahren zu den beliebtesten Reisezielen in Nordafrika und erholte sich nach einem Einbruch im Jahr des arabischen Frühlings schnell wieder. Nach den Attacken auf das Bardo-Museum in Tunis und auf Urlauber am Strand von Sousse im vergangenen Jahr blieben die für Tunesien so wichtigen Touristen allerdings erneut weg. Einen Rückgang im zweistelligen Prozentbereich allein bei deutschen Besuchern sieht der Deutsche Reiseverband für 2015.

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Quelle: n-tv.de

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