Wirtschaft
(Foto: REUTERS)

Zu Besuch bei Freunden: Tsipras isoliert Merkel

Von Eric Bonse, Brüssel

Bei seiner Europatour macht der griechische Premier Tsipras eine gute Figur. Kommissionschef Juncker rollt ihm den roten Teppich aus, Bundeskanzlerin Merkel wirkt isoliert

Empfängt man so einen verfemten Schuldensünder und Euro-Schreck? Als Alexis Tsipras am Mittwochmorgen in der Brüsseler EU-Kommission eintrifft, begrüßt ihn Hausherr Jean-Claude Juncker wie einen alten Freund. Küsschen links, Küsschen rechts, Umarmung, Lächeln: Nichts deutet auf Stress oder gar Streit hin.

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Einen herzlichen Händedruck und Schulterklopfen gibt es auch bei Donald Tusk, dem EU-Ratspräsidenten, zu dem Tsipras nach dem gut eineinhalbstündigen Treffen mit Juncker eilt. Tusk ist Gastgeber beim EU-Gipfel nächste Woche in Brüssel, bei dem der Schuldenstreit mit Griechenland das Top-Thema sein dürfte.

Tusk und Juncker kommt auch eine Schlüsselrolle zu, wenn es darum geht, die deutsch-griechischen Querelen beizulegen. Denn so sieht das aus Brüsseler Sicht aus: Kanzlerin Angela Merkel und Tsipras haben sich hoffnungslos zerstritten, die EU muss sich nun um eine diplomatische Lösung bemühen.

Darauf ist zumindest Juncker bestens vorbereitet. Anders als Eurogruppenchef Jeroen Dijsselbloem, der bei seinem Athen-Besuch letzte Woche sein politisches Waterloo erlebte (die griechische Regierung kündigte in Dijsselbloems Beisein das Ende der Troika an), hat der Kommissionspräsident mehrere Trümpfe in der Hand.

Merkel ist isoliert

Juncker kennt die Lage in Griechenland besser als als alle anderen - schließlich war er zu Beginn der Schuldenkrise selbst noch Präsident der Eurogruppe und Chefunterhändler in Brüssel. Und er kennt Tsipras besser als die meisten - aus dem Europawahlkampf 2014, bei dem die beiden sich Fernseh-Duelle lieferten. Der Grieche war damals noch Spitzenkandidat der europäischen Linken.

Juncker sprang Tsipras sogar einmal persönlich bei, als dieser sich weigerte, Englisch zu reden. Er machte eine Simultan-Übersetzung aus dem Griechischen möglich - ob er sich nun auch als Dolmetscher ins Deutsche betätigt? Das ist nämlich die Hoffnung, die man in Berlin hegt: Juncker soll Kanzlerin Angela Merkel eine goldene Brücke bauen.

Der Luxemburger hat auch schon versprochen, Merkel einzubinden. Am Tag vor Tsipras' Blitzbesuch in Brüssel warnte er: "Man wird nicht alles ändern wegen eines Wahlresultats, das einigen gefällt und anderen missfällt." Das dürfte der Kanzlerin gefallen haben - ihr missfällt das Wahlresultat, wie man auch in Brüssel weiß.

Aber Juncker hat zugleich Verständnis für die griechische Forderung geäußert, die Schulden umzustrukturieren und die in Athen besonders verhasste Troika abzuschaffen. Man müsse über Alternativen zur Troika nachdenken, so Juncker - das hatte er übrigens schon im Europa-Wahlkampf versprochen. Merkel hat damals offenbar nicht richtig hingehört.

Auch jetzt gibt Juncker wieder den Vordenker und Strategen. Hinter den Kulissen spricht sich der Kommissionschef eng mit der Europäischen Zentralbank (EZB) und dem Internationalen Währungsfonds ab - auch von dort kommen ermutigende Signale. Jedenfalls spricht nichts dafür, dass die EZB Griechenland den Geldhahn zudrehen könnte, wie manche in Berlin fordern.

Nicht Tsipras ist isoliert, sondern Merkel: Diesen Eindruck konnte man jedenfalls nach dem Blitzbesuch in Brüssel haben. Am Ende trat der griechische Linkspolitiker breit lächelnd vor die Presse. "Ich bin sicher, dass wir eine für beide Seiten akzeptable Lösung für unsere gemeinsame Zukunft finden", so Tsipras. Er wolle die EU-Regeln korrigieren, nicht sprengen, fügte er jovial hinzu: "Wir sind auf einem guten Weg."

Details gab es keine, Nachfragen waren nicht möglich. Denn Tsipras musste weg: Mit dem Schnellzug Thalys ging es weiter nach Paris. Dort wollte der griechische Premier Frankreichs Staatspräsident Francois Hollande treffen - noch so einen guten Freund.

Quelle: n-tv.de

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