Wirtschaft
(Foto: picture alliance / dpa)

Schlechtes Omen für Börsengang: Twitter interessiert nicht

Von Jan Gänger

Twitter strebt an die Börse und rührt deshalb nach Kräften die Werbetrommel. Medien berichten ausführlich. Doch eines sollte dem Unternehmen und seinen Investmentbanken Sorge bereiten: Leser ignorieren diese Texte weitgehend.

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Das Twitter-Management hat in den nächsten Tagen einen prall gefüllten Terminkalender – und eine Mission. Auf einer Werbetour müssen Banken und andere potenzielle Investoren dazu gebracht werden, Aktien zu zeichnen. Schließlich will das Portal in Kürze an die Börse gehen.

Ob das ein Erfolg wird? Unternehmen und Investoren sollte etwas zu denken geben. Bei Lesern stoßen Artikel über Twitter auf wenig Interesse. Nicht nur bei n-tv.de, sondern auch anderswo. Online-Medien nutzen Software, die anzeigt, wie viele Menschen gerade welchen Artikel lesen. Und Texte über Twitter gehören – vorsichtig ausgedrückt – nicht zu den Favoriten. Das zeigte sich besonders eindrucksvoll am vergangenen Freitag. Der Text über den nahenden Börsengang der Internet-Plattform wurde kaum gelesen, obwohl er prominent auf unserer Seite platziert war. US-Medien beobachten erstaunt das gleiche Phänomen.

Für den geplanten Schritt aufs Parkett ist das womöglich ein sehr schlechtes Omen. Denn das geringe Interesse von Lesern nährt neuen Zweifel an dem Geschäftsmodell. Obwohl Papst Franziskus oder Barack Obama Twitter nutzen, fehlt dem Unternehmen die breite Masse. Das wird besonders augenfällig, wenn man die Plattform mit Facebook vergleicht. Ende September hatte Twitter nach eigenen Angaben 232 Millionen aktive Nutzer, Facebook dagegen mehr als eine Milliarde. Die Zahl wächst bei Twitter zwar, prozentual im zweistelligen Bereich, aber zuletzt Mitte 2012. Als Facebook eine vergleichbare Größe hatte, lag die Steigerungsrate im Quartal bei mehr als 20 Prozent.

Hinzu kommt, dass bei Twitter möglicherweise jede Menge Karteileichen liegen. Einer Umfrage der Nachrichtenagentur Reuters zufolge nutzen 36 Prozent von mehr als 1000 befragten Personen ihren Twitter-Zugang nicht. Sieben Prozent haben ihn wieder gelöscht.

Viel Überzeugungsarbeit

Das sind unerfreuliche Nachrichten für das Unternehmen und potenzielle Aktionäre. Denn da Twitter Geld primär mit Werbung verdient, ist es entscheidend, wie viele Menschen den Dienst regelmäßig nutzen. Doch wenn Leser Artikel über Twitter ignorieren und der Dienst von weniger Menschen genutzt wird als gedacht, handelt es sich dann um ein vielversprechendes Unternehmen?

Dafür spricht, dass Twitter stark an politischer und gesellschaftlicher Relevanz gewonnen hat. Die Plattform ist Teil einer Medienwelt, in der sich Informationen schneller ausbreiten als je zuvor. So folgen n-tv.de bei Twitter fast 225.000 Nutzer.

"Twitter ist ein großartiger Dienst und kann durchaus noch wachsen", sagt Analyst Dan Niles vom Hedgefonds AlphaOne Capital Partners. Die Daten zeigten aber, dass das Unternehmen längst nicht das Umsatzpotenzial von Facebook habe. Twitter nahm im dritten Quartal mit knapp 170 Millionen Dollar etwa doppelt so viel ein wie ein Jahr zuvor. Analysten rechnen bei Facebook für den selben Zeitraum mit einem Umsatz von 1,9 Milliarden Dollar.

Zudem steckte Twitter zuletzt viel Geld in die Expansion und geht mit roten Zahlen an die Börse. Auf satte 134 Millionen Dollar stieg der Nettoverlust in den ersten neun Monaten des Jahres. Vor diesem Hintergrund herrscht an der Börse eine gehörige Portion Skepsis, ob es Twitter irgendwann gelingt, die täglich 500 Millionen Tweets in Geld umzuwandeln.

Twitter hat noch viel Arbeit vor sich, um sehr viel mehr Menschen zu überzeugen, dass sie ohne die maximal 140 Zeichen langen Mitteilungen nicht mehr auskommen können. Und dafür, dass Artikel über das Unternehmen auf großes Interesse stoßen.

Quelle: n-tv.de

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