Wirtschaft
Nach der Freude über den Sieg droht der Ukraine das Wirtschaftschaos.
Nach der Freude über den Sieg droht der Ukraine das Wirtschaftschaos.(Foto: picture alliance / dpa)

Ukraine braucht 35 Milliarden Dollar : Vom Protest in die Pleite

Von Hannes Vogel

War der Erfolg der Opposition ein Pyrrhussieg? Nach der Revolution droht der Ukraine das Wirtschaftschaos. Ohne Milliardenhilfen steuert das Land auf den Bankrott zu. Denn die Wirtschaft ist schwach. Und der Währung droht der Crash.

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Nach der Euphorie über den politischen Wandel stellt sich in der Ukraine Ernüchterung ein. Das Land steht ohne Finanzhilfen aus dem Ausland faktisch vor der Pleite. 35 Milliarden Dollar braucht die Übergangsregierung nach eigenen Angaben in diesem und im nächsten Jahr. Das Geld muss schnell kommen: "Die Staatskasse ist geplündert, das Land ist so gut wie bankrott", sagt Arseni Jazenjuk von der Partei der Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko.

Auch die Ratingagenturen warnen vor einem drohenden Zahlungsausfall: Zuletzt hatte Standard & Poor’s die Ukraine auf die Note CCC herabgestuft - nur noch drei Stufen über dem Zahlungsausfall. Die Kreditwächter halten eine Pleite für wahrscheinlich:Die Ukraine kann ihre Schulden nur noch bedienen, wenn die Rahmenbedingungen günstig sind.

Angesichts der eskalierenden Proteste hatte Russland dem Land im Dezember eine Finanzspritze von 15 Milliarden Dollar zugesagt. Doch erst drei Milliarden davon sind ausgezahlt. Der Rest liegt auf Eis. Nach der Abkehr von Moskau und dem Umsturz in Kiew hat der Kreml den Geldhahn zugedreht. Wirtschaftlich gesehen hat sich die Ukraine also mit dem Umsturz keinen Gefallen getan, weil es seinen wichtigsten Geldgeber verärgert. Laut Standard & Poor's muss Kiew in diesem Jahr rund 13 Milliarden Dollar Auslandsschulden bedienen.

Wirtschaft am Abgrund

Dabei hat die Ukraine anders als Griechenland eigentlich kein gravierendes Schuldenproblem. Zwar belasten großzügige Subventionen für Gas und Energie und Pensionen die Staatsfinanzen. Trotzdem steht die Regierung mit gerade mal 43 Prozent der Wirtschaftsleistung in der Kreide. In Deutschland liegt die Quote bei 80 Prozent. Doch anders als der Bundesrepublik fehlen der Ukraine die Einnahmen, um ihre Schulden zu begleichen. Das Pro-Kopf-Einkommen liegt laut IWF bei gerade 3900 Dollar. Die Ukraine bringt es auf gerade fünf Prozent der deutschen Wirtschaftsleistung.

Das Land ist außerdem stark von der Landwirtschaft und der Schwerindustrie abhängig: Dank ihrer fruchtbaren Böden gilt die Ukraine als Kornkammer. Zudem gibt es große Vorkommen von Eisenerz und Kohle. Doch außer Weizen und Stahl exportiert die Ukraine nicht viel. Und die Korruption grassiert: Im Ranking von Transparency International belegt das Land Platz 144 von 177, noch hinter Uganda und dem Iran. Die großen Konzerne des Landes sind in der Hand von Oligarchen oder korrupten Staatsbeamten. Unter dem abgesetzten Präsidenten Janukowitsch blühte die Vetternwirtschaft. Ein Großteil der Staatseinnahmen fließt einfach in die Taschen der Elite, statt in die Rückzahlung der Staatsschulden.

Nicht nur die politischen, auch die wirtschaftlichen Verhältnisse sind alles andere als stabil: Die Ukraine kämpft noch immer mit den Nachwehen der Finanzkrise, als die Wirtschaft um fast 15 Prozent schrumpfte. 2011 ist das Bruttoinlandsprodukt zwar wieder über fünf Prozent gewachsen, seitdem herrscht aber Rezession. Im vergangenen Jahr stagnierte die Wirtschaft, das Wachstum betrug laut der Ratingagentur Fitch 0 Prozent.

Der Währung droht der Crash

Die Zahl bringt die wirtschaftliche Situation auf den Punkt: In der Ukraine geht es weder vorwärts noch zurück. Das Land hat sich festgefahren. Das Blutbad auf dem Maidan hat zwar zu politischer Veränderung geführt. Doch das Chaos in Kiew verunsichert das Land - und untergräbt das Vertrauen in die Währung. Angesichts der ungewissen Zukunft wollen immer mehr Ukrainer ihr Geld in Dollars tauschen. So viele, dass die Zentralbank am 7. Februar Limits einführen musste, um eine Kapitalflucht zu verhindern.

Der ukrainischen Hrywnja droht der Crash: Die Währung hat bereits deutlich abgewertet, obwohl der Wechselkurs eigentlich nicht frei schwanken kann. Allein im Januar steckte die Zentralbank rund 1,7 Milliarden Dollar in den Markt, um den Kurs zu verteidigen. Nur das Eingreifen der Notenbanker verhindert eine massivere Abwertung. Und womöglich geht ihnen im Gefecht mit den Märkten schon bald die Munition aus: Ihre Währungsreserven sind auf nur noch 17,8 Milliarden Dollar abgeschmolzen.

Sollte der Hrywnja abstürzen, würde sie die Ukraine wohl mit sich in den Bankrott reißen: Laut der Ratingagentur Fitch hat die Ukraine 57 Prozent ihrer Staatsschulden in Dollar, Euro und anderen Fremdwährungen aufgenommen. Ein Crash der Hrywnja würde die Rückzahlung unbezahlbar teuer machen. Zudem droht die Zypern-Krankheit auszubrechen: Sollte sich die Talfahrt der Währung beschleunigen, dürften die Menschen zwischen Lemberg und Charkow bald die Banken stürmen, um ihre Ersparnisse zu retten.

Rechnung für die Revolution

Spätestens seit dem Sturz von Präsident Janukowitsch am Wochenende tickt die Uhr. Das finanzielle Überleben der Ukraine hängt nur noch vom Ausland ab. Die Übergangsregierung hat bereits eine Geberkonferenz gefordert. Russland, der Internationale Währungsfonds (IWF) und die EU pokern nun miteinander, wer die Rechnung für die Revolution in Kiew bezahlen soll. Der IWF hatte schon 2008 und 2010 Milliarden in das Land gepumpt.

Interesse an einer Spaltung oder dem totalen Zusammenbruch der Ukraine hat niemand. Die EU kann einen Krisenherd vor der Haustür wenig gebrauchen. Zwei Drittel aller russischen Gaslieferungen für Europa fließen durch die Ukraine. Auch Russland hat großes Interesse an stabilen Verhältnissen: Die Ukraine ist ein wichtiger Absatzmarkt, Moskau ist Kiews wichtigster Handelspartner. Und auf der Krim garantiert die Schwarzmeerflotte einen wichtigen Zugang Russlands zu den Weltmeeren.

Die Ukraine steckt dagegen in einem Dilemma: Mit dem Sieg der Opposition sind Finanzhilfen des Westens zwar wahrscheinlicher geworden. Für das Land wären sie aber teurer als der Scheck aus Moskau. Denn EU und IWF würden für ihr Geld wohl härtere Gegenleistungen fordern als Russland:  Die Freigabe des Wechselkurses oder die Anhebung der Gaspreise zum Beispiel. Egal woher die Milliarden nun kommen und was die Folgen für die Bevölkerung sind: Profitieren dürften vor allem die Besitzer ukrainischer Staatsanleihen, die am Montag kräftig zulegten. Die Märkte rechnen fest mit einem Rettungspaket.

Quelle: n-tv.de

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