Wirtschaft
Auch der mögliche Verkauf von Strecken an die Lufthansa wird die Existenzkrise von Air Berlin kaum beenden.
Auch der mögliche Verkauf von Strecken an die Lufthansa wird die Existenzkrise von Air Berlin kaum beenden.(Foto: picture alliance / dpa)
Donnerstag, 18. August 2016

Das Aus als eigenständige Airline?: Warum Lufthansa Air Berlin nicht retten wird

Von Hannes Vogel

In der Existenzkrise hofft Air Berlin offenbar auf Rettung durch Lufthansa. Der mögliche Deal wird aber wohl kein Befreiungsschlag werden. Es geht weniger ums Geld als um Schadensbegrenzung. Und strategische Ziele beider Airlines.

Der Aktienkurs von Air Berlin steht aktuell bei 65 Cent. Rechnerisch wäre die gesamte Airline mit 144 Flugzeugen an der Börse zurzeit zum Preis eines einzigen Airbus-Fliegers zu haben. Der Vergleich macht deutlich, wie kritisch die Lage bei Deutschlands zweitgrößter Fluggesellschaft ist: Rund 90 Millionen Euro Miese liefen unterm Strich im vergangenen Quartal auf. Das Eigenkapital ist mittlerweile mit fast einer Milliarde Euro negativ. Hätte der arabische Großinvestor Etihad der Airline in den vergangenen Jahren nicht mit Darlehen und Finanzspritzen immer wieder neues Leben eingehaucht, wären die Lichter längst aus.

Bislang hat das Unternehmen versucht, den Sinkflug mit Kürzungen zu stoppen. Selbst die Gratis-Bordverpflegung hat Air Berlin inzwischen gestrichen. Doch Einsparungen reichen nicht mehr aus, um die Fluglinie zu stabilisieren. Die Lage ist so prekär, dass im Hintergrund nun offenbar Gespräche mit Lufthansa laufen. Laut "Handelsblatt" erwägt der Rivale, alle Strecken und die dazugehörigen Flugzeuge von Air Berlin zu übernehmen, die nicht über Berlin oder Düsseldorf laufen. Wie der Übergang der 40 Flieger ausgestaltet werden könnte, ist unklar. Weder Air Berlin noch Lufthansa wollen sich auf Anfrage zu dem Bericht äußern.

Selbst wenn der Deal gelingen sollte, dürfte es wohl kaum der lang ersehnte Befreiungsschlag für Air Berlin werden. Dem Großaktionär Etihad geht es scheinbar längst nicht mehr nur ums Geld. Auch für die Lufthansa wäre das Geschäft wirtschaftlich wenig attraktiv. Vielmehr scheinen hinter dem Deal mit den Air-Berlin-Nebenstrecken strategische Ziele zu stecken.

Deal löst Air Berlins Geldsorgen nicht

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Dafür spricht, dass das Geschäft Air Berlin selbst im günstigsten Fall wohl kaum genug einbringen würde, um sein Schuldenproblem zu lösen. "Ich wäre überrascht, wenn der Verkauf der Strecken Air Berlin größere finanzielle Freiräume verschaffen würde", sagt Guido Hoymann vom Bankhaus Metzler im Gespräch mit n-tv.de. "Ich glaube nicht, dass der Kaufpreis besonders hoch wäre, weil die Routen nicht besonders profitabel sein dürften".

Schon eine grobe Überschlagsrechnung zeigt, dass Air Berlin von dem Deal keinen Geldregen erwarten kann. Mit 600 Maschinen flog Lufthansa 2015 einen Gewinn von rund 1,7 Mrd. Euro ein. Rechnerisch erwirtschaftete jedes Lufthansa-Flugzeug also rund 2,8 Millionen Euro. Das ist vermutlich der Höchstbetrag, den der Konzern bereit sein dürfte, für jeden der 40 Air-Berlin-Flieger zu zahlen. 112 Millionen Euro würden so bestenfalls zusammenkommen. Air Berlin drücken aber Nettoschulden von rund 927 Millionen Euro.  

Da erstens Klein- und Frachtflugzeuge eingerechnet sind, Lufthansa zweitens in diesem Jahr ein schlechteres Ergebnis erwartet und drittens die Strecken unter der Ägide von Air Berlin nicht Gewinne, sondern Verluste einfliegen, dürfte der Preis in Wahrheit viel niedriger liegen. Schlimmstenfalls müsste Air Berlin beim Verkauf seiner Jets sogar noch Geld drauf legen.

Lufthansa hat wenig zu gewinnen

Auch die Lufthansa hat rein finanziell mit dem Geschäft wenig zu gewinnen. Vielmehr besteht die Gefahr, dass sich Lufthansa-Chef Carsten Spohr mit den Air-Berlin-Strecken neue Probleme einkauft. Natürlich gibt es wie bei jeder Übernahme gewisse Synergien: Die Durchschnittskosten sinken, etwa bei Wartungsverträgen. Vielleicht schafft es Lufthansa auch, Air Berlins Strecken etwas profitabler zu machen.

Doch nur weil Lufthansa die Routen womöglich künftig betreibt, gehen nicht plötzlich mehr Passagiere an Bord. Spohr bekäme durch den Deal zudem nichts, was er nicht auch woanders beschaffen könnte: Günstige Flugzeuge gibt es genug. Piloten hat Lufthansa selbst schon zu viele. Start- und Landerechte sind auch nicht wirklich knapp.

Dafür liefe der Lufthansa-Chef Gefahr, den nötigen, aber unangenehmen Jobkahlschlag, den Air Berlin bislang scheut, nach der Übernahme der Strecken bald selbst vornehmen zu müssen. Alles in allem kaum ein verlockendes Angebot.

Geschäft mit Symbolcharakter

Den beiden Airlines geht es also offenbar um anderes. Für Lufthansa-Chef Spohr wären die 40 Strecken von Air Berlin eine Gelegenheit, zu einem günstigen Preis seine Billiglinie Eurowings zu stärken, die bei den Piloten verhasst ist. Spohr rechtfertigt sie gegenüber der Belegschaft als Plattform zur Übernahme anderer europäischer Luftfahrtunternehmen. Mit der Übernahme der Air-Berlin-Flieger würde Eurowings schlagartig um 70 Prozent wachsen. Und Spohrs Erzählung würde mit Leben gefüllt.

Auch für Etihad dürften die finanziellen Aspekte des Deals wohl eher Nebensache sein. Ginge es den Scheichs aus Abu Dhabi bei ihrer deutschen Airline allein um Profite, hätten sie ihr schon vor Jahren den Stecker ziehen müssen: Seit ihrem Einstieg 2011 hat Air Berlin nur ein einziges Mal einen schmalen Gewinn geschrieben. Etihad sieht in Air Berlin offenbar eher einen europäischen Zubringer für seine weltweiten Transkontinentalflüge.

Solange dieser Passagier-Zulieferer für höhere Gewinne bei der Mutter am Golf sorgt, sind die Verluste der Tochter in Berlin womöglich zweitrangig. Der Verkauf von Nebenstrecken an Lufthansa böte Etihad Gelegenheit, Air Berlin in Richtung europäischer Brückenkopf für sein Netz weiterzuentwickeln und gleichzeitig die Verluste etwas zu begrenzen.

Allerdings würde die Existenzkrise von Air Berlin wohl auch nach dem Verkauf von 40 Fliegern weitergehen. Denn mit einer um fast ein Drittel geschrumpften Flotte dürfte die verbleibende Rumpf-Airline kaum bessere Zahlen schreiben. Air Berlin müsste also entweder auf Dauer ein unprofitables Anhängsel von Etihad bleiben, das die Scheichs aus den genannten strategischen Erwägungen weiter durchfüttern. Oder eine grundsätzliche Lösung müsste her. Auch die wurde in der Vergangenheit immer wieder durchgespielt: Etihad könnte Air Berlin von der Börse nehmen und mit seiner anderen Beteiligung Alitalia zusammenlegen. Womöglich ist die vermeintliche Rettung durch Lufthansa also der Anfang vom Ende Air Berlins als eigenständiger Fluglinie.

Quelle: n-tv.de

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