Wirtschaft
Wie hart wird die chinesische Konjunktur landen?
Wie hart wird die chinesische Konjunktur landen?(Foto: REUTERS)

"Das ist Panikmache": Warum der China-Crash keine Gefahr ist

Drei Börsenschocks seit Jahresanfang, mindestens eine Wachstums-"Delle" der Realwirtschaft und eine politische Säuberungswelle: China verunsichert die Welt. Sogar Börsenguru George Soros, der Milliarden mit Währungswetten gewonnen hat, ist alarmiert. Wie schlimm ist es? Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege für Privat- und Firmenkunden der Deutschen Bank, hält die Panik für übertrieben. Er erklärt, warum.

n-tv.de: US-Investor George Soros sagt: "Die Welt steht am Rande einer globalen Krise. China exportiert seine Probleme in die Welt." Ist das Panikmache?

Bilderserie

Ulrich Stephan: Auf jeden Fall. Man muss in China zwei Dinge unterscheiden: Zum einen die Börsensituation, zum anderen das Wirtschaftswachstum. Die Börsensituation ist hausgemacht und betrifft vor allem die Privatanleger. Beim Wachstum ist die Frage, wie stark dies angesichts der Schwäche des Renminbi zurückgehen kann. Die chinesische Währung ist aufgrund der enormen wirtschaftlichen Entwicklung des Landes jahrzehntelang immer stärker geworden. Seit einigen Monaten verliert der Renminbi nun an Wert. Das weckt Befürchtungen, dass China weniger stark wächst als offiziell bekannt. Möglicherweise wissen die chinesische Politik und die Notenbank mehr. Sie werten deshalb den Renminbi ab, um sich Wettbewerbsvorteile zu verschaffen, besser Waren exportieren und so stärker wachsen zu können - übrigens ähnlich wie die EZB das mit dem Euro und der europäischen Wirtschaft macht. Ich denke, dass Soros das meint, wenn er sagt, China könnte seine Probleme exportieren. Aus meiner Sicht ist diese Interpretation aber grundlegend falsch.

Die Turbulenzen an den chinesischen Festlandsbörsen müssen die internationalen Finanzmärkte demnach also nicht interessieren?

Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege Privat- und Firmenkunden der Deutsche Bank
Ulrich Stephan, Chef-Anlagestratege Privat- und Firmenkunden der Deutsche Bank

Die chinesischen Festlandsbörsen sind zu drei Vierteln von chinesischen Privatanlegern dominiert. Das interessiert die internationalen Börsen weniger. Was wir an Chinas Börsen sehen, ist eine gesunde Bereinigung. Peking hat den Finanzmarkt vor rund 18 Monaten dereguliert. Es sind viele Privatanleger in den Markt eingestiegen. Die Kurse sind daraufhin regelrecht explodiert. Die internationalen Börsen interessieren sich vor allem für die Währung und das Wachstum. Wenn da etwas schiefgeht, gibt es ein Problem. Weltweit liegt das Wachstum bei rund drei Prozent. Würde das Wachstum in China signifikant schrumpfen, würde das die Industrieländer treffen, die sich nur langsam erholen. Wir reden von zwei Prozent Wachstum in den USA und von knapp zwei Prozent in Europa. Wächst China immer weniger, ist die Frage, wo die Unternehmensgewinne herkommen sollen.

Es gibt konkrete Anzeichen für eine sogenannte harte Landung der chinesischen Wirtschaft: Kohle- und Energieverbrauch schrumpfen. Auch der Kupferverbrauch als Indikator für die Konjunktur geht zurück. Das ist doch eigentlich Grund genug, sich um die Weltwirtschaft zu sorgen?

Es ist ein fundamentaler und struktureller Fehler, wenn man meint, dass China wieder zehn Prozent Wachstum schaffen könnte. Das wird meines Erachtens nicht passieren. Die Volksrepublik hat seit 1992 eine große Entwicklung vollzogen. Das Bruttoinlandsprodukt beläuft sich auf elf Billionen Dollar, das ist fast vier Mal so viel wie die Bundesrepublik Deutschland hat! Wachstumsraten auf diesem Niveau sind nicht zu halten. Was wir hier sehen, ist eine Normalisierung. Der Binnenmarkt, der Konsum und Dienstleistungen, machen in China mittlerweile weit über 50 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus. Das war früher anders. Da gab es viel mehr Schwerindustrie. Heute bauen chinesische Unternehmen mit Apple und Samsung konkurrenzfähige Smartphones. Das heißt, die Wirtschaft ändert sich und der Verbrauch von Rohstoffen mit ihr.

Die Konjunkturlokomotive der Welt erwartet immer noch sechs Prozent Wachstum. Können wir den offiziellen Zahlen überhaupt glauben?

Ich würde die Zahlen relativ betrachten: Ich weiß, wie die Welt früher bei einem bestimmten Wachstum in China gelaufen ist. Dann schaue ich, wie sie bei sechs Prozent läuft. Man sollte sich mit dieser Differenz befassen. Die chinesischen Zahlen werden gerne angezweifelt. Aber es ist ungerecht, einfach nur auf China zu deuten. Zum Beispiel erheben die Amerikaner ihre Arbeitsmarktdaten über Befragungen am Telefon.

Könnte China denn realistisch Wachstumsraten um die 6 oder 6,5 Prozent schaffen?

Ich glaube, ja. Denn Peking hat die administrativen und finanziellen Möglichkeiten dazu. In der Nacht von Montag auf Dienstag hat China zum Beispiel beim Renminbi interveniert. Er wurde deutlich gestärkt, um ein Zeichen zu setzen, dass man keinen Währungskrieg provozieren will. Die große Frage ist allerdings, ob China den konsequenten Umbau von einer investitions- und exportgetriebenen Volkswirtschaft in eine binnenmarkt- und konsumorientierte Volkswirtschaft schafft.

Die Chinesen bringen ihr Vermögen ins Ausland. Was sagt das über den Zustand im Land?

Zwei Punkte hierzu: Ich glaube, dass man die Kapitalflucht nicht nur an den Währungsreserven ablesen darf. Im Dezember sind diese um 108 Milliarden Dollar geschrumpft. Das Geld ist aber nicht unbedingt außer Landes gegangen. So wie wir alle, wussten auch die Chinesen, dass der Dollar stärker wird. Deshalb haben sich auch viele chinesische Privatanleger - in dem Umfang, wie sie es dürfen - US-Dollar gegen Renminbi besorgt. Deshalb sind die Dollar-Reserven gesunken. Zweifellos geht aber auch Geld außer Landes. Das hat weniger mit ökonomischen als mit politischen Perspektiven zu tun, zum Beispiel mit dem Kampf gegen Korruption.

China wird vorgeworfen, sich durch die Abwertung des Renminbi Wettbewerbsvorteile zu erkaufen, einen Handels- oder Währungskrieg anzuzetteln. Was ist da dran?

Die jüngste Abwertung des Renminbi hat aus meiner Sicht damit zu tun, dass die amerikanische Notenbank die Zinsen angehoben hat. Das hat den Dollar gestärkt. China hat seine Währung mittlerweile nicht mehr an den US-Dollar gekoppelt, sondern an einen Währungskorb. Wenn darin Währungen gegen den Dollar abwerten, gewinnt der Renminbi gegenüber dem Währungskorb an Stärke. Das wollte Peking nicht. Man wollte die Parität gleichhalten zum Währungskorb. Deshalb musste der Renminbi gegenüber dem Dollar ein Stück abwerten. Nichts anderes hat China gemacht.

In der Volksrepublik gibt es eine große politische Säuberungswelle. Inwieweit hat das wirtschaftliche Auswirkungen?

Korruption ist wohl eine der größten Geißeln der Welt. Sie bremst das Wachstum und lässt die Menschen verarmen. Grundsätzlich ist Korruptionsbekämpfung gut, denn sie schafft Vertrauen. Nur wenn Menschen nicht wissen, was sie dürfen oder nicht, dann kann das verunsichern. Wenn ein Unternehmer deshalb nicht investiert, ist das natürlich negativ.  

Jahrelang galt China als Alternative zum Erfolgsmodell Demokratie plus Marktwirtschaft. Ist Demokratie doch eine tragende Säule einer gut funktionierenden Marktwirtschaft? Das würde bedeuten, das chinesische Modell wäre gescheitert.

Dass die Kommunistische Partei in irgendeiner Weise ihren Anspruch auf Herrschaft abgeben wollte, kann ich nicht erkennen. China hat immer wieder klargemacht, dass die Partei auf allen Ebenen durchregiert. Der Machtanspruch soll im Gegenteil weiter ausgebaut werden. Das riesige Reformprogramm, das Peking vor zwei Jahren angestoßen hat, wird als Notwendigkeit gesehen, um Wachstum und Einkommen für die Menschen zu schaffen. Denn nur so lehnen sie sich nicht gegen die "Roten Kaiser" auf. Man wird sehen, wie das funktionieren wird. Ich würde das noch nicht als gescheitert ansehen wollen. In einzelnen Punkten klappt der Wandel besser, in anderen weniger gut.

Mit Ulrich Stephan sprach Diana Dittmer

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen