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Der Co-Pilot hat die Germanwings-Maschine offenbar bewusst abstürzen lassen. Trotzdem muss die Lufthansa wohl dafür haften.
Der Co-Pilot hat die Germanwings-Maschine offenbar bewusst abstürzen lassen. Trotzdem muss die Lufthansa wohl dafür haften.(Foto: picture alliance / dpa)

Copilot ließ 4U9525 abstürzen: Warum die Lufthansa für das Unglück haftet

Von Hannes Vogel

Der Copilot der Germanwings-Maschine hat offenbar alle 149 Menschen an Bord bewusst in den Tod gestürzt. Doch auch wenn Germanwings und Lufthansa wohl keine Schuld an dem Crash trifft, müssen sie dennoch dafür geradestehen.

Zwei Tage nach dem Absturz von Germanwings-Flug 4U9525 sind die Ermittler der Klärung der Unglücksursache ein großes Stück näher gekommen. Der Copilot soll die Maschine und alle anderen 149 Insassen absichtlich in den Absturz gesteuert haben: Der Sinkflug sei nach derzeitiger Interpretation eine bewusste Handlung des Co-Piloten gewesen, sagte Brice Robin von der Staatsanwaltschaft Marseille. Der Co-Pilot habe offenbar bewusst die Zerstörung des Flugzeugs eingeleitet.

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Lufthansa-Chef Carsten Spohr spricht von einem "tragischen Einzelfall". Trotzdem wird die Airline als Muttergesellschaft von Germanwings wohl dafür verantwortlich gemacht werden: "Wenn diese Version des Hergangs sich bestätigen sollte, dann muss Germanwings dafür haften. Die Luftverkehrsgesellschaft hat für das Verhalten ihrer Piloten einzustehen. Auch wenn das Ziel des Manövers gewesen sein sollte, sich umzubringen und 150 Menschen mitzureißen", sagt Luftfahrtberater Wolf Müller-Rostin, der früher als Justitiar für die Lufthansa gearbeitet hat, gegenüber n-tv.de. Die Angehörigen der Opfer werden also auf jeden Fall eine Entschädigung bekommen. Auch wenn es eine Weile dauern könnte.

Haftung ohne Grenzen

Fluggesellschaften sind in Deutschland gesetzlich verpflichtet, sowohl ihre Maschinen als auch ihre Passagiere gegen Schäden zu versichern. Andernfalls bekommen sie keine Betriebszulassung. Im Grund müssen die Airlines also wie ein privater Autobesitzer eine Art Kaskoversicherung für ihre Flugzeuge abschließen und eine Haftpflichtversicherung für den Fall, dass Passagiere an Bord ihrer Flugzeuge geschädigt werden.

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Grundsätzlich haften Airlines für den Tod ihrer Passagiere in unbegrenzter Höhe: Sie müssen den Schaden ersetzen, der ihnen nachgewiesen werden kann. Die Hinterbliebenen sollen aber in ihrer Trauer nicht auch noch durch ein Gezerre ums Geld und lange Gerichtsverfahren belastet werden. Deshalb muss die Lufthansa den Hinterbliebenen Schäden bis zu einer gesetzlich festgelegten Obergrenze ersetzen, egal was die Ursache für den Absturz war und wer schuld an der Tragödie ist.

Die Obergrenze liegt derzeit bei etwa 143.000 Euro und geht auf das Montrealer Übereinkommen über die Beförderung im internationalen Luftverkehr zurück. Der Betrag schwankt, weil die Grundlage für die Berechnung die Sonderziehungsrechte des Internationalen Währungsfonds (IWF) sind - eine Kunstwährung, die von den wichtigsten Devisenkursen der Welt abhängt. Wie hoch die etwaige Entschädigung tatsächlich ausfällt, hängt davon ab, welche Ansprüche die Hinterbliebenen im Einzelfall anmelden können, zum Beispiel verlorenen Unterhalt oder Schmerzensgeld. Sollten Passagiere Lebensversicherungen abgeschlossen haben, greifen die zuerst. Eine doppelte Entschädigung von Fluggesellschaft und Lebensversicherung ist nicht möglich.

"Die Hinterbliebenen bedrängen ist schäbig"

Laut EU-Recht ist Germanwings zudem verpflichtet, jedem Hinterbliebenen spätestens 15 Tage nach der Feststellung der Identität der Opfer einen Abschlag auf die Entschädigung zu zahlen. Der Vorschuss liegt derzeit bei mindestens 18.900 Euro. So soll vermieden werden, dass Angehörige, etwa minderjährige Kinder, durch den Tod ihrer Eltern beim Absturz unmittelbar in wirtschaftliche Not geraten. Bis die Ansprüche endgültig geklärt sind, droht schlimmstenfalls eine Hängepartie. Im Fall der 2009 vor Brasilien abgestürzten Air-France-Maschine dauerte es zwei Jahre, bis ein Gericht den Angehörigen Schadenersatz zusprach.

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Eile ist dennoch nicht unbedingt geboten. "Es ist schäbig, wenn sich viele Opferanwälte den Hinterbliebenen jetzt schon aufdrängen", sagt Professor Ronald Schmid, der Angehörige bei früheren Abstürzen wie dem der Concorde in Paris vertreten hat, gegenüber n-tv.de. Es gebe bislang keine Not, sich jetzt schon einen Anwalt zu suchen. "Die Schadenersatzansprüche verjähren erst in zwei Jahren. Es gibt bei Personenschäden im Luftverkehr keine Anmeldefrist für Ansprüche bei den Versicherungen. Es reicht zunächst, sich bei Germanwings zu melden."

Lufthansa reicht die Rechnung weiter

Der Fall der abgestürzten Germanwings-Maschine scheint nach den jüngsten Erkenntnissen zudem nun relativ klar zu liegen. Nur wenn die Lufthansa nachweist, dass der Absturz in den Alpen nicht durch das rechtswidrige oder schuldhafte Verhalten ihrer Leute verursacht wurde, muss sie über die festgelegte Obergrenze von derzeit 143.000 Euro hinaus keinen Schadenersatz zahlen. Da sich der Co-Pilot offenbar im Cockpit eingeschlossen und den Crash verursacht hat, scheint die Schuldfrage schon jetzt weitestgehend geklärt. 

Finanziell wird die Lufthansa deswegen wohl in erheblichem Umfang belastet werden. Die Fluggesellschaft ist aber gezwungen, für genau diesen Katastrophenfall vorzusorgen. Die gesetzlich vorgeschriebene Mindestversicherungssumme liegt derzeit bei etwa 319.000 Euro pro Passagier. Die Hinterbliebenen werden ihre Entschädigung sicher bekommen, wie hoch auch immer die Rechnung für die Lufthansa ausfällt.

Denn die Airline reicht die Forderungen an die Allianz weiter, die die abgestürzte Germanwings-Maschine gemeinsam mit anderen Konzernen versichert hat. Zur etwaigen Schadensregulierung wollte eine Sprecherin auf Anfrage keine Stellung nehmen. "Ich kenne die  Bedingungen des Versicherungsvertrages zwar nicht. Aber ich gehe davon aus, dass auch ein vorsätzliches Verhalten der Piloten mitversichert ist", meint Luftfahrtberater Müller-Rostin.

Quelle: n-tv.de

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