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Ein Regal voller Lügen? - "Die Täuschung ist im Supermarkt einfach die Regel."
Ein Regal voller Lügen? - "Die Täuschung ist im Supermarkt einfach die Regel."(Foto: picture alliance / dpa)

Dreiste Tricks im Supermarkt: "Werbelügen sind völlig legal"

Was steht drauf, was steckt drin? Seit Jahren kämpfen die Verbraucherschützer von Foodwatch gegen die alltägliche Manipulation im Supermarkt. Um irreführende Produktversprechen zu brandmarken, verleiht der eingetragene Verein am 1. Oktober den "Goldenen Windbeutel". Was bringt das? n-tv.de befragt Foodwatch-Sprecher Christopher Link.

n-tv.de: Der "Windbeutel" ist das Gegenteil einer lobenden Auszeichnung. Entsprechend unbeliebt ist er in der Nahrungsmittelindustrie. Was kann Foodwatch damit erreichen?

Foodwatch-Sprecher Christopher Link
Foodwatch-Sprecher Christopher Link(Foto: Foodwatch)

Christopher Link: Im besten Fall werden die Hersteller dazu gezwungen, ihre Werbelügen aus dem Regal zu nehmen. Und vor allem wird durch den Goldenen Windbeutel offensichtlich, dass Täuschungen im Supermarkt die Regel sind und nicht die Ausnahme - weil die Gesetze das zulassen.

Der allererste "Windbeutel" ging 2009 an den französischen Konzern Danone. Das fragliche Produkt war "Actimel" - ein Joghurt mit Zusatzstoffen, das es immer noch zu kaufen gibt. Kämpft Foodwatch mit einem stumpfen Schwert?

Wir sind ja nur eine kleine Organisation und können Missstände nur öffentlich kritisieren. Aber Verbraucherprotest kann etwas bewegen. Vor zwei Jahren ging der Goldene Windbeutel zum Beispiel an einen Zuckergranulat-Tee für Kinder - Hersteller Hipp hat das Produkt aus dem Regal genommen. Natürlich verschwinden nicht alle nominierten Produkte komplett von der Bildfläche. Aber es tut sich durchaus etwas - wie ja auch der aktuelle Fall Coop zeigt. Uns geht es aber um das Prinzip, auf das wir aufmerksam machen wollen: Dreiste Werbelügen sind völlig legal. Daran muss die Politik etwas ändern.

Foodwatch verleiht den "Windbeutel" in diesem Jahr zum sechsten Mal. Nimmt die Zahl der Werbelügen zu oder ab?

So einfach erheben lässt sich das nicht. Aber fest steht: Verbraucher werden nach wie vor regelmäßig im Supermarkt getäuscht. Die Hersteller werfen zwar mittlerweile auch ein Auge auf uns. Und sie wissen, dass sich die Verbraucher nicht mehr alles gefallen lassen. Aber solange die Gesetze ganz legale Verbrauchertäuschung zulassen, so lange wird sich daran auch nicht viel ändern. Wir hätten hunderte Produkte für den Windbeutel nominieren können. Etikettenschwindel findet sich im Supermarkt an jeder Ecke.

Was hat sich den in den letzten Jahren auf der Verbraucherseite verändert? Sind die Konsumenten durch den "Windbeutel" kritischer geworden?

Sicher beschäftigen sich immer mehr Menschen mit dem Thema Essen und Ernährung. Aber selbst als kritischer Verbraucher bin ich oft aufgeschmissen, weil ich entscheidende Informationen schlichtweg nicht auf der Packung finde - beispielsweise zur Herkunft oder zum Einsatz von Gentechnik. Wir wenden uns daher vor allem an die Hersteller und die Politik. Uns geht es darum, dass die politisch Verantwortlichen die Gesetze ändern, um die Hersteller zu ehrlicheren Produkten und Werbeaussagen zu zwingen. Wir erwarten eine klare, verständliche Kennzeichnung der Produkte. Denn nur wer ausreichend informiert ist, kann auch eine mündige Entscheidung als Verbraucher treffen.

Aber jeder weiß doch, dass Werbung nicht die Wahrheit sagt.

Selbst wenn es so wäre: Etikettenschwindel ist auch dann nicht in Ordnung, wenn alle Bescheid wissen.

Goldener Windbeutel 2014

Der Verein Foodwatch e.V. verleiht den "Goldenen Windbeutel" seit 2009. Verbraucher können online darüber abstimmen, welches der fünf nominierten Produkten den Negativpreis erhalten soll. Zu den Preisträgern gehörten bislang unter anderem das Joghurtgetränk Actimel von Danone und die Milch-Schnitte von Ferrero. In diesem Jahr sind folgende Produkte nominiert:

  • Glacéau Vitaminwater von Coca-Cola, Foodwatch-Begründung: "Ein typisches Functional-Food-Produkt: Erfunden, um Verbrauchern das Geld aus der Tasche zu ziehen.“
  • Knorr activ Hühnersuppe von Unilever, "Unilever schwindelt gleich doppelt und legt es offen auf eine Irreführung der Kunden an."
  • 1Unser Norden Bio Apfelsaft naturtrüb von Coop, "Woher genau die Äpfel stammen, will Coop ebenso wenig angeben wie den Anteil der tatsächlich aus Norddeutschland stammenden Früchte – das Handelsunternehmen will seine Kunden offenbar für dumm verkaufen, wenn er dennoch mit regionaler Herkunft wirbt." (Hinweis: Coop hat mittlerweile reagiert.)
  • Belvita Frühstückskeks von Mondelez (ehemals Kraft Foods), "Für einen schnöden Keks hat sich die Marketing-Abteilung von Mondelez einen neuen Verzehranlass als Hauptbestandteil eines ausgewogenen Frühstücks ausgedacht – zu einer solchen Idee gehört schon eine gehörige Portion Frechheit."
  • Alete Mahlzeit zum Trinken ab 10. Monat von Nestlé, "Das ist perfidester Gesundheitsschwindel auf Kosten der Kleinsten."

Der Gewinner des "Goldenen Windbeutels" 2014 wird am 1. Oktober bekannt gegeben.

(Ausführliche Informationen unter foodwatch.org)

Was raten Sie einem Verbraucher, der sich angesichts blumiger Werbeversprechen und immer neuen Lebensmittelskandalen fragt, was man heutzutage überhaupt noch kaufen kann?

Diese Frage hören wir tatsächlich sehr oft. Das Problem ist leider, dass der einzelne Verbraucher nicht sehr viel machen kann. Denn wenn Sie im Supermarkt sind, dann können Sie das alles gar nicht überblicken. Wir wollen nicht, dass man Lebensmittelchemiker sein muss oder immer eine Lupe dabei haben sollte, um sich im Supermarkt halbwegs zurechtzufinden.

In diesem Jahr hat Foodwatch wieder fünf Produkte nominiert. Was ärgert Sie an diesen Beispielen besonders?

Das sind ganz verschiedene Punkte. Das Glacéau Vitaminwater von Coca-Cola beispielsweise ist eigentlich nur Wasser, das mit Aromastoffen, Farbstoffen und Vitaminzusätzen aufgepeppt ist - aber wie ein Wundermittel für das Immunsystem vermarktet wird. Verbrauchern wird damit das Geld aus der Tasche gezogen. Die Knorr activ Hühnersuppe von Unilever wiederum enthält kein einziges Gramm Hühnerfleisch, sondern lediglich 1 Prozent Hühnerfett. Und der Frühstückskeks von Monedelez wird als guter Start in den Tag beworben. In Wahrheit ist das einfach nur eine Süßigkeit mit bis zu 27 Prozent Zucker.

Was ist an Trendgetränken, Pseudo-Suppen und Zuckerkeksen denn so schlimm?

Das sind schlicht Mogelpackungen, die nicht enthalten, was sie versprechen. Verbraucher werden getäuscht und in die Irre geführt. Im schlimmsten Fall - siehe Trinkmahlzeiten für Babys - drohen sogar Gesundheitsgefahren.

Die Lebensmittelindustrie wirft Foodwatch vor, die Verbraucher mit dem "Windbeutel" nicht zu informieren und zu beraten, sondern stattdessen eine Stimmung der Verunsicherung zu schaffen.

Das ist schon dreist. Verunsichert werden die Verbraucher vielleicht durch die alltägliche Irreführung - nicht dadurch, dass wir diese kritisieren. Wer in den Supermarkt geht, findet dort zum Beispiel Produkte, die mit dem Versprechen 'Aus der Region' werben, aber gar nicht unbedingt aus der betreffenden Region stammen. Oder sie werben mit Inhaltsstoffen, die dann überhaupt nicht enthalten sind. Besonders schlimm finden wir Produkte, die als 'kindgerecht' verkauft werden, obwohl Ärzte davor warnen. Das ist das Problem: Die Täuschung ist im Supermarkt einfach die Regel. Beim Goldenen Windbeutel geht es darum, dass wir Verbraucher ein Recht darauf haben, im Supermarkt transparente Informationen über Lebensmittel vorzufinden und keinen Etikettenschwindel.

Der "Windbeutel" richtet sich also direkt an den Gesetzgeber?

Ja. Das Problem ist, dass die Gesetze zu lax sind, und dass die Hersteller sich irreführenden Angaben nach wie vor leisten können. Die Verleihung des Goldenen Windbeutels ist ein klarer Appell an die Politik, das zu ändern.

Warum sind die Gesetze nicht schärfer gefasst?

Die Macht der Lebensmittellobby ist zu groß. Die Industrie schreibt die Vorgaben teilweise praktisch mit. Das hat nicht viel mit unserem Demokratieverständnis zu tun. Die Gesetze müssen Transparenz schaffen und die Gesundheit der Verbraucher schützen, und nicht die Konzerninteressen.

Mit Christopher Link sprach Martin Morcinek

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

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