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Jürgen Fitschen (li.) und Anshu Jain bestimmen am Freitag mit dem Aufsichtsrat über den Umbau der Deutschen Bank.
Jürgen Fitschen (li.) und Anshu Jain bestimmen am Freitag mit dem Aufsichtsrat über den Umbau der Deutschen Bank.(Foto: picture alliance / dpa)

Tausende Jobs gefährdet: Wie deutsch bleibt die Deutsche Bank?

Von Hannes Vogel

Der Deutschen Bank steht der größte Einschnitt in ihrer 145-jährigen Geschichte bevor. Auf dem Spiel stehen nicht nur die Postbank und die Identität von Deutschlands größtem Geldhaus. Sondern tausende Jobs.

Was für eine Bank will Deutschlands größtes Geldhaus sein? Ein globales Investmenthaus, das mit Aktien, Anleihen und der Beratung bei Fusionen sein Geld verdient? Oder eine Privatkundenbank, die Kredite an Häuslebauer, Mittelstand und Angestellte vergibt? Die Antwort der Deutschen Bank war bisher immer: beides. Sie will eine globale Universalbank sein, ein Top-Investmenthaus mit angehängten Filialen. Sie will allen alles bieten und bei jedem Geschäft mitmischen.

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Viel zu lange haben Investmentbanker Anshu Jain und sein Co-Chef Jürgen Fitschen an dieser Universalstrategie festgehalten. Der Aktienkurs schwächelt. Den Investoren ist die Bank zu groß und zu teuer. Sie muss schrumpfen, um wieder profitabler zu werden. Seit Jahren schwelt der Kulturkampf zwischen Investmentbankern in London und Filialleitern in Deutschland. Aufsichtsrat und Vorstand wollen deshalb nun ab Freitag einen radikalen Strategiewechsel beschließen. Tausende Jobs stehen auf dem Spiel. Von der Entscheidung hängt nichts weniger als die Frage ab, wie deutsch die Deutsche Bank künftig noch sein wird.

Spalten oder Schrumpfen?

Zwei Szenarien sind im Gespräch. Das erste käme einer Revolution gleich: Die Bank denkt darüber nach, ihr Privatkundengeschäft inklusive der Postbank komplett abzuspalten. Die Deutsche Bank würde aufgeteilt in eine Investmentbank und in ein Privatkundeninstitut, das an die Börse gebracht wird. Es wäre die radikalste Abkehr vom bisherigen Universal-Geschäftsmodell.

Doch auch beim zweiten Modell bleibt wohl kein Stein auf dem anderen. Dabei würde die Bank die Postbank, die sie 2010 komplett übernommen hatte, stückweise über die Börse oder an einen Investor verkaufen. Zugleich würde auch bei den hauseigenen Filialen kräftig gestrichen: jede dritte der noch etwa 700 Deutsche-Bank-Filialen in Deutschland könnte geschlossen werden. Tausende Mitarbeiter würden ihren Job verlieren. Auch im Investmentbanking dürfte der Rotstift angesetzt werden.

Spalten oder schrumpfen, das ist die Frage. Vieles spricht dafür, dass sich die Deutsche-Bank-Spitze für die zweite Variante, also den moderateren Kurs entscheiden wird. Wichtigster Grund: Wenn sie das Privatkundengeschäft komplett abspaltet, verliert sie den wichtigsten Pfeiler ihrer Identität. Die Filialen zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkirchen sind das, was die Deutsche Bank deutsch macht. Gut zwei Drittel der weltweit 2814 Konzernniederlassungen stehen in Deutschland, rund die Hälfte ihrer fast 100.000 Angestellten arbeitet hier. Sie geben der Bank ihr Zuhause in Deutschland.

Sparer sichern Zocker ab

Gegen die radikale Wende spricht auch, dass die Deutsche Bank sich in ihrem universellen Geschäftsmodell viel zu gemütlich eingerichtet hat. Zu verlockend sind die Vorteile: Mit den Einlagen von deutschen Sparern sichert die Bank bisher die Geschäfte ihrer Londoner Investmentbanker ab, die immer noch den Großteil der Gewinne erwirtschaften. Fällt dieses Finanzpolster durch eine Teilung der Bank in zwei Hälften weg, dürfte es viel schwieriger und teurer werden, ihre riskanten Investmentgeschäfte zu finanzieren.

Doch selbst wenn das Privatkundengeschäft nur geschrumpft und nicht abgespalten wird: Die Deutsche Bank wird so oder so weniger deutsch werden. Und mit dem Strategieschwenk weg von den Privatkunden würde das Führungsduo Jain/Fitschen wieder stärker auf ausgerechnet die Sparte setzen, die der Bank die endlose Liste von Skandalen und Rechtsstreitigkeiten eingebrockt hat, die ihr seit Jahren die Bilanz verhageln: das Investmentbanking.

Erst am Donnerstag verdonnerten angelsächsische Aufseher die Bank zu einer Rekordstrafe von 2,5 Milliarden Dollar im Zinsskandal - die höchste Buße, die eine Bank bisher bezahlen musste. Laut den Ermittlern soll die Deutsche Bank die Aufklärung behindert haben. Mit dem Wegfall von bis zu 250 Filialen und der Mehrheit an der Postbank wird ein Großteil des soliden Geschäftsbereichs eingedampft, mit dem die Bank solche schmutzigen Geschäfte eigentlich hinter sich lassen wollte. Es ist ein Rückschritt bei dem jahrelangen Versuch, die Bank stabiler zu machen.

Die Postbank war bisher ein zentraler Baustein dieser Strategie. Nach den Rekordverlusten der Finanzkrise entdeckte der oberste Deutschbanker Josef Ackermann in dem Institut einen Anker, um seine Bank unabhängiger vom Auf und Ab der Börsen zu machen. Das Privatkundengeschäft sollte eine stabile zweite Säule neben dem Investmentbanking werden, das seine Megagewinne damals mit Zockergeschäften auf den launischen Finanzmärkten erzielte. 2010 übernahm er die Postbank komplett.

Festhalten am Vergangenen

Zwar ist der Vorsteuergewinn der Privatkundensparte seitdem gestiegen. Ihr einstiges Ziel, drei Milliarden Euro mit den Privatkunden einzufahren, haben die Bankchefs Jain und Fitschen aber um Längen verfehlt. Schuld daran ist auch die Europäische Zentralbank (EZB). Sie hat die Zinsen derart in den Keller gedrückt, dass sich die stabilen Geschäfte der Deutschen Bank kaum mehr lohnen.

Doch die größere Verantwortung liegt bei Jain und Fitschen selbst. Sie setzen gegen alle Widerstände weiter stark auf das Investmentbanking. Dabei sind die meisten anderen Banken längst ausgestiegen: Die UBS hat das Kapitalmarktgeschäft weitgehend aufgegeben. Auch Barclays und Royal Bank of Scotland ziehen sich zurück. Jains Wette, Marktanteile der ausgeschiedenen Konkurrenten zu ergattern, ging bisher nicht auf. Die großen Wettbewerber haben den Wechsel längst vollzogen. Die Deutsche Bank hinkt hinterher. Sie hält an der Vergangenheit fest.

Den radikalen Abschied der Bank aus Deutschland verhindert auch die Politik. Nicht nur die Finanzaufseher können ein Veto einlegen, wenn ihnen das neue Geschäftsmodell nicht stabil genug ist. Auch das Kanzleramt und das Finanzministerium haben klargemacht, dass die Deutsche Bank eine deutsche Bank mit Geschäften in Deutschland bleiben muss.

Quelle: n-tv.de

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