Wirtschaft
Russlands Präsident Wladimir Putin.
Russlands Präsident Wladimir Putin.(Foto: REUTERS)

"Fiktion. Lüge": Wie reich ist Putin?

Von Jan Gänger

Putin ist viele Milliarden Dollar schwer und versteckt gekonnt immense Summen, berichtet die BBC. Der Kreml gibt sich entrüstet und sieht den russischen Präsidenten verleumdet.

Die Reaktion des Kreml ließ nicht lange auf sich warten – und sie fiel deutlich aus. Als "reine Fiktion", "Lüge" und "Verleumdung" bezeichnete der Sprecher des russischen Präsidenten Wladimir Putin eine Reportage der BBC. Der Bericht entbehre jeder Grundlage, ärgerte sich Dmitri Peskow.

Was war passiert? Der britische Sender hatte eine brisante Reportage ausgestrahlt. Demnach hat Putin ein immenses Vermögen von 40 Milliarden Dollar angehäuft, indem er sich illegal bereichert.

So heftig die Vorwürfe sind, sie sind nicht neu. Die Zahl auch nicht. Schon 2007 hieß es, Putin sei mit einem solchen Vermögen einer der reichsten Männer überhaupt. Stanislaw Belkowski, russischer Politologe und gut vernetzter Kolumnist, hatte diese Summe in die Welt gesetzt. Der US-Geheimdienst CIA kam zu dieser Zeit auf die gleiche Zahl. Auf beide Quellen beruft sich die BBC in ihrer Reportage.

Damals kam das Dementi nicht durch seinen Sprecher, sondern von Putin höchstselbst: "Es ist einfach nur Müll. Sie haben das alles aus der Nase von irgendjemanden geholt und es in ihre kleinen Zeitungen geschmiert." Die Unterstützung durch das russische Volk sei sein größtes Vermögen, ergänzte Putin. Doch ob der Präsident tatsächlich so bescheiden ist, wie er sich gibt, daran gibt es durch die BBC neue Zweifel.

Brisanz erhält der Bericht vor allem durch US-Vizefinanzminister Adam Szubin, der Putin darin als "korrupt" bezeichnet und somit weitergeht als die bisherigen Vorwürfe der US-Regierung. Offiziell verdiene der Präsident etwa 110.000 Dollar im Jahr, so Szubin. Das entspreche aber nicht seinem wirklichen Reichtum. Putin verfüge über eine lange Erfahrung, seine wahre finanzielle Lage zu verschleiern.

Der Staatschef hat jahrelang für den Geheimdienst KGB gearbeitet und war kurz Chef des Nachfolgers FSB, bevor er 1999 erstmals Ministerpräsident wurde. Den eigenen Reichtum verstecke Putin, sagt Szubin. Die US-Regierung wisse davon "seit vielen, vielen Jahren".

"Putin ist der Klebstoff"

Und wie viel Geld hat Putin tatsächlich? Eine Zahl will Szubin nicht nennen. "Wir sehen, dass er seine Freunde reich macht, seine engen Gefährten, und bei der Verfügung über Staatsvermögen die an den Rand drängt, die er nicht als Freunde sieht", sagt Szubin, der im US-Finanzministerium der Beauftragte für Sanktionen ist. Staatseigentum und persönlicher Besitz verschwimmen nach dieser Lesart.

"Die Sache ist außerordentlich kompliziert", hatte der ehemalige Korrespondent des "Guardian", Luke Harding, in einem Interview mit n-tv.de gesagt. Denn Putin verfüge über riesige Ressourcen, ohne sie juristisch zu besitzen. "Putin ist nicht alleine. Er hat ein Team. Das kontrollierte Vermögen ist kollektiv", sagte Harding und nannte eine Größe von 300 Milliarden Dollar.

"Zwischen Regierung und Kriminalität gibt es im Grunde keinen Unterschied", so der Kreml-Kenner. "Organisiertes Verbrechen und Sicherheitskräfte sind eine Einheit geworden." Im Prinzip gehe es im Machtapparat nur um eines: stehlen. Viele rivalisierende Gruppierungen streiten um ihren Anteil am Profit aus den immensen Rohstoffvorkommen des Riesenreichs.

"Klebstoff, der korruptes System zusammenhält"

Und Putin? "Putin ist der Klebstoff, der dieses korrupte System zusammenhält", sagte Harding. "Die Machtelite ist davon überzeugt, dass er der Einzige ist, der dafür sorgen kann, dass dieses System weiterhin funktioniert." Der Journalist verweist auf den ehemaligen Schachweltmeister Garri Kasparow, der Putin mit dem Paten aus den Mafia-Romanen von Mario Puzo vergleicht – und von einem "Netz aus Verrat, Geheimnissen und verwischten Trennlinien zwischen Geschäft, Politik und Verbrechen" spricht.

Wie das System angeblich funktioniert, zeigt die BBC am Beispiel Roman Abramowitsch. Oligarchen zahlen an Putin demnach regelrecht Tribute, um unbehelligt Geschäfte machen zu können. Dem Bericht zufolge schenkte Abramowitsch Putin eine 57 Meter lange Motorjacht im Wert von 35 Millionen Dollar – über einen Strohmann. Betrieb und Instandhaltung gehen auf Staatskosten. Die Anwälte von Abramowitsch wiesen das zurück.

Der Oligarch hat dem Bericht zufolge auch zur Finanzierung eines Luxus-Anwesens in der Nähe von Sotschi beigetragen, das angeblich für Putin errichtet worden ist. Der BBC zufolge überwies er mehr als 200 Millionen Dollar – offiziell als Beitrag für die Modernisierung des russischen Gesundheitssystems. Doch der Löwenanteil des Geldes wurde demnach in das palastartige Anwesen am Schwarzen Meer gesteckt. Putins Sprecher Peskow hat stets eine Verbindung von Putin und dem Prachtbau dementiert.

Das gilt auch für Putins angebliche Beteiligung an einem der weltweit größten Rohstoffhändler, Gunvor. Immer wieder wird ein Zusammenhang behauptet, doch Beweise sind nicht erbracht worden. Auch Gunvor weist eine Verbindung weit von sich.

Doch die US-Regierung scheint sich ihrer Sache sicher: Sie setzte Miteigründer Gennadi Timtschenko auf die Liste mit Sanktionen - und lieferte eine eindeutige Erläuterung. "Timtschenkos Aktivitäten im Energiesektor haben direkte Verbindungen zu Putin. Er ist in Gunvor investiert und könnte Zugang zu Gunvors Vermögen haben", so das US-Finanzministerium. Beide Männer kennen sich seit ihrer gemeinsamen Zeit im St. Petersburg der 1990er-Jahre, wo Putin in der Stadtverwaltung den Grundstein für seine politische Karriere legte. Timtschenko ist laut dem US-Magazin "Forbes" einer der reichsten Männer Russlands.

Gunvor wies die Anschuldigungen aus Übersee zurück. "Gunvor dementiert kategorisch, dass Wladimir Putin an dem Unternehmen beteiligt ist oder war und dass er von unseren Geschäften direkt oder indirekt profitiert", so der Ölhändler, der nicht auf der Sanktionsliste steht. Timtschenko verkaufte in Erwartung der Sanktionen einen Tag vor der Veröffentlichung seine Anteile an Geschäftspartner Thorbjörn Törnqvist. Dieser sei nun mit einem Anteil von knapp 90 Prozent Mehrheitsaktionär der Firma, heißt es. Der Rest der Papiere gehöre Mitarbeitern.

Putin spottet

Das US-Finanzministerium legte keine Beweise für eine angebliche Verbindung zwischen Gunvor und Putin vor. Doch Beobachter weisen darauf hin, dass es ausreichend Substanz geben muss, damit diese Anschuldigung bei einer möglichen Klage vor Gericht untermauert werden kann.

Doch so weit wird es wohl nicht kommen. Putin wird sich stattdessen weiter über entsprechende Berichte lustig machen. "Ja, es ist wahr. Ich bin nicht nur reichste Mann Europas, sondern der Welt", sagte er im Jahre 2008, bevor er erneut Ministerpräsident Russlands wurde. "Ich sammle nämlich Emotionen."

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Quelle: n-tv.de

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