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Pilotprojekt in Sichtweite der A20: Deutschlands größte Versuchsanlage zum "Aufbewahren" von Windstrom in Wasserstoff.
Pilotprojekt in Sichtweite der A20: Deutschlands größte Versuchsanlage zum "Aufbewahren" von Windstrom in Wasserstoff.(Foto: dpa)

Ingenieurstechnische Speicherträume: Windpark erzeugt Wasserstoff

Die Zukunft der deutschen Energieversorgung kommt womöglich aus Mecklenburg-Vorpommern: Mit vergleichsweise bescheidenen Fördermitteln geht nördlich von Neubrandenburg ein Windpark mit besonderen Fähigkeiten ans Netz. Die neuartige Anlage kann überschüssigen Windstrom dauerhaft speichern.

Nach zwei Jahren Bauzeit: Das Herzstück der Anlage geht in Betrieb.
Nach zwei Jahren Bauzeit: Das Herzstück der Anlage geht in Betrieb.(Foto: dpa)

Die Ingenieurgesellschaft Wind-Projekt hat in Mecklenburg-Vorpommern einen Windpark mit der bundesweit größten Versuchsanlage zur Energiespeicherung per Wasserstofferzeugung in Betrieb genommen. Das Rotorenfeld mit einer Gesamtnennleistung von 140 Megawatt steht zwischen den Ortschaften Grapzow und Altentreptow nördlich von Neubrandenburg und ist über ein neues Umspannwerk des Netzbetreibers 50Hertz an das 380-Kilovolt-Hochspannungsnetz angeschlossen.

Der gesamte Bau von Windpark, der Ein-Megawatt-Versuchsanlage, des Umspannwerks und eines Windkraftanlagen-Dienstleistungszentrums kostete zusammen rund 220 Millionen Euro und entstand in zwei Jahren.

Betreiber der Versuchsanlage "RH2-Werder/Kessin/Altentreptow" ist der Projektentwickler Wind-Projekt. Der Großversuch zur Speicherung überschüssiger Strommengen in Form von Wasserstoff wird vom Bund mit 4,5 Millionen Euro aus dem Nationalen Innovationsprogramm für Wasserstoff- und Brennstoffzellentechnologie gefördert. Es läuft über drei Jahre.

Windenergie wird grundlastfähig

Wasserstoff lässt sich per Elektrolyse aus Grund-, Regen- oder Oberflächenwasser herstellen. Dadurch lässt sich elektrischer Strom mit vergleichsweise geringen Verlusten in einen dauerhaft speicherbaren Energieträger umwandeln. Das brennbare und leicht flüchtige Gas kann mittels Brennstoffzellen wieder in elektrischen Strom umgewandelt werden. Alternativ lässt es sich auch in herkömmlichen Verbrennungsmotoren verstromen - in etwa wie Erdgas oder Biogas. Für die längerfristige Speicherung oder den Transport über größere Strecken ist auch die Verflüssigung in speziellen Anlagen möglich - eine Technik, die bei Erdgas in Form von Flüssiggastankschiffen (LNG, Liquified Natural Gas) bereits längst Marktreife erreicht hat.

Sollte sich der Wasserstoff-Ansatz zur Speicherung von Windstrom als praktikabel erweisen, wäre damit eines der bislang größten Probleme der Windenergiebranche auf einen Schlag gelöst: Bislang kämpfen Netzbetreiber und Energieversorger noch mit den Auswirkungen der witterungsbedingten Schwankungen, der die Windenergieerzeugung naturgemäß unterliegt. An windreichen Tagen produzieren die deutschen Windparks mitunter sehr viel mehr Energie als benötigt.

Die schwer vorhersehbaren Schwankungen zwingen die Energieversorger, teure Kraftwerkskapazitäten auf konventioneller Basis zur Absicherung der Grundlastversorgung bereit zu halten. Die mangelnde Grundlastfähigkeit gilt bislang als größter Nachteil der erneuerbaren Energien wie etwa Windkraft, Solarthermie und Photovoltaik. Die Umwandlung von Ökostrom in gut speicherbaren Wasserstoff zählt seit Jahrzehnten zu den großen ingenieurstechnischen Zukunftsvisionen.

Netzagentur lobt Stromversorgung

Insgesamt läuft die Stromversorgung in Deutschland nach Einschätzung der Bundesnetzagentur trotz des holprigen Starts der Energiewende weiterhin sehr zuverlässig. Im vergangenen Jahr waren die Haushalte im Durchschnitt 15,91 Minuten ohne Strom, wie die Aufsichtsbehörde mitteilte. Die Dauer der Versorgungsunterbrechungen lag damit nur geringfügig über den Werten von 2011 und deutlich unter dem Mittelwert der Jahre 2006 bis 2011.

"Ein maßgeblicher Einfluss der Energiewende und der damit einhergehenden steigenden dezentralen Erzeugungsleistung auf die Versorgungsqualität kann somit für das Berichtsjahr ausgeschlossen werden", sagte der Präsident der Bundesnetzagentur, Jochen Homann.

"Blackout nicht vor der Tür"

Der Chef der Bonner Behörde hatte erst vor wenigen Tagen seine Zuversicht signalisiert, dass die Stromnetze auch im kommenden Winter den Belastungen standhalten werden. "Die Lage ist angespannt, aber wir halten sie für beherrschbar, der Blackout steht nicht vor der Tür", sagte Homann auf einem Energiekongress in München.

Um größere Schwankungen im Netz abzufedern, sollen nicht zuletzt Reservekraftwerke mit einer Gesamtleistung von 2540 Megawatt zum Einsatz kommen. Diese Sicherheitsreserve werden die Übertragungsnetzbetreiber auch im Winter vorhalten. Durch den Ausbau der erneuerbaren Energien mit ihrer stark schwankenden Einspeisung ist es insgesamt schwieriger geworden, die Netzstabilität zu halten. Die Speicherung von Stromspitzen in Wasserstoff würde dieses Problem lösen.

Quelle: n-tv.de

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