Wirtschaft
Jeden Tag Überstunden, manchmal bis spät in die Nacht hinein - für viele gehört das schon zum Alltag.
Jeden Tag Überstunden, manchmal bis spät in die Nacht hinein - für viele gehört das schon zum Alltag.(Foto: picture alliance / dpa)

Acht-Stunden-Tag adé?: Wir brauchen mehr Freizeit, nicht mehr Arbeit

Ein Kommentar von Vanessa Kockegei

Die Arbeitgeberverbände fordern, dass der Acht-Stunden-Tag abgeschafft wird - für zeitgemäße Arbeitsmodelle. Allerdings käme die neue Flexibilität vor allem Arbeitgebern zugute. Den Arbeitnehmern hingegen drohen noch mehr Überstunden.

Ein Blick auf die Uhr verrät: Es ist 20 Uhr. Also drei Stunden nach 17 Uhr, wenn eigentlich Feierabend hätte sein sollen. Diese Situation ist keine Seltenheit in der deutschen Arbeitslandschaft. Dennoch fordern die Arbeitgeberverbände (BDA) seit Sommer, das Arbeitszeitgesetz zu lockern: Sie wollen den Acht-Stunden-Tag abschaffen und das Gesetz auf eine wöchentliche Höchstarbeitszeit von 48 Stunden umstellen - für mehr Flexibilität am Arbeitsplatz. Wer glaubt, die neue Zeitplanung käme beiden Seiten zugute, irrt. Eine Lockerung würde vor allem eins bewirken: noch mehr Arbeit.

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Dem Deutschen Gewerkschaftsbund (DGB) zufolge leisten 16 Prozent der deutschen Arbeitnehmer mehr als 10 Überstunden pro Woche. Im vergangenen Jahr kamen auf jeden deutschen Arbeitnehmer sogar mindestens 50 Überstunden im Jahr. Schon jetzt fühle sich jeder Zweite auf Arbeit gehetzt, etwa durch Personalmangel und knappe Deadlines.

BDA-Chef Ingo Kramer betont indes die Vorteile eines gelockerten Arbeitszeitgesetzes: "So sollen neue Spielräume geschaffen werden, um sowohl Betrieben als auch den Beschäftigten mehr Flexibilität zu verschaffen." Der Acht-Stunden-Tag sei demnach ein starres Konstrukt, das in der modernen Arbeitswelt nicht mehr zeitgemäß ist. Lieber sollten die Arbeitnehmer an einem Tag länger arbeiten, einen anderen Tag dafür kürzer oder gar nicht. Ein Plus für die deutsche Freizeitgestaltung, besonders für Arbeitnehmer mit Familie. In der Tat wünschen sich viele eine bessere Work-Life-Balance, mehr Zeit für sich und ihre Kinder. Der Weg dahin muss jedoch ein anderer sein.

Die Belastungsgrenze ist schon erreicht

Wie die Ziele der Arbeitgeberverbände auch formuliert sind, die berufliche Praxis wird vermutlich anders aussehen: Es gibt zu viele schwarze Schafe, die die Lockerung ausschließlich zu ihren Gunsten und auf Kosten der Arbeitnehmer nutzen würden. Ein Blick auf die gegenwärtige Situation genügt: Überstunden erfolgen laut einer Studie oft ohne Ausgleich und so schultern Einzelne den Arbeitsumfang, für den es erforderlich wäre, neue Mitarbeiter einzustellen. Möglichst viel Arbeit für möglichst wenig Geld lautet die Devise. Hätten wir nicht starke Gesetze, wäre die Lage noch schlimmer.

Schon jetzt trauen sich nur wenige, gegen Überstunden zu protestieren. Der finanzielle und unternehmensinterne Druck ist zu groß, einige, manche, viele haben Angst den Job zu verlieren.

Flexiblere Arbeitszeiten nützen vor allem denen, die bereits am längeren Hebel sitzen. So wichtig Flexibilität auch ist - in diesem Fall brauchen wir klare Grenzen.

Quelle: n-tv.de

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