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Per SaldoDie Sehnsucht nach der Glaskugel

18.06.2010, 12:00 Uhr
imageJan Gänger

Die Zukunft ist die Zeit, die der Gegenwart folgt. Doch was sie bringt, weiß keiner. Das hindert uns allerdings nicht daran, Orakel zu befragen - und Glauben zu schenken.

Nein, ich weiß nicht, wer das nächste Spiel gewinnt. Geschweige denn, wer Weltmeister wird. Niemand weiß das. Auch ich weiß das nicht. Wirklich nicht. Dennoch werde ich das ständig gefragt. In Zeiten von Weltmeisterschaften wird die Sehnsucht nach Vorhersagen besonders deutlich. Das liegt wohl nicht zuletzt an den unzähligen Tippspielen. Auch ich nehme daran teil. Und liege, nebenbei gesagt, in schöner Regelmäßigkeit ganz weit hinten. Merkwürdigerweise werden mir trotzdem Prognosen abverlangt. Wahrscheinlich, um das Gegenteil zu tippen.

Trost finde ich bei Niels Bohr. "Vorhersagen sind schwierig. Vor allem wenn sie die Zukunft betreffen", wusste der Physiker. Da ist zweifellos etwas dran. Doch bei vielen stößt der Däne auf taube Ohren. Leider. Wir wollen ja nicht nur während einer Weltmeisterschaft wissen, was die Zukunft bringt. Auch zwischen den Turnieren beschäftigt uns diese Frage. Und in Zeiten von Eurokrise, Wirtschaftskrise und Finanzkrise blicken wir hilfesuchend in die Runde und fragen vor allem Ökonomen um Rat. Sie verraten uns, wie sich Inflation, Zinsniveau oder Arbeitslosenquote entwickeln werden und wohin die Reise an der Börse geht.

Unser Glaube an ihre Fähigkeit, in die Zukunft zu blicken, ist ungebrochen. Wir ignorieren geflissentlich, wie schlecht die Vorhersagen in der Regel sind. Nur zur Erinnerung: Die Wirtschafts- und Finanzkrise traf auch Größen der Zunft völlig überraschend. Hatten sie viel zu lange Gefahren und Risiken unterschätzt, überboten sie sich später mit Schwarzmalerei.

Ökonomen fällt es schon schwer genug, die Vergangenheit zu erklären. Sie streiten noch immer darüber, ob Roosevelts New Deal der dreißiger Jahre die Weltwirtschaftskrise beendet oder verstärkt hat. Vor diesem Hintergrund ist es möglicherweise nicht ganz unangebracht, ihren Vorhersagen mit gesunder Skepsis zu begegnen. Doch häufig ist das Gegenteil der Fall. Das Orakel, das am lautesten ruft und die eindeutigsten Antworten gibt, findet Gehör. Derzeit stehen Katastrophenszenarien hoch im Kurs – besonders beliebt ist momentan die Ankündigung einer unvermeidlichen Hyperinflation.

Dabei wird geflissentlich ignoriert, dass Makroökonomie ungeheuer komplex ist. Alles hängt mit allem zusammen. Kein noch so anspruchsvolles volkswirtschaftliches Modell ist in der Lage, mit Sicherheit die Zukunft anzuzeigen. Halten wir es deshalb mit dem Wirtschaftsnobelpreisträger John Maynard Keynes, der weise feststellte: "Auf lange Sicht sind wir alle tot."