Wirtschaft
Die Fed, der US-Zins, die Wahl in Griechenland - und dann das: Der Abgasskandal bei VW vernichtet auf einen Schlag zwölf Milliarden Euro an Börsenwert.
Die Fed, der US-Zins, die Wahl in Griechenland - und dann das: Der Abgasskandal bei VW vernichtet auf einen Schlag zwölf Milliarden Euro an Börsenwert.(Foto: dpa)

VW-Aktie verliert 18,6 Prozent: Dax kratzt an der 10.000

Aufregung zum Wochenstart: Der Skandal um manipulierte Abgaswerte in den USA setzt die Volkswagen-Aktie gewaltig unter Druck. Der Leitindex drängt trotz Gegenwind in die Gewinnzone. Am Abend nähert sich der Dax der großen Marke.

Die neue Börsenwoche beginnt in Deutschland mit einem Kurssturz im Automobilsektor: Nach Unsicherheitsfaktoren wie der Griechenland-Wahl oder dem Fed-Entscheid sehen sich Investoren zu Wochenbeginn mit dem US-Debakel bei Europas größtem Autobauer Volkswagen konfrontiert.

Im Leitindex können Anleger den unterkühlten Wochenauftakt überwinden: Der Dax drehte am frühen Nachmittag ins Plus und verbesserte sich bis zum Handelsschluss um 0,33 Prozent auf 9948 Punkte. Das frühe Tagestief aus dem Verlauf lag bei 9785,11 Zählern, sein Tageshoch erreichte der Dax am späten Nachmittag bei 10.000,62 Punkten. Vor dem Wochenende hatte der deutsche Leitindex massiv abgebaut und war mit einem Minus von 3,1 Prozent auf 9916,16 Punkte aus dem Handel gegangen.

Bei den Nebenwerten stellt sich die Lage zum Handelsschluss ebenfalls besser dar als noch am Morgen: Der MDax legt nach einem schwachen Start 0,65 Prozent zu auf 19.640 Punkte. Der Technologiewerteindex TecDax blieb im Minus und ging mit einem Abschlag von 0,76 Prozent bei 1746 Punkten aus dem Handel.

Wolfsburg gesteht Manipulation ein

Europas größter Automobilkonzern VW muss sich in einem seiner wichtigsten Auslandsmärkte mit einer unternehmerischen Katastrophe auseinandersetzen: Die im Dax gehandelten VW-Vorzugsaktien des Wolfsburger Herstellers brachen in Reaktion auf den Abgasskandal in den USA zeitweise um bis zu 21 Prozent ein.

Die Konzernspitze hatte am Wochenende massive Manipulationen bei der Ermittlung der Abgaswerte einzelner Diesel-Modelle eingestanden. Neben einer Milliarden-Strafe droht VW im wichtigen US-Automarkt ein erheblicher Imageschaden - und damit womöglich weitere Absatzschwierigkeiten, die sich auch auf den Umsatz auswirken könnten.

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Diese Perspektive wirken sich massiv auf den Aktienkurs aus. Die Kursverluste weiteten sich im frühen Verlauf immer weiter aus: Nach einem Einbruch zum Auftakt um gut 14 Prozent beendete die VW-Aktie den Handelstag mit einem Minus von 18,6 Prozent auf 132,20 Euro.

Der Ausverkauf bei VW zieht die Papiere der übrigen deutschen Autobauer in Mitleidenschaft. Die Aktien von Daimler und BMW, die ebenfalls auf dem US-Markt stark aktiv sind, fallen zeitweise um bis zu 4 Prozent. Ein BMW-Sprecher sagte, der Münchner Hersteller könne die Auswirkungen der aktuellen Diskussion auf den Absatz von Diesel-Fahrzeugen in den USA "momentan noch nicht beurteilen". Die BMW-Aktien schlossen 1,5 Prozent im Minus.

BMW verkauft im US-Markt allerdings ohnehin nur sehr wenige Autos mit Dieselmotoren: In den ersten acht Monaten dieses Jahres setzte das Unternehmen dort nach eigenen Angaben rund 8500 Fahrzeuge der Motorenart ab. Das entsprach etwa 4 Prozent des Gesamtabsatzes in dem Land. Daimler äußerte sich zunächst nicht zu möglichen indirekten Auswirkungen auf den eigenen Absatz. Die Aktien von Daimler schlossen 1,4 Prozent schwächer.

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Die von dem Skandal bei VW ausgelöste Abwärtsfahrt betraf den gesamten Automobilsektor: Die Aktien des Zulieferers Continental büßten 3,4 Prozent ein.

Was heißt das für den Umsatz?

Voll im Vordergrund stand am Parkett die Entwicklung bei VW: Die US-Umweltbehörde wirft Volkswagen USA vor, die Einhaltung von Abgasvorgaben durch eine technische Manipulation umgangen zu haben. VW hat die Verfehlungen am Wochenende eingestanden. Die Strafe könnte theoretisch im Milliardenbereich liegen.

Schwerwiegender könnte Branchenkennern zufolge der Rückschlag in der öffentlichen Wahrnehmung der Marke im weltweit wichtigsten Absatzmarkt ausfallen. Gerade in den USA hatte VW mit enormem Aufwind darauf hingearbeitet, die Diesel-Technologie aus Deutschland als starke und umweltfreundliche Alternative zum Benzinmotor zu etablieren.

Auch die Debatte um personelle Konsequenzen dürfte den Ausblick bei VW belasten: Sogar VW-Chef Martin Winterkorn muss sich mit Rücktrittsforderungen auseinandersetzen. "Er ist Entwicklungschef des VW-Konzerns", stellte der Automobilexperte der Universität Duisburg-Essen, Ferdinand Dudenhöffer, bei n-tv fest. "Wenn er es gewusst hat, ist es schrecklich. Und wenn er es nicht gewusst hat, dann weiß er nicht, wie seine Abteilung funktioniert. Beides führt bei Politikern immer zu Rücktritten."

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Aufwärts ging es dagegen im Leitindex für Titel wie Henkel, Beiersdorf, Bayer und Merck KGaA. Die genannten Werte verbesserten sich um teils deutlich mehr als 2 Prozent. Die Aktien von FMC gewannen an der Dax-Spitze 3,4 Prozent.

Milliarden-Deal im Immobilienmarkt

Abseits des Abgasskandals rückten schwergewichtige Entwicklungen in den Hintergrund: Im boomenden deutschen Immobilienmarkt steht zum Beispiel eine neue Milliardenübernahme an. Die Deutsche Wohnen will die kleinere Düsseldorfer Rivalin LEG Immobilien kaufen. Schon die Ankündigung ließ das LEG-Papier an die MDax-Spitze hochschnellen. Dort gingen die LEG-Aktien mit einem Plus von 5,9 Prozent aus dem Handel. Zu den schwächsten MDax-Werten hingegen zählte die Aktie der Deutsche Wohnen mit minus 4,8 Prozent.

Gewinnwarnungen drückten unterdessen die Kurse der Autozulieferer ElringKlinger und Leoni sowie den Kurs des Modekonzerns Tom Tailor in den Keller. Besonders heftig traf es ElringKlinger mit einem Einbruch um 14,8 Prozent. Damit war ElringKlinger der mit Abstand schwächste Titel unter den Nebenwerten im MDax.

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Im TecDax mussten Anleger von Dialog Semiconductor ein Minus von 18,9 Prozent verkraften. Der Halbleiterhersteller will sich in den USA verstärken und den Konkurrenten Atmel für insgesamt 4,6 Milliarden US-Dollar übernehmen. Analysten kritisierten den Preis als zu hoch.

Schaeffler drängt an die Börse

Börsenprofis halten außerdem einen geplanten Börsengang im Blick: Der Autozulieferer und Conti-Großaktionär Schaeffler will sich selbst aufs Parkett wagen. Künftig sollen rund 25 Prozent der Anteile am Familienunternehmen frei gehandelt werden. Einen genauen Zeitplan gibt es bislang aber nicht.

Der Eurozonen-Leitindex Eurostoxx50 stieg zu Wochenbeginn um 0,9 Prozent auf 3184 Punkte. Auch an den übrigen europäischen Börsen zeichneten sich zu Wochenbeginn anhaltende Kursverluste ab. Die Stimmung bleibe angeschlagen, hieß es. "Der Markt sorgt sich weiter um die globale Konjunktur", meinte ein Händler. Nach der US-Notenbank habe nun auch EZB-Chefvolkswirt Peter Praet ausdrücklich auch auf die erhöhten Risiken für die Weltwirtschaft hingewiesen.

Wall Street: New York schließt fester

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Die US-Börsen starteten mit leichten Kursgewinnen in die neue Woche. "Am Freitag gab es einen ziemlich heftigen Ausverkauf, danach sind steigende Kurse normal", sagt Randy Frederick vom Handelshaus Charles Schwab. Der Verzicht auf eine Zinserhöhung durch die US-Notenbank Fed hatte zum Wochenausklang viele Anleger verschreckt.

Der Dow-Jones-Index zog um 0,8 Prozent an und schloss bei 16.510 Punkten. Der breiter gefasste S&P-500 gewann 0,5 Prozent auf 1966 Zähler. Der Composite-Index der Technologiebörse Nasdaq ging kaum verändert mit 4828 Stellen aus dem Handel.

Die Aktien der US-Autobauer könnten offenbar nicht von der Abgasaffäre des deutschen Konkurrenten Volkswagen profitieren. Der Kurs von General Motors legte nur etwas besser als der Gesamtmarkt um 1,0 Prozent zu, die Aktien von Ford verbesserten sich um 1,2 Prozent.

Asien: Negative Stimmung setzt sich durch

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Mit etwas Verspätung haben sich die Börsen in Ostasien der negativen Interpretation der ausgebliebenen Zinserhöhung in den USA angeschlossen. Am Freitag hatten die meisten Börsen dort in der ersten Reaktion auf den Fed-Beschluss noch zugelegt. In Japan wurde aufgrund eines Feiertags nicht gehandelt, an den meisten anderen asiatischen Börsen geht es bergab.   

Der HSI in Hongkong fällt um 1,3 Prozent, während Schanghai wie so oft ein Eigenleben führt. Dort steigen die Kurse um 0,7 Prozent auf 3.118 Punkte.

Devisen: Syriza stütz Euro

Der Euro büßt zu Wochenbeginn seine starken Gewinne nach der verschobenen Zinswende in den USA wieder ein. Die europäische Gemeinschaftswährung rutschte zeitweise unter 1,12 US-Dollar und erreichte bei 1,1181 Dollar den tiefsten Stand seit zehn Tagen. Die Europäische Zentralbank (EZB) hatte den Referenzkurs zuvor auf 1,1250 (Freitag: 1,1419) US-Dollar festgesetzt. Der Dollar kostete damit 0,8889 (0,8757) Euro.

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Der Wahlsieg des Linksbündnisses Syriza bei den griechischen Parlamentswahlen vom Wochenende spielte laut Experten an den Finanzmärkten kaum eine Rolle. Stattdessen stehe die US-Zinspolitik weiter im Vordergrund. "Das einzige, worauf sich der Markt wirklich mit Sicherheit fokussieren kann, sind die Aussagen der US-Geldpolitiker", sagt Eimear Daly, Währungsexperte bei der Londoner Bank Standard Chartered. Und dies heiße für den Euro: Es geht bergab.

Am Sonntag hatte der Präsident der Notenbank von San Francisco, John Williams, im US-Fernsehsender "Fox News" erklärt, dass die Entscheidung für eine Verschiebung der Zinswende knapp gewesen sei. Einige Anleger dürften sich dadurch in ihrer Auffassung bestätigt sehen, dass eine Zinswende noch in diesem Jahr zu erwarten ist. Nachdem vergangene Woche eine Zinsanhebung ausgeblieben war, waren die Zweifel daran zuletzt gewachsen.

Zu anderen wichtigen Währungen legte die EZB die Referenzkurse für einen Euro auf 0,72430 (0,72980) britische Pfund, 135,50 (136,31) japanische Yen und 1,0906 (1,0913) Schweizer Franken fest. Ein Kilogramm Gold kostete 31.830,00 (31 380,00) Euro. Die Feinunze Gold wurde in London am Nachmittag mit 1133,25 (1141,50) Dollar gefixt.

Rohstoffe: Ölpreise legen wieder zu

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Bei den Weltmarktpreisen für Mineralöl geht es zu Wochenbeginn weiter nach oben. Die Aussicht auf ein geringeres Überangebot schiebt die Notierung weiter an. Die richtungsweisende Nordseesorte Brent verteuerte sich um knapp 1,8 Prozent auf 48,33 Dollar je Fass.

Ein Auslöser des jüngsten Auftriebs: Daten des Ölindustrie-Dienstleisters Baker Hughes zufolge sank die Zahl der Bohrungen in den USA in der vergangenen Woche um 8 auf 644 Vorhaben und ging damit die dritte Woche in Folge zurück.

Den Analysten der Investmentbank Goldman Sachs zufolge deuten die Daten daraufhin, dass die US-Ölförderung im zweiten Halbjahr 2015 um 250.000 Barrel pro Tag zurückgehen wird. Größere Preisaufschläge seien dennoch nicht zu erwarten, betonten die Analysten der Australia New Zealand Bank. Schließlich fluten Staaten wie Saudi-Arabien oder Russland den Weltmarkt weiterhin mit dem Rohstoff, um ihre Marktanteile zu halten. Die Experten sehen den Brent-Preis 2016 im Schnitt bei 46 Dollar.

Der Preis für ein Fass der US-Referenzsorte West Texas Intermediate (WTI) zur Lieferung im Oktober steigt um 1,36 Dollar auf 46,04 Dollar. Am vergangenen Freitag waren die Ölpreise um etwa eineinhalb Dollar gefallen. Am Markt wurde zum einen der im Handelsverlauf festere Dollar als Grund genannt, der Rohöl für viele Investoren verteuert und deren Nachfrage belastet habe. Zum anderen hatte die US-Notenbank am vergangenen Donnerstag mit ihrer verschobenen Zinswende ein pessimistisches Signal für die Weltkonjunktur gesendet. Auch das habe die Ölpreise belastet, hieß es.

Quelle: n-tv.de

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