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Gegenwert der Commerzbank vernichtet: Anleger fliehen aus VW-Aktie

Der Abgasskandal in den USA trifft den größten Autobauer Europas wie eine Breitseite aus den eigenen Reihen: In ersten Reaktionen an der Börse rauscht der Kurs prozentual zweistellig in die Tiefe. Der gesamte Automobilsektor stehe unter Druck, heißt es. "Das ist ein deutsches Thema."

Die gezielte Manipulation von Emissionswerten bei Diesel-Fahrzeugen in den USA entwickelt sich für Volkswagen zur unternehmerischen Katastrophe: Die US-Umweltbehörde wirft dem Dax-Konzern vor, die strengen Vorgaben bei der Ermittlung von Abgaswerten mit einer Software-Lösung umgangen zu haben.

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Das Wolfsburger Unternehmen gestand die Verfehlungen am Wochenende vollumfänglich ein. Am ersten Handelstag danach sackt der Kurs der VW-Aktie um bis 21 Prozent ab. Für die Aktionäre von VW ist es der größte Kurssturz seit sechs Jahren. Auf einen Schlag verliert der Wolfsburger Autokonzern zeitweise mehr als zwölf Milliarden Euro an Börsenwert. Die VW-Aktie - einer der teuersten Titel im deutschen Aktienhandel - erreicht im Verlauf den tiefsten Stand seit 2012. Am Abend blicken Händler auf einen Schlusskurs von 132,20 Euro. Die VW-Aktie geht mit einem Tagesverlust von 18,6 Prozent aus dem Handel.

Weiche Landung für VW?

Trost kam aus dem Lager der charttechnisch orientierten Beobachter: Die VW-Aktie könnte nach ihrem "im freien Fall" in einer "kräftigen Unterstützungszone" landen, hieß es. "Möglicherweise ist das eher das Ende als der Anfang des Kursabschwungs", meinte eine Analystin.

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Der Bereich zwischen 136 und 140 Euro sei die große Widerstandszone im Jahr 2011 gewesen, die nun als "Unterstützung" wirken sollte. Aufhalten konnte sie den VW-Kurs zu Wochenbeginn allerdings nicht. "Der Abschwung hat ja nicht erst jetzt begonnen, sondern bereits im März bei gut 262 Euro", hoben Marktbeobachter hervor. Damit hat sich der Kurs schon so gut wie halbiert.

Absturz übertrieben?

NordLB-Analyst Frank Schwope hält den Absturz der VW-Aktie dagegen auch ohne Blicke auf die Charttechnik für übertrieben. Der Kursrückgang um zeitweise mehr als 21 Prozent sei "eine Seltenheit" für einen Dax-Konzern, betonte der Analyst. Er reduziert sein Kursziel für die VW-Aktie zwar drastisch von 210 auf 150 Euro, bestätigt aber die Kaufempfehlung für das Papier. VW kosten nach der Aufdeckung der Abgastricksereien in den USA aktuell nur noch 132,20 Euro.

Schwope wies auch darauf hin, dass nun zu prüfen sei, ob VW in anderen Märkten ähnliche Manipulationen vorgenommen habe. So oder so drohten dem Autohersteller eine Milliardenstrafe in den USA, Schadensersatzforderungen und die Auswirkungen des Imageverlusts.

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Der Vorwurf der US-Behörden wiegt schwer: Seit 2008 soll Volkswagen USA die beanstandete Software in fast einer halben Million Diesel-Pkw verbaut haben. Dem Autobauer drohe damit eine Strafzahlung von bis zu 37.500 Dollar pro Fahrzeug. Daraus errechnet sich eine theoretische Gesamtstrafe in Höhe von mehr als 18 Milliarden Dollar.

Branchenkenner glauben, dass die Zahlung in der Praxis geringer ausfallen dürfte. In vergleichbaren Fällen hatten sich Behörde und Hersteller auf Vergleiche geeinigt, bei dem deutlich geringere Summen zu begleichen waren.

"Das kann sehr teuer werden"

Analysten reagierten dennoch entsetzt: "Auch wenn die Strafen nicht so hoch werden, die Entwicklung ist ein Desaster", sagte zum Beispiel Heino Ruland, Research-Chef beim Brokerhaus ICF. "Inklusive Entschädigungen kann das sehr teuer werden", meinte der Aktienexperte. Außerdem dürften die Neuwagenverkäufe in den USA kräftig zurückgehen. Da der Skandal auch Audi betreffe, werde der Konzern erst einmal deutliche Marktanteile in den USA verlieren.

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"Das ist aber sicher nicht das Ende der Fahnenstange", meinte Ruland. Er rechne mit Sammelklagen von US-Autohaltern. Außerdem sei offen, ob die Prüfergebnisse auch in anderen Staaten falsch seien. Autoexperte Stefan Bratzel rechnet mit einer niedrigeren Strafe, da VW mit den US-Behörden kooperiere. Der Leiter des Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach verwies auf den Fall von General Motors. Die Opel-Mutter muss im Skandal um defekte Zündschlösser, mit dem zahlreiche Todesfälle in den USA in Verbindung gebracht werden, ein Strafe von 900 Millionen Dollar bezahlen.

"Das ist ein deutsches Thema"

Viel größer sei der Imageschaden, den VW und damit auch die gesamte deutsche Automobilindustrie in den USA erlitten habe, sagte Bratzel. "Das ist ein deutsches Thema. Da sind alle in der Sippenhaftung", ist der Wissenschaftler überzeugt. Volkswagen mit seiner Tochter Audi sei das Aushängeschild der deutschen Automobilindustrie. Die stärkere Einführung des Dieselantriebs in den USA könne die Branche vorerst vergessen.

Geklärt werden müsse nun, ob auch andere Hersteller die Abgaswerte manipuliert hätten. VW müsse zudem beweisen, dass nicht auch in Europa und Asien getrickst wurde. Personelle Konsequenzen stünden vorerst nicht im Vordergrund. "Ich würde Winterkorn an seinen Worten messen, das Ganze vollumfänglich aufzuklären", sagte Bratzel.

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Was wusste Wolfsburg?

Klar sei jedoch, dass die Entscheidung über den Einsatz der verbotenen Software nicht im kleinen Kreis getroffen worden sei. Eine Person mit Kenntnis der Vorgänge sagte, die Entscheidungen über die Einhaltung von Emissionskontrollen auch in den USA würden von VW in Wolfsburg gefällt. Eine weitere Person sagte, das Thema werde auch den Aufsichtsrat auf seiner Sitzung am kommenden Freitag beschäftigen.

Im Zentrum der Ermittlungen stehen laut EPA Vier-Zylinder-Modelle der Jahre 2009 bis 2015. Es geht um die VW-Modelle Jetta, Beetle und Golf und den Audi A3 aus den Jahren 2009 bis 2015 sowie den VW Passat aus diesem und dem vergangenen Jahr. Die Fahrzeuge müssten vorerst nicht in die Werkstätten zurückgerufen werden, betonte die EPA.

Die Vorwürfe gegen VW seien "zutiefst ernst", heißt es in einer ersten Einschätzung der Sektor-Experten des Analysehauses Bernstein. Hier gehe es nicht um irgendwelche Rückrufprobleme. Die Situation sei grundverschieden. Im Raum stehe der Vorwurf, VW habe vorsätzlich versucht, die Regulatoren mit einer clever versteckten Software zu täuschen. Die Wolfsburger Konzernspitze hatte die Vorwürfe bereits am Wochenende eingestanden und erklärt, mit den US-Behörden bei der Aufklärung zusammenarbeiten zu wollen.

Um die Dinge en detail zu verstehen, haben die Analysten eigenen Angaben zufolge das Wochenende mit Branchenexperten und einem früheren Abgasspezialisten der US-Aufsichtsbehörde EPA verbracht. Das Ergebnis ihrer Analyse lautet: "Es gibt keinen Weg, das Ganze zu beschönigen - die Sache ist wirklich ernst".

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Abgas-"Doping" per Software?

Dazu komme, so heißt es bei Bernstein weiter, dass VW bereits zuvor die EPA gegen sich aufgebracht habe. Unter anderem sei dies durch langsame Reaktionen und das nur schleichende Eingeständnis eines "Defeat Device" geschehen. Der befragte Abgasexperte habe VW daher als "Lance Armstrong" unter den Herstellern bezeichnet.

Viel hänge nun davon ab, wie VW das Problem angehe, betonen die Experten. Leugnen oder Stillschweigen nutze in den USA nicht. Ebenso der Verweis auf "schurkenhafte Einzeltäter" dürfte nicht funktionieren. VW sollte besser seinen am besten Englisch sprechenden Vorstand nach Washington schicken, lautet der Ratschlag der Analysten.

Wer löscht das Feuer?

Im Fall der Wolfsburger wäre dies Hans-Dieter Pötsch. Damit würden "Lost in Translation"-Probleme vermieden, wie es bereits Akio Toyoda vom japanischen Autohersteller Toyota anlässlich ähnlicher Demutsbesuche im US-Markt passiert sei. Um den Image-Schaden in der breiten Öffentlichkeit zu reparieren, könnte Pötsch vielleicht sogar - so die Bernstein-Analysten - einen Auftritt in US-Talkshow wie etwa der Oprah Winfrey Show erwägen.

Im besten Fall würde VW lediglich vor einer Multi-Milliarden-Strafe stehen, heißt es in der Bernstein-Kurzstudie weiter. Die theoretische Maximalstrafe in Höhe von 18 Milliarden Dollar erscheine unwahrscheinlich. Derzeit sei dies unmöglich zu präzisieren, aber eine 2-Milliarden-Dollar-Strafe würde VW 4 Euro je Aktie kosten. Bei vollen 18 Milliarden Dollar wären es 35 Euro je Aktie. So oder so: Mit Spuren in der Bilanz sei zu rechnen. Ein "Armaggedon-Szenario" mit einem Ende des gesamten US-Geschäfts würde bei VW auf einen Schlag über 20 Prozent der Gewinne entfallen lassen.

Der US-Markt wackelt nicht

In der Realität könnte sich VW von den Folgen des Skandals - das richtige Fingerspitzengefühl vorausgesetzt - schnell erholen und selbstverständlich auch ein starkes Standbein in den USA behalten. VW verfüge ansonsten über ein solides globales Geschäft bei gleichzeitig moderater Bewertung. Dies sei für Investoren weiter attraktiv, betonten die Analysten.

Unglücklich sei die aktuelle Entwicklung aber für Angestellte, Aktionäre und Analysten - insbesondere für jene, die der Volkswagen-Aktie erst kürzlich eine Kaufempfehlung erteilt hatten, wie es bei Bernstein abschließend heißt. Besonders unglücklich dürfte auch die Konzernspitze rund um VW-Chef Martin Winterkorn sein. In der Hitze des Skandals tauchen bereits erste Rücktrittsforderungen auf.

Dabei scheint das Ausmaß des Fehlverhaltens in den USA die Wolfsburger selbst überrascht zu haben. "Ich persönlich bedauere zutiefst, dass wir das Vertrauen unserer Kunden und der Öffentlichkeit enttäuscht haben", hatte Winterkorn am Wochenende erklärt. "Die Geschehnisse haben für uns im Vorstand und für mich ganz persönlich höchste Priorität."

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Quelle: n-tv.de

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