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Singt aus voller Kehle: ein Rohrschwirl, der Weibchen für sich gewinnen will.
Singt aus voller Kehle: ein Rohrschwirl, der Weibchen für sich gewinnen will.(Foto: imago/Nature in Stock)
Dienstag, 16. Mai 2017

Frage & Antwort, Nr. 482: Warum zwitschern Vögel in der Dämmerung?

Von Andrea Schorsch

Die Sonne ist noch gar nicht aufgegangen, da sind die Vögel schon putzmunter. So laut sie können, trällern sie sich in den Tag. Das nächste Konzert geben sie dann am Abend. Warum singen sie eigentlich immer in der Dämmerung?

Früher Vogel fängt den Wurm, das wissen auch wir Menschen. Aber muss es wirklich so früh sein? Wann Vögel ihren Tag beginnen, ist von April bis Juni nicht zu überhören. Kaum kriechen die ersten Sonnenstrahlen über den Horizont, ist das Konzert auch schon in vollem Gange. Manch einer wälzt sich jetzt genervt im Bett herum; schließlich dauert es noch zweieinhalb Stunden, bis der Wecker klingelt. Und das Erstaunliche ist: Selbst für die munteren Vögel ist es jetzt noch zu früh, Würmer oder anderes Getier zu fangen. Das ist einer der Gründe, warum sie einfach erstmal zwitschern.

"Wenn die Singvögel in der Morgendämmerung wach werden", erklärt uns Eric Neuling vom Nabu-Bundesverband, "sind sie noch nicht gleich in der Lage, Nahrung zu finden. Es ist noch zu dunkel, zu kühl und zu feucht, als dass die Insektenfresser um diese Zeit schon ergiebig unterwegs sein könnten. Die Insekten brauchen eine gewisse Temperatur, um aktiv zu werden, und die ist eben erst später erreicht." Deswegen nutzen die Vögel, wie der Ornithologe ausführt, die kühlen Morgen- und auch Abendstunden, um zu singen. "Eine schlaue Einteilung des Tages."

Auch Luft und Licht spielen eine Rolle

Doch das Trällern in der Dämmerung hat noch weitere Ursachen: "Wenn die Luftfeuchtigkeit höher ist, wird der Schall des Gesangs besser transportiert und ist weiter zu hören", sagt Neuling. Das bedeutet, dass die Vögel dann aus einem größeren Gebiet Weibchen anlocken können, während männliche Artgenossen schon von weither hören, in welcher Gegend sie unerwünscht sind. Denn das sind die wesentlichen Funktionen des Singens: eine Partnerin gewinnen und das Revier markieren. Deswegen sind es meist Männchen, die trällern – und fast nur zur Brutzeit.

Der dritte Grund, den Neuling für den Gesang in der Dämmerung nennt, ist das Licht: "Die Vögel erhalten durch das Licht des anbrechenden Tages bestimmte Reize. Die veranlassen sie unterbewusst dazu, zu singen." Wie stark nun welcher der drei Gründe bei den einzelnen Vogelarten durchschlage, das sei noch nicht so richtig klar, sagt der Ornithologe. "Aber es ist sehr sicher, dass das Zusammenspiel dieser drei Faktoren sehr wichtig ist."

Wann welche Vogelart aufwacht und deshalb anfängt zu singen - danach kann man fast die Uhr stellen. Wie eine Übersicht des Nabu zeigt, zwitschert der Gartenrotschwanz schon, wenn es noch ganz dunkel ist. Kurz darauf, etwa 70 Minuten vor Sonnenaufgang, setzt der Hausrotschwanz ein. Eine Stunde vor Sonnenaufgang wird die Rauchschwalbe wach, wenig später die Singdrossel, und dann ist auch für Rotkehlchen, Kuckuck, Mönchsgrasmücke, Goldammer, Amsel und Zaunkönig die Nacht vorbei. Es folgen Zilpzalp, Blaumeise und Kohlmeise und zuletzt Stieglitz, Star, Buchfink und Grünfink. In der immer gleichen Reihenfolge stimmen die Vogelarten zu ihrer jeweils eigenen Zeit vor dem Sonnenaufgang in das Konzert ein. Schlaflose Minuten in der Morgendämmerung lassen sich also durchaus nutzen – wenn man Spaß daran hat, Vogelstimmen zu erkennen und zu lernen.

Übrigens: Singvögel singen nicht nur, sie geben auch die so genannten Rufe von sich. Mit diesen warnen sie zum Beispiel vor Feinden oder sie nutzen sie, um miteinander zu kommunizieren. Die Rufe sind daher auch nicht morgens und abends besonders ausgeprägt, sondern werden über den Tag verteilt – je nach Situation. Vom Gesang unterscheiden sie sich meist deutlich.

Quelle: n-tv.de

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