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Mit echten Thüringer Klößen laden die Burgschänken-Köchinnen Claudia, Lilien und Doris sowie Schänkwirt Janos auf die Leuchtenburg bei Kahla ein.
Mit echten Thüringer Klößen laden die Burgschänken-Köchinnen Claudia, Lilien und Doris sowie Schänkwirt Janos auf die Leuchtenburg bei Kahla ein.(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Die deutsche Antwort auf Justin Bieber: Ohne Kloß nix los

Von Heidi Driesner

Die Zeiten sind vorbei, in denen Thüringen keiner kannte außerhalb von "Thüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüüringen". Die neue Berühmtheit haben wir einem Jüngling mit lockigem Haar aus dem Rennsteig-Land zu verdanken, sogar völlig ungejodelt. Thüringer Klöße sind nun in aller Munde. Was aber bleibt, ist die Frage: Echt oder nur gefühlsecht?

Ich sehe mich in die Pflicht genommen, dem ungeschützten Umgang mit Thüringer Klößen Einhalt zu gebieten. Wenigstens ein ganz klein bisschen, damit mein thüringischer Kollege Thomas als redaktionelle Minderheit wieder neuen Lebensmut fasst.

Der Klöße und Thüringen liebende und besingende Fritz mit dem Gegenstand seiner Begierde.
Der Klöße und Thüringen liebende und besingende Fritz mit dem Gegenstand seiner Begierde.(Foto: picture alliance / dpa)

Was hatte er sich gefreut, dass nun endlich dank Kloß-Fritz die Welt spricht über Thüringen. Doch einige unsportliche Kollegen, die offenbar nur mit Pasta und Döner groß geworden sind und nie eine kartoffelreibende Mutti kennenlernen durften, machen dem Thüringer und seinen Klößen weiter das Dasein schwer. Das muss geändert werden, denn sie wissen nicht, was sie tun und vor allem nicht, was sie verpassen, wenn sie dem Genuss von echten Thüringer Klößen entsagen.

Der Kloß ist nicht ganz so alt wie Thüringen, denn wie überall in der Steinzeit gab es dazumal auch im Thüringischen noch keine Kartoffeln. Die kamen erst später, und in Thüringen war das gleichbedeutend mit der Entstehung der Kloßausformung. Auch sind Thüringer Klöße beileibe nicht steinhart; sind sie es, sind es keine echten Thüringer Klöße, sondern ein von nichtthüringischen Trittbrettfahrern zusammengeklatschtes kloßähnliches Material. Und damit wären wir beim Abkupfern.

Der Kloß-Krieg 

Jahrelang versuchten die Thüringer, sich nach Rostbratwurst, Rotwurst, Leberwurst, Greußener Salami und Altenburger Ziegenkäse auch den Kloß als typisch thüringisch markenrechtlich schützen zu lassen. 2005 hatte das Deutsche Patent- und Markenamt auf Antrag einer Erzeugergemeinschaft aus Heichelheim bei Weimar festgelegt, dass Thüringer Klöße als "geschützte geografische Herkunftsangabe" einzutragen sind. Demnach durften nur Hersteller aus dem Freistaat Klöße mit dem Titel "Thüringer" verkaufen. Ganz Thüringen feierte Freudenfeste! Aber nicht lange …

Der echte Kloß-Fan wendet sich mit Grausen: Küchenmeister Werner Fitterling aus Oberderdingen bei Karlsruhe erfand den Dosen-Knödel.
Der echte Kloß-Fan wendet sich mit Grausen: Küchenmeister Werner Fitterling aus Oberderdingen bei Karlsruhe erfand den Dosen-Knödel.(Foto: picture-alliance / dpa)

Der thüringische Kloßschutz versalzte anderen Freistaatlern mächtig deren Kloßbrühe, denn auch in Bayern und Sachsen werden mit nassen Händen Klöße gerollert. Und Markenschutz ist weniger rührseliges Heimatgedudel, sondern mehr handfestes Geschäft. Drei Produzenten aus Bayern und Sachsen zogen vor Gericht und bekamen 2009 recht, denn ihre Klöße sind zwar nicht echt thüringisch, aber immerhin gefühlsecht. Das Bundespatentgericht kippte die Entscheidung des Patentamtes mit der Begründung, Thüringer Klöße (gemeint sind hier fertige Kloßteige) würden mittlerweile zu etwa 90 Prozent in Bayern und Sachsen hergestellt. Der Begriff habe sich längst von einer Herkunfts- zu einer Gattungsbezeichnung gewandelt.

Auch von der höchstrichterlichen Instanz Deutschlands wurde der Thüringer Kloß zum Duplizieren freigegeben. Die Richter des Bundesgerichtshofes erklärten 2011 die Bezeichnung "Thüringer Klöße" als geografische Angabe für nicht eintragungsfähig.  Auch ein Gutachten, welches besagte, dass etwa 15 Prozent der Befragten der Angabe Thüringer Klöße eine geografische Bedeutung zubilligten, ändere nichts an der Beurteilung, so die juristischen Experten; ein Skandal, so die Thüringer.

Auch wenn der zwischenfreistaatliche Kloß-Krieg beendet ist - der Streit geht weiter, selbst in Thüringen. Denn schon seit ewigen Zeiten streitet man sich darüber, wer die "echten" Thüringer Klöße auf den Tisch stellt. Das reklamieren die Meininger für sich und behaupten, Frau Holle höchstpersönlich habe in grauer Vorzeit das Rezept an ihren Bürgermeister mit den Worten übergeben: "Du Sohn uralten Stadtgeblütes: Hier hast du das Receptum - hüt es!" Deshalb heißen die Klöße in der Region Meiningen "Hütes". In anderen Gegenden werden die Klöße Klüeß, Kleese oder auch Knölla genannt. Wer in Thüringen Klöße essen möchte und "Knödel" oder "Nudeln" bestellt, outet sich auf schlimmste Weise als Fremdling, der auch in Berlin statt Schrippen Wecken beim Bäcker kaufen will oder in einem Wiener Café vermessen "Kaffee" bestellt. Das geht ja nun alles gar nicht!  

Der Kloß an sich und im Speziellen

Den Kloß "an sich" gibt es nicht. Es gibt den Thüringer Kloß, der vorzugsweise aus zwei Dritteln rohen geriebenen Kartoffeln und einem Drittel gekochten Kartoffeln besteht. "Echt" sind auch die Grünen Klöße ("Grügeniffte"), die nur aus rohen Kartoffeln geformt werden und vor allem im thüringischen Vogtland verbreitet sind.

Bei Klößen ist Handarbeit gefragt.
Bei Klößen ist Handarbeit gefragt.(Foto: www.activebizz.de/pixelio.de)

Attribute wie halbseidene, seidene oder gewickelte benennen keine Dessous, sondern Klöße, und geben über den Anteil der gekochten Kartoffeln oder über die Zubereitungsart Auskunft. Auch sind Watteklöße nicht aus Watte, sondern lediglich besonders weich. Beim Namen Aschkloß fehlt nicht etwa ein "e" oder gar ein "r" - ein "Asch" ist in Thüringen lediglich eine tiefe Schüssel. Abgesehen von Kartoffeln lassen sich etliche Materialien in der Kloßmasse verarbeiten, die dann den Klößen, Knödeln, Klopsen oder Klüten den Namen geben, aber nichts mit den Thüringer Klößen gemein haben: Mehl, Grieß, Hefe, Schmalz, Speck, Pilze, Kräuter, Korinthen, Gehacktes oder Kraut. Manche von den runden Dingern geben auch über ihre Herkunft Auskunft, denken Sie nur an Königsberger Klopse oder Böhmische Knödel.

Sie sehen, so ein echter Thüringer Kloß hat es nicht leicht, sich angesichts der erdrückenden Konkurrenz zu behaupten. Wir sollten deshalb Fritz Wagner aus Zella-Mehlis dankbar sein für seine Kloß-Hymne. Der lockige Jüngling wird sogar schon als mögliche deutsche Antwort auf Justin Bieber gehandelt! Die weibliche Fan-Gemeinde entwirft bereits die ersten "Fritz-ich-will-ein-Kind-von-dir"-Plakate, um für Open-Air-Konzerte auf dem Erfurter Domplatz gewappnet zu sein.  Und Hartliner, die dem eingewanderten Rainald Grebe wegen dessen Thüringen-Song mit Bratwurstentzug drohten, zeigen sich nun kompromissbereit, denn schließlich lobt Grebe die Thüringer Mamis als "spitze": "… wenn die einmal Kartoffeln reiben, möchte man gleich untern Rock und für immer da bleiben …".

Ich hoffe zutiefst, dass meine entspannungsfördernden Ausführungen Klöße … sorry, Früchte tragen. Zumal ich mir einbilde, auch als Nicht-Thüringerin sei ich prädestiniert für eine friedensstiftende Mission: Ich hatte nämlich mal was mit einem Thüringer… Bevor ich vor lauter rührseliger Erinnerung noch einen Kloß im Hals bekomme, verrate ich Ihnen ein Rezept meiner Oma. Auch sie stammte nicht aus Thüringen, doch immerhin das Rezept ist echt:

Thüringer Klöße

Zutaten (6 Pers):

2 kg große Kartoffeln
etwas Milch
Salz
Weißbrot
etwas Butter

Zubereitung:

1,5 kg schälen und in kaltes Wasser reiben. Die Masse dann in einem Baumwoll- oder Leinentuch sehr stark auspressen, bis sie mehlig ist. Die Kartoffelmasse danach in einer Schüssel zerkrümeln. Aus den restlichen geschälten 500 g Kartoffeln mit etwas Milch ein dünnes Püree herstellen und gut verquirlen. Diese dünne Suppe noch heiß über die geriebenen Kartoffeln geben. Nur leicht salzen und alles gut durcharbeiten, schlagen und kneten.

Weißbrotscheiben (oder Brötchen) in Brocken schneiden und in heißer Butter kross rösten. Mit nassen Händen aus der Kloßmasse runde Klöße formen und mit zwei Fingern Löcher in die Klöße drücken. In die Löcher jeweils einige Brotbröckchen hineingeben und den Kartoffelteig darüber sorgfältig schließen.

Varianten:

- Aus den 500 g Kartoffeln Pellkartoffeln kochen. Wenn sie kalt sind pellen, reiben und anstelle des Pürees zu den rohen geriebenen Kartoffeln geben. Dann muss etwas kochende Milch zugegeben werden, damit der Teig geschmeidiger wird.

- Alle Kartoffeln roh reiben. Für die Bindung in 2 Tassen Milch ½ Tasse Grieß gar kochen und zu den geriebenen Kartoffeln geben.

- Als Bindung können auch 1 bis 2 Eier zugegeben werden.

In einem sehr großen Topf Salzwasser aufkochen. Die Klöße vorsichtig in das kochende Wasser gleiten lassen. Die Hitze reduzieren; das Wasser darf nun nur noch sieden. Die Klöße fallen sonst auseinander. Sie müssen 15 bis 20 Minuten in dem Wasser gar ziehen. Einen Kloß aus dem Wasser nehmen und zerteilen um zu sehen, ob er gar ist.

Zu den "echten" Thüringer Klößen schmecken deftige Gerichte wie Schweinebraten, Gänsebraten, Sauerbraten oder Rouladen. Völlig fehl am Platze sind Fisch und Meeresfrüchte.

Viel Spaß beim Ausprobieren wünscht Ihnen Heidi Driesner.

Quelle: n-tv.de

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