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Die Öresund-Insel Ven lädt wahrlich dazu ein, die Seele baumeln zu lassen.
Die Öresund-Insel Ven lädt wahrlich dazu ein, die Seele baumeln zu lassen.(Foto: Driesner)
Samstag, 20. Mai 2017

Auf den Spuren der Wikinger (3): Sternengucker und Whiskytrinker

Von Heidi Driesner

Die schwedische Insel Ven ist ein malerisches Eiland, auf dem es nur eine Handvoll Einwohner gibt, aber viermal so viele Fahrräder. Mitten im Öresund gelegen, bezaubert Ven sowohl mit schwedischem als auch mit dänischem Charme.

Am zweiten Tag meines Trips durch die Region Skåne locken mich beizeiten die Sonne und die Aussicht auf weitere Erlebnisse und Genüsse aus den Federn im Malmöer "Mayfair Hotel Tunneln" und weg vom leckeren Frühstück im Kellergewölbe aus dem Jahre 1307. Hier residierten schon schwedische und dänische Könige – und spielten die Beatles! Anna Ek-Gustavsson von "Tourism in Skåne" will mir ein besonderes Kleinod Südschwedens zeigen, nämlich die "Perle des Öresunds" – die malerische kleine Insel Ven. Der Legende nach entstand die Insel zwischen Landskrona und Dänemark, als ein Riese einen Klumpen Erde ins Meer fallen ließ. Viel größer ist sie wirklich nicht! Zuerst geht es per Auto von Malmö nach Landskrona und von dort mit der Fähre zur Insel, die in den Sommermonaten auch von Dänemark mit einer Fähre zu erreichen ist. Hier leben etwa 370 Einwohner, verteilt auf vier Dörfer, in einer zauberhaften Natur: Steilhänge fallen direkt ins Meer ab oder flache Sandstrände laden zum Baden ein, sattgelbe Rapsfelder wechseln sich ab mit grünen Wiesen, dazwischen Felder und Wasserlöcher, kleine Häuser und bunte Blumen, gemütliche Cafés und eine Fischräucherei, irgendwo blöken Schafe in einer ansonsten fast greifbaren Stille. Jedenfalls jetzt noch, in der Vorsaison...

Nur eine Handvoll Erde im Meer: Rechts von Ven Schweden mit Landskrona, links die dänische Küste.
Nur eine Handvoll Erde im Meer: Rechts von Ven Schweden mit Landskrona, links die dänische Küste.(Foto: Pascal Terjan/Flickr/cc-by-sa 2.0)

Angekommen im Fährhafen von Bäckviken geht’s erst mal einen steilen Hügel hinauf. Ven, genauso gut bekannt unter dem dänischen Namen Hven, ist nur 4,5 Kilometer lang und 2,4 Kilometer breit – aber immerhin 45 Meter "hoch". Grasige Hänge heben die Insel als Plateau aus dem Meer und bieten eine herrliche Aussicht sowohl auf die schwedische als auch auf die dänische Küste. Beide Länder sind hier nämlich in Sichtweite. Ven ist eine autofreie Insel; wer das Naturparadies durchmessen will, tut das per Fahrrad, mit dem Pferdewagen oder hoch zu Ross. Und weil Ven in den Sommermonaten von Zehntausenden Tagesausflüglern heimgesucht wird, stehen rund 1.500 Mieträder bereit – ein wahres Radmeer! Die Räder gibt’s "normal" mit zwei Rädern, für Tandemfahrer oder mit Kindersitz, mit Anhänger oder Körbchen für Wauwi. Ich schnaufe gleich hinter dem Fährhafen knapp 500 Meter den "Berg" hoch (Anna keucht nicht!) und entere an einer Ausleihstation eines dieser quietschgelben Velos – nur um beim ersten Absteigen einen Kilometer weiter unvorschriftsmäßig nicht mit den Füßen zuerst aufzukommen. Was mir die Einsicht beschert: Bei den Fahrrädern auf Ven ist die Bremse links und die Klingel rechts und selbst der Insel-Straßenschmutz sauber. Das Rad und ich haben überlebt und ich schwöre: Der Vorfall lag zeitlich VOR der versprochenen Whisky-Verkostung!

Wo einst Uraniborg stand...
Wo einst Uraniborg stand...(Foto: L.G.foto cc-by-sa 4.0)

Jedenfalls bin ich an historischer Stelle und vor einem der Großen der Insel auf die Knie gegangen: direkt vor Tycho Brahe. Der dänische Adlige lebte von 1546 bis 1601 und war einer der bedeutendsten Astronomen, der mit seinen exakten Messungen und ständigem Nachprüfen die Methodik der modernen Wissenschaft begründete. In der reinen Luft der kleinen Öresund-Insel wurden die bis heute wichtigsten Beobachtungen in der Geschichte der Astronomie mit bloßem Auge durchgeführt, denn Fernglas und Teleskop waren noch nicht erfunden. Über Jahrzehnte hinweg blieben Brahes Messungen die verlässlichsten, auf die sich später sogar Isaac Newton bei der Entwicklung seines Gravitationsgesetzes stützte. 1576 und 1584 ließ Brahe seine beiden Forschungsstätten Uraniborg und Stjerneborg auf der damals dänischen Insel Hven errichten, finanziert von König Friedrich II. von Dänemark und Norwegen. Friedrich überließ Brahe die Insel als Lehen und der Wissenschaftler forschte hier 21 Jahre lang, baute seine Instrumente selber und druckte seine Bücher. Uraniborg, der Wohn- und Arbeitspalast des Gelehrten, steht heute nicht mehr; an die Papiermühle erinnert nur noch eine Tafel. Das teils unterirdische Observatorium Stjerneborg jedoch wurde in den 1950er Jahren restauriert und wer will, lässt sich in der historischen Unterwelt eine 3D-Show servieren. 2005 wurde gegenüber der Sternwarte ein neues Tycho-Brahe-Museum eröffnet.

Der gute Geist von Hven

Wieder im Sattel, führt uns der Radweg weiter ins Inselinnere. Etwa eine Stunde braucht man, um die Insel per Rad zu umrunden; mal führt der Weg etwas weiter weg vom Wasser, doch meistens hat der Radler eine überwältigende Sicht auf die Ostsee. Allerdings ist anzuraten, anders als Hans Guck-in-die Luft auch mal nach unten zu schauen, denn manchmal ist der Weg mehr ein Pfad oder recht steinig. An den steilsten Stellen (25 Prozent Gefälle!) warnen Schilder, dass Radfahrer bitte schön absteigen möchten. Ist wirklich besser so...

Nützliche Links für den Urlaub:

Jahrhundertelang war die Region Schonen dänisch, auch Hven. Der Vertrag von Kopenhagen 1660 besiegelte den Übergang Hvens zu Schweden, nachdem Schonen schon zwei Jahre vorher schwedisch wurde. Erst 1959 änderte die schwedische Regierung den dänischen Namen und die Insel heißt nun offiziell Ven. Das erste Mal wurde Schonen um 970 von Harald Blauzahn, König von Dänemark und Norwegen, erobert. Sie kennen ihn alle, denn nach diesem Wikingerkönig benannten skandinavische Firmen eine von ihnen entwickelte Funktechnik: Bluetooth. Es ist eine Hommage an Haraltr Blåtan Gormson, denn Harald I. gelang es, die Nordmänner zu christianisieren. Seine Politik veränderte Skandinavien für immer und legte die Grundlage für die Königreiche des Nordens, wie es sie noch heute gibt. "Skåne ist nicht entweder oder", kommentiert Anna die Geschichte Schonens, "Skåne ist beides – Dänemark und Schweden." Die Tourismusorganisation von Skåne hat deshalb auch "Das Beste aus zwei Welten" zu ihrem offiziellen Slogan gemacht.

Henric Molin brennt auf der Insel Ven überraschend guten Whisky - mit und ohne Musik.
Henric Molin brennt auf der Insel Ven überraschend guten Whisky - mit und ohne Musik.(Foto: Driesner)

Vor dem wohl Besten (und Teuersten), das Ven zu bieten hat, steigen wir vom Rad, auch ich ganz ohne Sturz. "Spirit of Hven" verspricht geistige Genüsse höchster Güte! Das Resort Hven Backafallsbyn wurde 1988 gegründet; zehn Jahre später kauften Anja und Henric Molin das Anwesen und fingen langsam an zu expandieren, bauten ein kleines Hotel und ein Restaurant. 2008 wurde die Brennerei eingeweiht und die Produktion bemerkenswerter Spirituosen begann. Der erste Single Malt Whisky konnte 2010 genossen werden. Und da die besten Zutaten vor der Haustür wachsen, entsteht auch hervorragender Whisky daraus. Sechs verschiedene heimische Whiskys, Wodka, Gin und Winter- und Sommerschnäpse können hier probiert werden: Gebrannt in Kupferkesseln und gelagert in Eichenfässern, handgefertigt bis zur Versiegelung der Flaschen und in den Flaschen nur zertifizierte Bio-Zutaten, rein wie die Luft in Schweden oder aromatisiert mit Kräutern, Wurzeln, Früchten, Blumen - je nach Geschmack. "Wir brauchen weder Farbstoffe noch Zucker", sagt Henric, der Herr über all die Fässer. Produziert werden alle Produkte nur hier auf der Insel; es gibt keine "ausgelagerte" Produktion. Dafür aber Musik für den Whisky im Fass!

Schmeckt man den Unterschied zwischen Vivaldi und Rock?
Schmeckt man den Unterschied zwischen Vivaldi und Rock?(Foto: Driesner)

Dass der Mensch Essen und Trinken bei guter Musik noch viel besser als ohne genießen kann, ist ja kein Geheimnis. Egal ob Klassik oder Rock, Jazz oder Blasmusik, die Geschmäcker sind verschieden, sowohl was das Ohr als auch den Gaumen betrifft. Und auch Kühe sollen es ja lieben, wenn’s beim Mampfen gut im Ohr gut klingt. Sie geben nämlich gerne etwas mehr Milch, wenn sie bei Mozart oder Beethoven wiederkäuen dürfen. Dem Vernehmen nach werden selbst Weinberge sowie Wurst und Schinken mitunter beschallt, damit das, was da wächst oder reift, später "harmonischer" schmeckt. Wissenschaftlich belegt ist das alles nicht. Aber was soll’s, probieren geht bekanntlich über studieren. In Molins Destillerie bekommt der in amerikanischer Eiche reifende Whisky Musik "zu hören": Reggae oder Rock, Blues oder Vivaldi aus Kopfhörern, die die Fässer aufhaben. Wo drauf eigentlich? Ohren sind ja keine da. Es sollen die Vibrationen der Bässe sein, die da was im Whisky bewirken. Was das genau ist, bleibt des Meisters Geheimnis. Fakt ist: Der Whisky schmeckt phänomenal! Ich weiß nur nicht mehr so recht, welche der vier Jahreszeiten von Vivaldi ich geschluckt habe. Oder war es gar Reggae? Wer noch nicht genug gekostet hat, der findet in der preisgekrönten Whisky-Bar unter den Whiskys aus rund 500 Destillerien aus der ganzen Welt garantiert seine (oder ihre) Sorte  – und später ein Bett in einer der 18 hübschen und komfortablen Hotel-Hütten.

Fika ist jedem Schweden heilig

Niels Mouritzen mit seinen Zimtschnecken und "Outdoor"-Kaffee im Kessel.
Niels Mouritzen mit seinen Zimtschnecken und "Outdoor"-Kaffee im Kessel.(Foto: Driesner)

Ich habe gut gegessen und ein wenig (!) gekostet – und muss ja noch die Fähre zurück aufs Festland erreichen. Vorher aber gibt es einen Abstecher zu Niels, denn bei ihm auf dem Campingplatz wartet eine Fika. Und das ist die Lieblingsbeschäftigung aller Schweden! Fika lässt sich zwar mit "allseits beliebter Kaffeepause" übersetzen, trifft aber nicht den Kern der Sache. Fika gibt es immer – mehrmals über den Tag verteilt, auch am Abend. Fika gibt es nie alleine – nur mit Freunden oder Familie. Fika to go ist undenkbar – da nimmt man sich Zeit zum Sitzen, genießt die Gemeinsamkeit bei einem Schwätzchen. Fika ist nicht nur Kaffeetrinken – ohne Gebäck geht gar nichts. Fika ist schlussendlich schwedische Lebensart. Und das Rezept für eine perfekte Fika ist ganz einfach und hat nur drei Zutaten: Guter Kaffee, der beste Freund und natürlich ein Zimtbrötchen.

Niels Mouritzen hat aus einem ehemals piefigen Campingplatz ein begehrtes Resort für Naturfreunde geschaffen. In "Camp Ven" kann man zelten oder eine der Hütten mieten, Meerblick inklusive. Im einladend gestalteten Restaurant gibt es richtig gute schwedische Hausmannskost; jeden Morgen wird frischer Fisch geliefert. Oben am Hang hinter den Hütten wartet Lagerfeuerromantik und wer will, den weiht Niels in die Geheimnisse des Outdoor Cooking ein. In Hängematten im Wäldchen lässt man am besten nicht nur die Beine, sondern auch die Seele baumeln. Oder greift mal wieder zu einem Buch. Kinder können sich in "Camp Ven" sogar aufs Regenwetter freuen, denn mit ihnen macht Niels dann eine Pfützensafari. Die "Ausrüstung" wird gestellt. Die Erwachsenen werden lieber eine Fika bei Niels im Restaurant einlegen, und zwar mit dessen unschlagbaren selbstgebackenen Zimtbrötchen oder wie wir sagen würden: Zimtschnecken. Niels, übrigens gelernter Bäcker, verrät seinen Aroma-Trick: Bittermandel, "aber nur ein bisschen".

Wehmütiger Abschied von Skåne: Schrebergarten-Idyll an der Zitadelle von Landskrona.
Wehmütiger Abschied von Skåne: Schrebergarten-Idyll an der Zitadelle von Landskrona.(Foto: Driesner)

Nach "Outdoor-Coffee" und Kanelbullar (Singular: Kanelbulle – aber wer will denn nur eins?) geht’s per Fähre zurück nach Landskrona und nach einem kurzen Abstecher dort zur berühmten Zitadelle muss ich Abschied nehmen von Schweden. Doch ein Blick auf die  Karte zeigt mir, wie kurz der Weg von Berlin nach Skåne ist: Via Rostock und Trelleborg alles kein Problem! Übrigens wird seit 1999 in Schweden an jedem 4. Oktober der "Kanelbullens dag" gefeiert – so lange sollen Sie nicht warten müssen:

Niels' Kanelbullar

Zubereitung:

Zutaten (25 bis 30 Stück):

Teig:
ca. 800 Weizenmehl
120 g Zucker
100 g Butter
500 ml Vollmilch
1 Würfel frische Hefe (42 g)
½ TL Salz
2 TL gemahlenes Kardamom

Füllung:
200 g Butter
200 g Zucker
2 EL gemahlener Zimt
10 Tropfen Bittermandelaroma

Deko:
2 Eier
1 EL Wasser
Hagelzucker

Etwa 3 EL von der Milch abnehmen und darin die zerbröckelte Hefe auflösen. Die Butter vorsichtig zerlassen und den Rest der Milch zugeben; sollte handwarm sein, nicht zu heiß. Die warme Milch über die Hefemilch geben und Zucker, Salz und Kardamom zufügen. Alles verrühren und nun das Mehl einarbeiten. Die Masse zu einem geschmeidigen Teig kneten. Ist der Teig schön glatt, die Schüssel abdecken und 1 Stunde gehen lassen.

In der Zwischenzeit die 200g Butter für die Füllung zimmerwarm werden lassen und das Bittermandelaroma darunter rühren. Zucker und Zimt vermengen. 2 Backbleche mit Backpapier auslegen. Den Ofen auf 220 Grad vorheizen.

Nach der Gehzeit den Teig nochmals durchkneten und auf eine Dicke von etwa 5 mm und eine Breite von 30 cm ausrollen. Mit der weichen Butter bestreichen und mit dem Zimtzucker bestreuen. Die Teigplatte aufrollen und an der Naht festdrücken. In etwa 30 Scheiben schneiden, die Teigscheiben auf den Blechen verteilen und nochmals eine halbe Stunde gehen lassen.

Die Eier mit wenig Wasser verquirlen, die Teigscheiben damit bepinseln und mit Hagelzucker bestreuen. Bei 220 Grad auf der Mittelschiene etwa 10 Minuten backen. Abkühlen lassen und noch lauwarm genießen.

Vielleicht haben Sie Lust bekommen auf  das herrliche Skåne? Genießen Sie als Vorgeschmack Niels' Zimtschnecken - hej då, Ihre Heidi Driesner.

Teil 1: Kalter Kaffee und Kantinenessen

Teil 2: Indianerweisheiten und Knoblauchwurzeln

Quelle: n-tv.de

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