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Eines der seltenen Fotos: Grothendieck in den 60er Jahren als Dozent in Bures-sur-Yvette.
Eines der seltenen Fotos: Grothendieck in den 60er Jahren als Dozent in Bures-sur-Yvette.(Foto: AP)
Freitag, 14. November 2014

Mathematiker und Jahrhundertgenie: Alexander Grothendieck ist tot

Er galt als "Gigant der Mathematik", lebte aber als Eremit: Nun stirbt Alexander Grothendieck mit 86 Jahren. Der gebürtige Berliner legte wichtige Arbeiten vor, lehnte hochdotierte Auszeichnungen aber ab. Zudem engagierte er sich in der Friedensbewegung.

Er war einer der größten Mathematiker des 20. Jahrhunderts und lebte seit fast 25 Jahren zurückgezogen wie ein Eremit in den südfranzösischen Pyrenäen: Im Alter von 86 Jahren ist das Mathematik-Genie Alexander Grothendieck gestorben. Der in Berlin geborene Forscher verstarb am Donnerstag, wie das Krankenhaus der Pyrenäen-Stadt Saint-Girons mitteilte. Grothendiecks Leben und Werk haben seine Fachkollegen fasziniert.

Grothendieck legte unter anderem in der algebraischen Geometrie bahnbrechende Arbeiten vor. 1966 wurde er mit der Fields-Medaille ausgezeichnet, die als eine Art Nobelpreis für Mathematiker gilt. Er lehnte die Auszeichnung aber ab. 1988 wurde Grothendieck der Crafoord-Preis der Königlichen Schwedischen Akademie der Wissenschaften zuerkannt. Der Jahrhundert-Mathematiker wies auch diese mit einem bedeutenden Preisgeld dotierte Auszeichnung zurück. Sein Gehalt beim französischen nationalen Forschungszentrum CNRS sei ausreichend, erklärte er.

Vater starb in Auschwitz

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Der Mathematiker wurde 1928 in Berlin geboren, sein Vater war ein russisch-jüdischer Anarchist, seine Mutter deutsche Journalistin. Seine Eltern emigrierten bald nach Frankreich und zogen in den Spanischen Bürgerkrieg. Grothendieck kam bei einer Hamburger Pflegefamilie unter und reiste Jahre später zu seinen Eltern nach Frankreich nach. Er musste dort mit seiner Mutter in ein Internierungslager, sein Vater wurde deportiert und 1942 in Auschwitz ermordet.

Nach dem Zweiten Weltkrieg studierte Grothendieck Mathematik im südfranzösischen Montpellier. Aus dieser Zeit stammt eine Geschichte, die zu seiner Legende beigetragen hat: Zwei bekannte Mathematiker gaben ihm 14 mathematische Probleme, mit deren Lösung er eigentlich über Jahre hätte beschäftigt sein sollen. Einige Monate später hatte Grothendieck alle Aufgabenstellungen gelöst.

Der junge Wissenschaftler lehrte zunächst in Brasilien und in den USA und wurde dann an das neu gegründete Institut des Hautes Etudes Scientifiques in Bures-sur-Yvette, südwestlich von Paris, berufen. Später arbeitete er am Collège de France, an der Universität Montpellier und schließlich am CNRS.

"Gigant der Mathematik"

Grothendieck, seit 1971 französischer Staatsbürger, wandte sich aber immer mehr von der Mathematik ab. Er engagierte sich in der Friedensbewegung, für den Umweltschutz und gegen Atomwaffen. Er interessierte sich zunehmend für Religionen, etwa den Buddhismus, und Esoterik.

Anfang der 1990er Jahre zog er sich vollkommen aus der Öffentlichkeit zurück. Er lebte von der Außenwelt weitgehend abgeschottet in dem 200-Einwohner-Dorf Lasserre in den Pyrenäen, hielt seinen Wohnort aber geheim und brach auch den Kontakt zu Familie, Freunden und ehemaligen Kollegen ab. Der Bürgermeister von Lasserre, Alain Bari, sagte, der Mathematiker habe ihm einmal in einem Brief geschrieben, er wolle mit niemandem Kontakt haben.

Frankreichs Staatschef François Hollande würdigte nun "einen unserer größten Mathematiker". Grothendieck sei zudem "eine in ihrer Lebensphilosophie außergewöhnliche Persönlichkeit" gewesen. Der Fields-Medaillen-Gewinner Cédric Villani nannte Grothendieck einen "Giganten der Mathematik, der mit seiner Arbeit die gesamte Mathematik verändert hat". In den Archiven der Universität Montpellier lagern in fünf Kartons noch tausende von Grothendieck verfasste Seiten, die als "wissenschaftlicher Schatz" gelten. Grothendieck hat ihre Veröffentlichung untersagt.

Quelle: n-tv.de

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