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Von außen wirkte de Colonia wie ein landwirtschaftlicher Musterbetrieb.
Von außen wirkte de Colonia wie ein landwirtschaftlicher Musterbetrieb.(Foto: picture alliance / dpa)

Grausame Sekte, schweigende Nachkommen: Der lange Schatten der "Colonia Dignidad"

Von Solveig Bach

Ein Film bringt die Zustände in der "Colonia Dignidad" auf die Leinwand. Religiös verblendete Deutsche leisten in Chile für einen Kinderschänder Sklavenarbeit und werden brutal misshandelt. Bis heute ist das kaum aufgearbeitet.

Mit Florian Gallenbergers Film "Colonia Dignidad - Es gibt kein Zurück" rückt ein ebenso grausames wie seltsames Kapitel deutsch-chilenischer Verbindungen wieder in den Fokus. Als Leiter der Deutschen Schule im chilenischen Concepción kommt der bayerische Gymnasiallehrer Horst Rückert bereits 2003 in Kontakt mit Opfern der angeblichen "Kolonie der Würde". Die Gerüchte hatte er schon vorher gehört.

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Nach dem Untertauchen des Colonia-Gründers und Anführers Paul Schäfer wenden sich Menschen an ihn. Es geht um Unterstützung bei der Jobsuche, um Kleiderhilfe, aber vor allem um Gespräche. Was er zu Beginn der 2000er Jahre über die Zustände in dieser angeblich so menschenfreundlichen Einrichtung erfährt, erscheint ihm zunächst schier unglaublich.

Rückert beginnt, zu recherchieren und Fragen zu stellen. Mehrmals besucht er das Nachfolgeprojekt "Villa Baviera" und erlebt gruselige bayerische Gemütlichkeit vor gemalter Alpenkulisse, mit ausschließlich männlichen Kellnern, die einander erschreckend ähnlich sehen.

Ein pädophiler Guru

Die angebliche "Kolonie der Würde" wurde 1961 von dem früheren evangelischen Jugendpfarrer Schäfer in Chile gegründet. Der frühere Hilfsarbeiter und spätere Jugendbetreuer war nach Ermittlungen wegen des sexuellen Missbrauchs von Kindern zuvor aus Deutschland geflohen. Was sich nach außen als Idealgemeinschaft hart arbeitender Menschen darstellt, die sich für den Dienst an der Gemeinschaft aufopfern, ist eine Sekte. Eine besonders perfide und grausame dazu. Hinter der sorgsam gepflegten Kulisse deutscher 50er-Jahre-Biederkeit vergewaltigte Schäfer unzählige Jungen und unterwarf seine Anhänger einem Regime gnadenloser Arbeit, brutaler Strafen und sexueller Unterdrückung.

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40 Jahre lang herrscht hinter den immer höher werdenden Zäunen der Colonia ein Regime unvorstellbarer Grausamkeit. "Das Besondere über den normalen Sektencharakter hinaus war, dass der Führer Schäfer ein pädosexueller Verbrecher war", sagt Rückert, der inzwischen ein Buch über die Colonia Dignidad und ihren Nachfolger geschrieben hat. "Von Anfang an verknüpfte er diese Gruppe und vor allem die Hilfeleistungen für vernachlässigte Jugendliche mit dem Missbrauch von Jungen."

Von seinen Anhängern verlangte Schäfer totale Unterwerfung und setzte diese auch mit Gewalt durch. Schäfer allein bestimmte, was gottgefällig und was Sünde ist. Die größte Sünde von allen war die Sexualität. "Jede Art von sexuellen Regungen wurde unterdrückt, die Jungen wurden nachts überwacht und wenn sich eine Erektion zeigte, dann wurden sie geweckt und mit Stromschlägen auf die Hoden, den After und den Penis bestraft. Mädchen wurden vorsorglich unfruchtbar gemacht, es gab schwere Prügelstrafen allein für sexuelle Gedanken", berichtet Rückert.

Erniedrigung und Gewalt

Schläge beschreiben nur sehr unzureichend, wie in der Colonia geprügelt wurde. Wer wodurch auch immer sündige Gedanken oder ebensolches Verhalten gezeigt hatte, wurde in regelrechten Exzessen von der gesamten Gruppe brutal misshandelt. "Alle bestraften immer den Außenseiter, den Abweichler." Wenn Schläge als Disziplinierungsmaßnahmen nicht ausreichten, wurden die Verdächtigen im Krankenhaus der Colonia mit Medikamenten behandelt, die sie über Monate und zum Teil Jahre ruhigstellten und regelrecht zum Zombie machten.

Nach dem Militärputsch 1973 wurde die Colonia zum Helfer der Pinochet-Diktatur. Man vermutet, dass etwa 100 verschwundene Regime-Gegner in der Colonia ermordet wurden. Die Sektenführung arbeitete dazu mit dem Geheimdienst Dina zusammen. Auf dem abgeschotteten Gelände wurde gefoltert und gemordet. Bis heute lässt sich die Identität der Opfer jedoch nicht feststellen. "Das liegt daran, dass die Mörder, also frühere Geheimdienstleute, von damals bis heute schweigen und dass die Spuren in der Colonia verwischt wurden", sagt Rückert. "Es steht fest, dass dort Menschen ermordet wurden, aber man weiß nicht, wer das war. Sie wurden regelrecht ausgetilgt, also man kann beispielsweise nicht mit heutigem DNA-Material arbeiten. Auch die heutigen Bewohner der Colonia schweigen."

Rückert hat die frühere Colonia immer wieder besucht, er wollte wissen, wie die Menschen dort inzwischen leben, wie sie das Erlebte heute sehen, und ist vor allem auf Schweigen getroffen. Nur wenige Täter wurden verurteilt, manche sind gestorben. Viele der früheren Sektenmitglieder leben nach wie vor in der Siedlung, inzwischen mit ihren Kindern und Enkeln. Die frühere Trennung der Familien ist wieder aufgehoben. "Da leben Verprügler mit den Verprügelten, Täter mit ihren Nachkommen, die überhaupt nicht beteiligt waren." Und niemand redet darüber.

Zerstörte Seelen

Seit Jahren gibt es in der "Villa Baviera", wie sich die Colonia inzwischen nennt, Pläne für ein Museum, das irgendwie nicht fertig wird. Stattdessen geistert der Schrecken der vergangenen Jahrzehnte noch immer durch die Seelen. Rückert hat im Laufe der Zeit viele furchtbare Geschichten gehört. Eine, die ihn nicht loslässt, ist die zunächst harmlos klingende eines Paares, das nach Jahren 2004 endlich heiraten durfte. In der Hochzeitsnacht lagen die beiden nebeneinander im Bett und warteten darauf, dass ihnen Gott ein Kind bringt.

"Die wussten mit 40 nichts von Geschlechtsverkehr und davon, wie Kinder entstehen, und warteten voller Gottvertrauen darauf, dass es geregelt wird. Und als es nicht klappte, haben sie sich an einen Arzt gewandt, der sie dann erstmal aufgeklärt hat. Diese Naivität, diese Ahnungslosigkeit, aber auch das Leid, das hat mich extrem berührt." Das Paar bekam keine Kinder, die Frau war durch Elektroschockbehandlungen in ihrer Kindheit unfruchtbar.

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Quelle: n-tv.de

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