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Bei den Gläubigen ist Papst Franziskus äußerst beliebt. Nicht so bei den Verfechtern der reinen Lehre, die keine Abweichungen dulden.
Bei den Gläubigen ist Papst Franziskus äußerst beliebt. Nicht so bei den Verfechtern der reinen Lehre, die keine Abweichungen dulden.(Foto: imago/ZUMA Press)

Konservative laufen in Rom Sturm: Dieser Papst, er gefällt zu sehr

Von Udo Gümpel, Rom

Auf der Familiensynode geht es um die heiklen Themen der Katholischen Kirche. Seit Papst Franziskus Verständnis für Homosexuelle, Geschiedene und Unverheiratete durchblicken lässt, formieren sich die Ultras.

Die Konservativen in der Römischen Kirche schäumen vor Wut. Dieser Papst ist unangreifbar: "er gefällt zu sehr", zu viele Menschen lieben diesen Papst. Das ist doch verdächtig. Ein Papst aber sollte nicht geliebt, sondern verehrt, am besten: gefürchtet werden. Die Konservativen besetzen noch immer Schlüsselpositionen im Vatikan, glauben die große Mehrheit der Katholiken da draußen in der Welt hinter sich, der Papst hört ihnen auch zu, wie es sich gehört, aber dann läuft es ganz anders als sie wollen.

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Das ist die Krux der Konservativen: In der Katholischen Kirche bestimmt am Ende allein der Papst, die Synode hat allein "beratende Tätigkeit". Wenn die Konservativen die Kirche nicht spalten wollen, müssen sie gehorchen. "Ja, in diesen Tagen sind wir schon froh, dass es allein der Papst ist, der am Ende der Synode entscheidet", meinte Kardinal Reinhard Marx schon zu Beginn der Synode. Marx ahnte da wohl schon, wie groß der Widerstand gegen die Erneuerung der Kirche auf der Synode werden würde. Es sind vor allem die amerikanischen Bischöfe, die sich heute gegen den Papst auflehnen. Bitter dürften viele von ihnen bereut haben, den "Argentinier" zum Papst gewählt zu haben. Neben den Lateinamerikanern, den Deutschen, vielen anderen Europäern waren es eben die US-Kardinäle, die diesen Papst wollten.

Die große Wende begann sofort nach der Amtseinführung von Papst Franziskus. Als der Papst am vierten Tag nach seiner Wahl bei seinem ersten Angelikus-Gebet am 17. März 2013 auf dem Petersplatz das Buch von Kardinal Kasper über die Barmherzigkeit ausdrücklich lobte, so schreibt es die Web-Seite der konservativen Ultras "katholisches.info", sei es klar gewesen. "Es war der erste Schritt des Papstes, die Kirche auf "neue Wege" zu führen."

Die Mehrheit der Katholiken nimmt's nicht so genau

Die römische Kirche ist die älteste Institution der Welt und legt den allergrößten Wert auf die Kontinuität ihrer Lehre, die für die Konservativen unveränderlich ist. "Wer nun allerdings meint, dass sich diese Lehre nie verändert hätte, hat die eigene Kirchengeschichte nicht studiert", meint der Abtpräses der Benediktiner, Jeremias Schröder, zur Kritik am Überdenken der katholischen Lehre von der Ehe und der Familie, so wie Roms Kirche sie als gottgegeben ansieht.

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Das Problem der Kirche ist: Die Mehrheit der Katholiken in aller Welt hält sich nicht mehr an die Regeln der Katholischen Kirche. Vorehelicher Sex, Scheidung, Zusammenleben ohne Trauschein, Billigung von Homo-Ehe, Adoptionsrecht für Homosexuelle: All dies sind Zustände der dauerhaften Sünde, klagen die Kritiker. Der Papst habe die Sünde abgeschafft. Neben dem amerikanischen Kardinal Raymond Burke macht vor allem der afrikanische Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst, Robert Sarah, offen Front. Die Homosexualität sei eine Sünde, der Homosexuelle müsse enthaltsam leben. Wer nun mit dem "gelebten Leben" argumentiere, wolle nur die "Kirchentür für die Sünde öffnen".

Was die "sittliche Ordnung" ist, bestimmt allein die Katholische Kirche, also der Papst. Nun ist es aber der Papst selber, der die Kirche erneuern möchte, ohne die Doktrin zu ändern – aber mit einer neuen "Herangehensweise". Der Papst ist ein großer Prediger, aber kein ausgefuchster Theologe. Ihm zur Hilfe kommt vor allem der deutsche Zirkel, eine der 13 "kleinen Diskussionsgruppen". Geleitet wird der deutsche Zirkel vom Erzbischof von Wien, Kardinal Christoph Schönborn. Die Kirche wisse sehr wohl, dass sehr viele Katholiken draußen in der Welt nicht mehr ihrer Familienlehre folgen.

Ohne die katholische Doktrin aufgeben zu wollen, könne man doch, so schlug es Schönborn vor, auch in den nicht katholisch abgesegneten Formen von Familie das Positive sehen, und nicht nur immer das Negative: "Jene, die die Gnade und die Freude haben, die sakramentale Ehe im Glauben, in der Demut und dem gegenseitigen Verzeihen, im Vertrauen auf Gott, der täglich in unserem Leben handelt, leben zu können, wissen in einem Paar, in einer eingetragenen Partnerschaft, in Zusammenlebenden die Elemente des wahren Heldentums, wirklicher Nächstenliebe, wirklicher gegenseitiger Hingabe zu sehen und zu unterscheiden. Auch wenn wir sagen müssen: 'Es handelt sich noch nicht um eine volle Wirklichkeit des Sakraments'. Doch wer sind wir, um zu urteilen und zu sagen, dass es in ihnen keine Elemente der Wahrheit und der Heiligung gibt?"

Franziskus urteilt nicht ab, sondern versteht

"Wenn ein Mensch homosexuell ist, und er sucht aufrichtig nach Gott, wer gibt mir das Recht, über ihn zu urteilen", sagte der Papst selber auf dem Flug Rio de Janeiro-Rom. Damit ist die Homo-Ehe nicht anerkannt, aber ein Tabu gefallen. Der Papst urteilt nicht mehr ab, er versteht. Man müsse zu einer Seelsorge der "einschliessenden Sprache" kommen, anstatt überall die Sünde bei den Anderen zu entdecken, argumentiert der Domenikaner. Man könne auch "immer etwas lernen von Personen, die objektiv in irregulären Situationen leben", wie die Kirche die Wiederverheiraten Geschiedenen und alle Formen des ehelichen Zusammenlebens ohne katholischen Trauschein nennt. "Papst Franziskus will uns dazu erziehen".

Der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode stellte in seiner Rede vor der Synode die Frage: "Können wir junge Paare, die – nicht nur in Deutschland – in aller Regel zunächst in einer nichtehelichen Gemeinschaft zusammenleben, wirklich für die Ehe gewinnen, wenn wir ihnen als erstes vorhalten: Ihr lebt in schwerer Sünde?" Genau das wollen die Verfechter der reinen Doktrin, die schon eine parallele "Geheim-Synode" im Gästehaus des Papstes wittern. Sie glauben, die Ergebnisse der Synode stünden bereits fest. Tatsächlich muss am 25. Oktober ein gangbarer Kompromiss auf der Synode gefunden sein, sonst droht tatsächlich die Kirchenspaltung.

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Quelle: n-tv.de

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