Panorama
Papst Franziskus geht viele heikle Themen an - dabei bläst ihm auch ordentlich Wind entgegen.
Papst Franziskus geht viele heikle Themen an - dabei bläst ihm auch ordentlich Wind entgegen.(Foto: picture alliance / dpa)
Samstag, 17. Dezember 2016

Der Papst wird 80: Franziskus - ein Betriebsunfall der Kirche?

Sein runder Geburtstag soll ein Tag wie jeder andere sein. Doch zum Achtzigsten von Papst Franziskus brodelt es tüchtig im Vatikan. Eine Gegenbewegung wird immer stärker. Im Zentrum der Debatte: ein Brief.

Kuchen gab es schon, Geburtstagskerzen auch. Und das, obwohl der Papst durchaus abergläubisch ist. Vor seinem 80. an diesem Samstag solle man ihm doch bitte nicht gratulieren, denn das bringe Unglück, ließ Franziskus seine voreiligen Gratulanten diese Woche wissen. Doch die große Pontifex-Fete ist längst eröffnet. Unter dem Stichwort #Pontifex80 laufen auf Twitter schon unzählige Glückwünsche ein, glühende Fans nennen 80 Gründe, den Papst zu lieben ("Er war mal Türsteher"). Und der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, lobte: "Wir dürfen dankbar sein für Papst Franziskus."

Für den Papst selbst soll sein Geburtstag ein "normaler" Tag werden, teilte der Vatikan mit. Nach einer Messe am Morgen mit Kardinälen spult der Papst "business as usual" ab: Er empfängt Staatsbesuche, Bischöfe, Kirchenvertreter. Termine, Termine, Termine. Wie halt jeden Tag. Franziskus fehlt es auch mit 80 nicht an Reformeifer und Engagement. Obwohl der Wind, der ihm entgegen bläst, immer rauer wird. Denn so beliebt, wie es scheinen mag, ist er nicht. In den eigenen Reihen formiert sich fast vier Jahre nach seinem Amtsantritt ernstzunehmender Widerstand. Fest steht: Ob Franziskus die Kirche nachhaltig verändert, wird sich erst zeigen, wenn er abtritt und ein Nachfolger übernimmt.

Brief sorgt für Aufruhr

Im September hatten ihm vier Kardinäle, darunter Joachim Meisner und Walter Brandmüller aus Deutschland, einen öffentlichen Brief geschrieben. Darin forderten sie vom Oberhaupt der Katholiken Aufklärung über dessen Schreiben über Familie und Liebe, "Amoris Laetitia". Im Kern geht es um die Frage, wie man in der katholischen Kirche mit wiederverheirateten Geschiedenen umgehen soll und ob sie anders als bisher in Ausnahmefällen zur Kommunion zugelassen werden dürfen oder nicht.

Franziskus zieht sich nicht in den Vatikan zurück, sondern sucht die Nähe der Menschen.
Franziskus zieht sich nicht in den Vatikan zurück, sondern sucht die Nähe der Menschen.(Foto: imago/Independent Photo Agency)

Der Brief sei ein unglaublicher Vorgang, meinen viele. Von einem "schwerwiegenden Skandal" hatte der der Dekan eines der höchsten Gerichte der katholischen Kirche, Priester Pio Vito Pinto, gesprochen. Denn den Papst öffentlich zu kritisieren, ist bis dato ein Unding gewesen. "So einen direkten Angriff von Kardinälen gegen den Papst hat es noch nie gegeben", sagte der Vatikan-Kenner Marco Politi. "Und das ist nur die Spitze des Eisberges einer ständig wachsenden Opposition." Im Vatikan erzählen sich einige, Franziskus sei "böse" über den Brief gewesen. Andere sehen keine Aufregung: Franziskus erlebe diese Tage in "vollkommener Gelassenheit", sagte der Jesuitenpater und Franziskus-Vertraute, Antonio Spadaro, Radio Vatikan. "Der Papst weiß sehr gut, dass der Reformprozess der Kirche, wenn er effektiv ist, Spannungen schafft."

Franziskus war nach dem Rücktritt von Papst Benedikt XVI. im Februar 2013 angetreten und hat die Kirche vom ersten Tag an mit seiner spontanen Art auf den Kopf gestellt. Und das ist durchaus wörtlich zu nehmen. So stellt er sich die Kirche als eine umgekehrte Pyramide vor, die von unten geführt wird und nicht von den Mächtigen da oben in Rom. Dass ihm das Motto von einer "armen Kirche für die Armen" Ernst ist, zeigen seine unzähligen Treffen mit Obdachlosen, Flüchtlingen, Häftlingen, Ausgestoßenen der Gesellschaft. Er geht, wie versprochen, "an die Ränder".

Nach vorne, Stillstand, oder zurück?

Der Jesuit treibt den interreligiösen Dialog voran, lobt die Reformation und greift Themen wie die oft verkniffene Sexualmoral der Kirche an. Er machte die Vatikanfinanzen transparenter und hat eine Diskussion um die Rolle der Frau in der Kirche angestoßen. Auch wenn zur Enttäuschung der Modernisierer bei vielen seiner Reformen bisher keine greifbaren Ergebnisse herausgekommen sind: Zumindest bricht er Tabuthemen auf. Und vor allem ist ihm eines gelungen: Er hat die katholische Kirche vielen Gläubigen wieder sympathisch gemacht. Junge Menschen nennen den Papst auf einmal "cool" - unter Benedikt eine undenkbare Beschreibung des Amtes.

Doch in der Kurie rumort es nicht erst seit gestern. "Die Gegenbewegung ist ein wenig wie die Tea Party in den USA", sagte Politi mit Hinweis auf die konservative und rechte politische Bewegung in Amerika. Dabei geht es längst um mehr als nur um die Amtszeit von Franziskus. "Die Bewegung will Einfluss auf die Entscheidung über einen Nachfolger von Franziskus." Ein Dogmatikprofessor sprach vor nicht allzu langer Zeit davon, dass sich bei der Wahl eines Nachfolgers herausstellen werde, ob Franziskus eine Art "Betriebsunfall" war oder ob die Kirche wirklich reformfähig ist oder alles beim Alten bleiben soll oder es wieder weiter rückwärts geht.

Rücktritt steht von Beginn an im Raum

Franziskus selbst hat das Thema Rücktritt schon zu Beginn seiner Amtszeit auf den Tisch gebracht. Auch er könne sich einen Rücktritt wie Benedikt vorstellen, wenn er zu schwach für das Amt werde, hatte er gesagt. Und: Sein Pontifikat werde ein kurzes. Innerhalb der nächsten fünf Jahre könnte sich das entscheiden, so Politi. "Es ist ganz klar, was er macht, wenn seine körperlichen Kräfte nicht mehr reichen."

Franziskus ist ein alter Mann, das sieht man ihm durchaus manchmal an, wenn er zum Beispiel bei offiziellen Empfängen wegzunicken droht. Aber das Programm, das er auch jetzt noch absolviert, deutet nicht darauf hin, dass er schwach wird. Das Geheimnis seiner Energie? Er schlafe wie ein Stein, sagte er unlängst in einem Interview. Komplimente zu seinem geistigen und körperlichen Zustand kamen auch schon von einem, der sich ganz auf Augenhöhe mit dem Papst sieht: "Wir 36er Jahrgänge sind starke und zähe Junggebliebene", schwärmte Italiens Ex-Ministerpräsident Silvio Berlusconi, ebenfalls 80, in der Klatschzeitung "Oggi".

Der Vatikan hat extra E-Mail-Adressen in mehreren Sprachen für den Papst-Geburtstag eingerichtet, sogar in Latein kann man ihm schreiben. Auf Deutsch darf man unter PapstFranziskus80@vatican.va gratulieren. Und was mag Franziskus am liebsten? "Also, ihm liegt das Geburtstagsfeiern nicht so", sagte Pepe Di Paola, Slum-Pfarrer in Buenos Aires und Papst-Vertrauter, Radio Vatikan. Es wird sich herausstellen, ob der Argentinier nicht doch hinter den Kulissen wenigstens ein bisschen feiert - wie der emeritierte Papst Benedikt: Damals brachten ihm bayerische Gebirgsschützen Bier in den Vatikan. "Ich freu mich drüber, wie viele Jahre mir der liebe Gott noch schenkt", sagte er damals, "lieber nicht so arg viele, es ist gar nicht so lustig, im Alter noch so herumzukrabbeln."

Bilderserie

Quelle: n-tv.de

Empfehlungen