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Das Land Berlin stellt zum kommenden Jahr fast 950 neue Grundschullehrer ein.
Das Land Berlin stellt zum kommenden Jahr fast 950 neue Grundschullehrer ein.(Foto: picture alliance / Julian Strate)
Freitag, 01. September 2017

Neue Grundschullehrer in Berlin: Jeder Zweite ist Quereinsteiger

Von Birgit Raddatz

An Berlins Grundschulen herrscht seit Jahren chronischer Lehrermangel. Zum neuen Schuljahr sind deshalb über die Hälfte der dort neueingestellten Lehrer Seiteneinsteiger. An ihnen gibt es aber auch immer mehr Kritik.

Fast 32.000 Kinder werden im kommenden Schuljahr in Berlin erstmals die Schulbank drücken. Damit das Pult nicht leer bleibt, hat die Bildungssenatsverwaltung knapp 950 neue Grundschullehrer eingestellt. Über die Hälfte von ihnen sei über den zweiten Bildungsweg gekommen, bestätigt Bildungssenatorin Sandra Scheeres. Sie setze weiterhin in allen Schulen auf das Quereinsteiger-Modell. Diese Menschen seien "eine Bereicherung für den Schulablauf". Nur mithilfe der Quereinsteiger konnte Berlin seinen Bedarf an 3000 Lehrern überhaupt decken.

Nicht alle sind von dem Konzept der Bildungssenatorin überzeugt. Fast 550 Quereinsteiger an Grundschulen, das sei viel zu hoch, kritisiert Dieter Haase vom Gesamtpersonalrat der Berliner Schulen (GPV). Das bestehende Personal sei mit der Einarbeitung völlig überfordert, gibt er zu bedenken. "Ich habe prinzipiell nichts gegen Quereinsteiger, viele sind super ausgebildet." Ihnen fehle jedoch die didaktische Ausbildung, um den Kindern beispielsweise Lesen und Schreiben beizubringen. Außerdem bräuchten die Neulinge eine intensivere Betreuung bei den bürokratischen Prozessen im Lehrbetrieb. "Viele Lehramtstudenten fragen sich bereits, warum sie sich das Studium überhaupt noch antun!"

Lehramtstudenten fühlen sich nicht ernst genommen

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Auch wenn es momentan so aussieht, ohne ein Studium kann niemand Lehrer werden. Für die Grundschule sind Deutsch, Mathematik und ein drittes Fach Pflicht. Das bestätigt auch Katrin Zink*. Die gelernte Buchhändlerin musste mit 35 Jahren noch einmal zur Uni gehen, um Lehrerin zu werden. Jetzt hat sie ihr Referendariat begonnen und wird nun an einer Berliner Schule in Pankow unterrichten. In ihrem Hauptseminar gibt es nur zwei mit einer grundschulpädagogischen Ausbildung, der Rest kommt auf Umwegen in den Lehrerberuf. "Da fühlt man sich schon manchmal nicht ernst genommen."

Mit dem vereinfachten Einstieg reagiert die Politik auf eine Notsituation. Der Lehrermangel besteht seit Jahren, nicht nur in Berlin, weiß auch Gesamtpersonalrat Haase. Dass der Bedarf an Lehrern zum kommenden Schuljahr erst einmal gedeckt ist, reicht ihm nicht. Damit es langfristig genug gäbe, müssten seinen Berechnungen nach mindestens zehn Prozent mehr Lehrer über dem Bedarf eingestellt werden.

Lange Zeit war auch das Thema Bezahlung ein Problem. Der Senat hat nun beschlossen, die Besoldung der Grundschullehrer auf die der Oberschullehrer anzuheben. Seit Anfang des Monats verdienen beide rund 5100 Euro brutto.

Hohe Anforderungen an Quereinsteiger

Die Anforderungen an die Quereinsteiger sind hoch, das weiß auch Micah Brashear. Der 31-Jährige studierte Philosophie im schottischen Edinburgh, bevor er sich entschloss, Lehrer zu werden. "Für viele ist der Quereinstieg die einzige Möglichkeit, überhaupt in den Lehrerberuf wechseln zu können", sagt er gegenüber n-tv.de. 2016 beendete er sein Referendariat an einer Berliner Sekundarschule. Seitdem unterrichtet er dort Musik, Ethik und Philosophie. Er kann die Kritik an der hohen Anzahl an Quereinsteigern zwar verstehen, trotzdem sollte sie nicht auf ihrem Rücken ausgetragen werden, findet Brashear. Er habe Glück gehabt, seine Kollegen hätten ihn gut aufgenommen. Aber er kenne auch andere, die nicht als vollwertige Lehrer angesehen werden.

Nicht Studium sondern persönliche Eignung wichtig

Nicht alle Quereinsteiger bleiben auch langfristig in dem Beruf. Gregor Rabe erinnert sich noch gut an seinen ersten Tag an der Berliner Joan-Miro-Grundschule. "Der erste Moment vor einer Klasse ist entscheidend, denn da checken die Schüler ab, wie du so drauf bist", sagt der gelernte Journalist, der eineinhalb Jahre als Vertretungslehrer Mathematik, Deutsch und Musik unterrichtete.

Ein Studium mache noch keinen guten Lehrer aus, ist sich der 50-Jährige sicher. Vielmehr komme es auf die persönliche Eignung an. "Ein Störenfried kann die ganze Klasse auf Trab halten, der 'Kuschelkurs', den manche Lehramtstudenten fahren, bringt da gar nichts." Disziplinmangel sei auch schon bei den jüngeren Klassen ein großes Problem.

Als Vertretungslehrer habe er allerdings nur 1800 Euro netto bekommen. "Auf Dauer reicht das nicht", sagt er. Deshalb arbeitet er jetzt wieder in seinem früheren Beruf - und wandert demnächst nach Brasilien aus.

*Name von der Redaktion geändert

Quelle: n-tv.de

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