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Insbesondere junge Menschen steigen wie Vögel auf und fallen als Schwarm in vergleichsweise wenige "Schwarmstädte" ein.
Insbesondere junge Menschen steigen wie Vögel auf und fallen als Schwarm in vergleichsweise wenige "Schwarmstädte" ein.(Foto: picture alliance / dpa)

Gefährlicher Schwarm: Junge Menschen wollen in coole Städte

Von Diana Sierpinski

Vor allem junge Menschen fallen wie ein Schwarm Vögel in nur wenige Städte ein. In den hippen Städten verschärft das neue Wanderungsmuster die Wohnungsknappheit - und in anderen Städten sieht die Zukunft zappenduster aus.

"Kommen Sie mit Ihren Kindern nach Berlin. Die sind später sowieso hier". Mit diesem Slogan lockt Berlin junge Familien an. Dabei hat gerade die Hauptstadt das gar nicht nötig, denn Berlin gehört ohnehin zu den "Schwarmstädten" dieses Landes.

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Als "Schwarmstädte" bezeichnen Wissenschaftler jene Städte, die sich einer besonderen Anziehungskraft erfreuen. Oder anders gesagt: Städte mit dem gewissen Etwas. Dahin zieht es die jungen Leute. Sie steigen wie Vögel aus allen Regionen auf und fallen als Schwarm in vergleichsweise wenige Städte ein. Das ergab eine Studie des Empirica-Instituts, die das Umzugsverhalten der Deutschen untersucht hat. Die Ergebnisse sind alarmierend. Denn das neue Wanderungsmuster der Deutschen verschärft nicht nur die Wohnungsknappheit in den hippen "Schwarmstädten". Für die weniger beliebten Städte und vor allem für ganze Landkreise sieht die Zukunft düster aus.

Im Gegensatz zu früher zieht die Bevölkerung nicht mehr großräumig von Ost nach West oder von Nord nach Süd, sondern kleinräumig vom Umland in die Landesmetropole, vom Landkreis in die Kreisstadt. Leipzig, München, Frankfurt profitieren vom neuen Schwarmverhalten. Dann aber folgen kleinere Städte wie Regensburg, Heidelberg und Darmstadt, während viele größere Städte wie Dortmund oder Essen kaum neue Bewohner gewinnen. Vor allem aber verlieren praktisch alle Landkreise jedes Jahr mehr Einwohner.

Die Suche nach dem Lebensmittelpunkt

"Die demografische Spaltung des Landes wird getragen von den Jüngeren, die noch auf der Suche nach ihrem Lebensmittelpunkt sind", stellen die Empirica-Experten in ihrer Untersuchung fest. Der Anteil der Studienanfänger eines Jahrganges ist von 36 Prozent im Jahr 2003 auf 53 Prozent im Jahr 2013 gestiegen. Das ist aber nicht der Hauptgrund für das neue Schwarmverhalten.

Zwar führt die Aufnahme eines Studiums meist zu einem Wohnortwechsel in die Hochschulstadt, doch die notwendigen Hochschulkapazitäten wurden in den letzten Jahren überwiegend außerhalb der Schwarmstädte aufgebaut. So wurden etwa in Kleve, Wesel oder dem Lahn-Dill-Kreis neue Hochschulen gegründet oder in Landkreisen wie Schwäbisch-Hall, Uelzen, Gera, Stade oder Soest ausgebaut, wie Empirica-Forscher Harald Simons betont. In 180 von 402 Landkreisen oder kreisfreien Städten stieg die Zahl der immatrikulierten Studierenden um mindestens zehn Prozent an.

Die "Hauptschwärmer" sind jedoch Berufsanfänger mit einem Hochschulabschluss aus der Altersklasse 25 bis 34 Jahre, die zum einen weiter aus den ländlichen Räumen abwandern und zum anderen aus den Hochschulstädten und Kreisen weiter in die angesagten Schwarmstädte ziehen. Dieser zweite Schwarm sorgt für die Konzentration junger Menschen in vergleichsweise wenigen Städten. So ziehen die jungen Deutschen zum Beispiel erst zum Studium nach Emden, Kaiserslautern oder Greifswald, um nach dem Abschluss weiter nach Leipzig, Köln oder Stuttgart zu wandern.

Die ersten "Schwärmer" sind jetzt 40

Es sei heute nicht mehr ungewöhnlich, in Köln zu wohnen, aber in Hagen zu arbeiten. Oder fast täglich von Berlin nach Wolfsburg ins Büro oder zur Universität nach Frankfurt/Oder zu pendeln. "Hauptsache, man wohnt in einer lebendigen, vitalen, urbanen Stadt, in einer akzeptablen Stadt", sagt Simons.

Die ersten "Schwärmer" seien die Geburtsjahrgänge Mitte der 70er-Jahre gewesen, die jetzt etwa 40 Jahre alt sind. "Dies deutet auf die Ursache für die Verhaltensänderung hin: den Pillenknick", erklärt Simons. Die Geburtsjahrgänge Mitte der 70er-Jahre waren die erste kleinere Generation, die sich nun in den angesagten Städten "zusammenrottet". Erst dadurch gelinge es ihnen, eine Umgebung zu schaffen, die ihnen das bietet, was sie sich wünschen, erklären die Forscher: Kneipen, Klubs und Restaurants und auch genügend potenzielle Freunde in Fahrradreichweite.

Warum eine Stadt zur Schwarmstadt geworden ist, eine andere aber nicht, bleibt letztlich unklar. Die Anwesenheit einer Universität dürfte notwendig sein, ist aber nicht hinreichend, so die Empirica-Experten. Städte wie Frankfurt/Oder, Bochum oder Bielefeld verfügen über eine Universität, sind aber bekanntlich keine Schwarmstädte.

Die Politik, das kritisieren die Wissenschaftler ebenso wie die Wohnungswirtschaft, treibe den Schwarm noch an. Mit der Mietpreisbremse und dem Versprechen von günstigen Wohnungen in der Großstadt nehme sie den ländlichen Regionen das wichtigste Verkaufsargument: dass Leben hier günstiger ist als in der hippen City. Um ländliche Gegenden attraktiv zu halten, müssten Fördermittel auf einige wenige Zentren konzentriert werden, fordern sie. Lieber ein lebendiger, als zwei halbtote Orte.

Quelle: n-tv.de

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