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"Plötzlich war es taghell": Meteorit stürzt in einen See

Erst Lichtblitze, dann eine gewaltige Detonation: Über Russland explodiert ein Meteorit, dessen Trümmerteile mit gewaltiger Wucht am Ural niedergehen. Hunderte Menschen werden verletzt, zahlreiche Häuser zerstört oder beschädigt. Forscher hoffen, das größte Stück des Meteoriten bergen zu können.

Die Region Tscheljabinsk liegt an der Grenze zu Kasachstan.
Die Region Tscheljabinsk liegt an der Grenze zu Kasachstan.

Beim Einschlag eines Meteoriten am Uralgebirge sind Hunderte Menschen verletzt worden. Nach derzeitigem Stand hätten mehr als 700 Menschen aus sechs Städten ärztliche Hilfe gesucht, teilte das russische Innenministerium mit. Unter den Verletzten seien Dutzende Kinder. Die Behörden befürchten, dass die Zahl der Verletzten weiter steigen könnte, weil es noch keine Meldungen aus den weiter entfernt liegenden Gegenden gibt. Die Helfer seien auf dem Weg dort hin. Vorsorglich wurde die Versorgung über die zentrale Gaspipeline gestoppt.

Die Behörden sprachen abweichend von einem Meteoriten-Absturz oder Meteoriten-Schauer. Der Einschlag war demnach etwa um 7.30 Moskauer Zeit, 4.30 Uhr MEZ. Nach Experteneinschätzung raste der Meteorit mit extrem hoher Geschwindigkeit Richtung Erde. Nach Eintritt in die Atmosphäre dürfte das kosmische Geschoss mit einer gewaltigen Druckwelle explodiert sein.

"Das erste Mal"

Ein solcher Einschlag ist nach Einschätzung der europäischen Raumfahrtagentur Esa sehr ungewöhnlich. "Das ist das erste Mal, dass das passiert ist - zumindest soweit wir das dokumentiert haben", sagte Esa-Experte Detlef Koschny. Alle paar Monate schlügen Objekte auf der Erde auf. "Meistens passiert das aber über dem Ozean, über den Wüsten oder in Sibirien." Deswegen sei bislang nichts Schwerwiegendes passiert.

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Auch deutsche Forscher hatten die Spur des Meteoriten durch  die Atmosphäre registriert. "Wir haben jetzt Daten verschiedener Stationen vorliegen", sagte Gernot Hartmann von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover. Beobachtungswarten in Aktjubinsk im nördlichen Kasachstan sowie im zentralrussischen Salessowo hätten den Druck des Gesteinsbrockens beim Flug durch die Lufthülle der Erde gemessen. "Es waren starke Signale. Man kann sie zeitlich zuordnen."

Absturz in einem See

Das größte Stück des Meteoriten selbst sei in den See Tschebarkul rund 80 Kilometer westlich der Millionenstadt Tscheljabinsk gefallen, teilte die Gebietsverwaltung mit. Dorthin seien Dutzende Forscher und Helfer unterwegs, um den Sensationsfund zu bergen. Durch den Absturz in den See sei größerer Schaden abgewendet worden.

Mit dem Asteroiden, der an diesem Freitagabend knapp an der Erde vorbeirasen wird, hat der Einschlag nichts zu tun. "Das ist etwas völlig anderes", sagte ein Esa-Sprecher. "Flugbahn und Ort des Anschlages sprechen dagegen."

Teile des Meteoriten seien in eine Schule in Tscheljabinsk eingeschlagen, teilten die Behörden mit. Auch dort seien Menschen durch zerborstenes Glas verletzt worden. In der Region wurde die Schließung aller Schulen der Region angeordnet, weil die Temperaturen in Zentralrussland bei minus 18 Grad liegen und die Gebäude jetzt bitterkalt seien. Zudem würden Tausende Menschen in ihren Wohnungen frieren, weil die Fensterscheiben zerborsten seien.

Die Druckwelle des Meteoritenregens zerstörte zahlreiche Fenster - und das bei eisigen Temperaturen.
Die Druckwelle des Meteoritenregens zerstörte zahlreiche Fenster - und das bei eisigen Temperaturen.(Foto: dapd)

Die Meteoritenteile seien auch in viele Häuser eingeschlagen, hieß es. Wegen der Schäden sollten Betriebe und Einrichtungen ihre Mitarbeiter nach Möglichkeit zum Helfen nach Hause schicken, hieß es in einer Mitteilung der Verwaltung.

"Plötzlich war es taghell"

Nach Behördenangaben war gegen 9.20 Uhr Ortszeit ein Knall in rund 10.000 Meter Höhe zu hören. "Dann gab es einen Blitz, ich sah ein Rauchfahne am Himmel und spürte die Druckwelle, die Fensterscheiben eindrückte", sagte Andrej, der seine Freundin an einer Bushaltestelle in Tscheljabinsk verabschiedete. Alarmanlagen von Autos gingen los, und Mobiltelefone funktionierten nicht mehr richtig. Viele dachten zu diesem Zeitpunkt an ein Flugzeugunglück.

"Ich war auf dem Weg zur Arbeit, und es war noch dunkel", sagte der 36-jährige Viktor Prokofjew aus Jekaterinburg. "Aber plötzlich war es taghell, und ich fühlte mich wie von Scheinwerfern geblendet."

Keine erhöhte Radioaktivität

Laut Katastrophenschutzbehörde wurde nach dem Meteoritenregen keine erhöhte Radioaktivität festgestellt. Zur Überwachung der Lage in der Region stellte das Katastrophenschutzamt 20.000 Einsatzkräfte sowie Flugzeuge und Hubschrauber zur Verfügung.

Atomanlagen der Gegend seien nicht betroffen, teilte der Staatskonzern Rosatom mit.  Das Verteidigungsministerium entsandte Soldaten zu den "Einschlagsstellen" der Gesteinsfragmente. Medienberichten zufolge war der Meteoritenregen auch in Kasachstan zu sehen.

Kein Vorbote für weitere Einschläge

Nach Angaben der Esa sind die jetzt in Russland eingeschlagenen Meteoriten zu klein, um schon vorher entdeckt zu werden. Rainer Kresken von der ESA in Darmstadt sagte bei n-tv, dass vor allem die "große Aufschlaggeschwindigkeit von mindestens 11,2 Kilometern pro Sekunde eine enorme kinetische Energie freisetzt".

Das erkläre auch die großen Druckwellen und die starke Zerstörung, die ein Meteorit anrichten könne, wenn er auf die Erde treffe. Dass der Meteoriten-Regen von Tscheljabinsk ein Vorbote eines womöglich noch größeren kosmischen Ereignisses sein könnte, hält der Experte für sehr unwahrscheinlich. Kresken geht zudem davon aus, dass es keine Verbindung zwischen dem Meteoriten-Regen von Russland und dem Asteroiden 2012 DA 14 gibt. Die Flugbahnen stimmten einfach nicht überein.

Politiker fordert Meteoriten-Schild

Russlands Vizeregierungschef Dmitri Rogosin sprach sich für eine internationale Initiative zur Errichtung eines Schutzsystems aus, mit dem nicht nur frühzeitig vor gefährlichen Objekten aus dem Weltall gewarnt, sondern diese auch zerstört werden können.

Weder Russland noch die USA hätten die Möglichkeit zur Abwehr solcher Objekte, meinte der für die Raumfahrt zuständige Politiker. Eine Kommission der russischen Rüstungsindustrie werde sich nun mit dieser Frage befassen, kündigte Rogosin an.

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Quelle: n-tv.de

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