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Auch nach der Kollision mit einem Asteroiden würde sich die Erde weiterdrehen, und es gäbe noch Leben auf dem Planeten. Doch die Zerstörungen wären mitunter großflächig.
Auch nach der Kollision mit einem Asteroiden würde sich die Erde weiterdrehen, und es gäbe noch Leben auf dem Planeten. Doch die Zerstörungen wären mitunter großflächig.

Zerstörerischer Einschlag: Was Asteroiden anrichten

Von Andrea Schorsch

Es ist so weit: Asteroid 2012 DA 14 stattet der Erde einen Besuch ab - in sicherer Entfernung. Was aber wäre, wenn ein Asteroid auf Kollisionskurs ginge? Was passiert, wenn er auf die Erde trifft? Und wie lässt es sich verhindern? n-tv.de gibt Antworten.

Ural-Einschlag ist "völlig anderes"

Der Einschlag eines Meteoriten am Uralgebirge hat nichts mit dem Asteroiden zu tun, der an diesem Freitagabend knapp an der Erde vorbeirasen wird. "Das ist etwas völlig anderes", sagte ein Sprecher der europäischen Weltraumagentur Esa. "Flugbahn und Ort des Einschlages sprechen dagegen." Beim Einschlag eines Meteoriten am Uralgebirge waren nach Angaben russischer Behörden im Gebiet Tscheljabinsk etwa 400 Menschen verletzt worden.

Mit einer Geschwindigkeit von 20 Kilometern in der Sekunde, das sind 72.000 Kilometer je Stunde, rast der 1500 Meter große Asteroid auf den blauen Planeten zu. Kurz bevor er auf der Erde auftrifft, verdampfen Boden, Sand und Geröll. Als der Asteroid einschlägt, wird aufgeschmolzenes Oberflächenmaterial mit hohem Tempo bis zu 450 Kilometer weit geschleudert.

Innerhalb von Sekundenbruchteilen nach dem Auftreffen verdampfen der Asteroid und das umgebende Gestein bei Temperaturen von bis zu 30.000 Grad Celsius und einem Druck von einigen Millionen Bar. Eine Stoßwelle breitet sich mit Überschallgeschwindigkeit aus. Zwei Sekunden nach dem Aufschlag federt das Gestein zurück: Trümmer aus dem Inneren des Kraters werden herausgeschleudert. Sie begraben 5000 Quadratkilometer Fläche unter sich – meterhoch.

70 Mal so hell wie die Sonne

Die Explosion gleicht in ihrer Energie der von mehreren hunderttausend Hiroshima-Bomben. Es entsteht ein wachsender Krater von zunächst acht Kilometern Durchmesser und vier Kilometern Tiefe. Hundert Kilometer vom Einschlagsort entfernt, erscheint der aus dem Krater aufsteigende Feuerball etwa 30 Mal so groß und 70 Mal so hell wie die Sonne. In diesen hundert Kilometern Entfernung trifft die atmosphärische Stoßwelle nach fünf Minuten mit Windgeschwindigkeiten von bis zu 600 Kilometern je Stunde ein. In 500 Kilometern Entfernung beträgt die Windgeschwindigkeit immer noch 50 Kilometer je Stunde.

Das "Nördlinger Ries" ist der besterforschte Meteoritenkrater. Sein Durchmesser: 25 Kilometer. Der Wolkenkranz markiert den bewaldeten Kraterrand.
Das "Nördlinger Ries" ist der besterforschte Meteoritenkrater. Sein Durchmesser: 25 Kilometer. Der Wolkenkranz markiert den bewaldeten Kraterrand.(Foto: picture-alliance / dpa/dpaweb)

Der Aufprall geht mit einem Erdbeben der Stärke 8 auf der Momenten-Magnituden-Skala einher. Und er ist weltweit hörbar. Auf der anderen Seite der Erde, also rund 20.000 Kilometer weit weg, liegt die Schallintensität immerhin noch bei 40 Dezibel. Das entspricht der Lautstärke leiser Musik.

Ein Schreckens-Szenario, zu überzogen, um wahr zu sein? Was wie Fiktion klingt, war süddeutsche Realität. Es ist rund 15 Millionen Jahre her, dass durch den  beschriebenen Asteroiden-Einschlag der Ries-Krater in der Schwäbischen Alb entstand. Aufgeschmolzene Sande gingen damals als Glastropfen-Regen im heutigen Böhmen und Mähren nieder.

2000 km/h schnelle Druckwelle

Ein anderes Beispiel, Schauplatz Flagstaff, Arizona: Dort trifft ein Asteroid mit nur 50 Metern Durchmesser auf die Erde. Er besteht überwiegend aus Eisen und wiegt 300.000 Tonnen. Als er auf die Erdoberfläche prallt, hat er eine Geschwindigkeit von mehr als 40.000 Kilometern je Stunde. Beim Aufschlag werden rund 175 Millionen Tonnen Gestein weggeschleudert, am Einschlagpunkt wird das Material aufgeschmolzen und verdampft. Der Einschlag löst ein Erdbeben aus. Im Umkreis von vier Kilometern wird alles Leben vernichtet. Der entstandene Feuerball breitet sich zehn Kilometer weit aus. Die Druckwelle ist 2000 Kilometer je Stunde schnell und verwüstet alles im Umkreis von 14 bis 22 Kilometern. Außerhalb dieses Umkreises, bis zu einer Entfernung von 40 Kilometern, erreicht sie immerhin noch Hurrikanstärke. – Das war vor 50.000 Jahren. Der Barringer-Krater zeugt noch heute von dem Einschlag.

Das Tunguska-Ereignis: Der Ort der Katastrophe wurde erst bei einer Expedition fast 20 Jahre nach der Asteroiden-Explosion entdeckt.
Das Tunguska-Ereignis: Der Ort der Katastrophe wurde erst bei einer Expedition fast 20 Jahre nach der Asteroiden-Explosion entdeckt.(Foto: picture-alliance/ dpa)

Wir nähern uns der Gegenwart: Zu Beginn des 20. Jahrhunderts, 1908, explodiert ein Asteroid in 5 bis 14 Kilometern Höhe über Sibirien. Einen Krater gibt es folglich nicht. Doch noch in über 500 Kilometern Entfernung sind ein heller Feuerschein, starke Erschütterungen, eine Druckwelle und Donner wahrzunehmen. Auf einem Gebiet von mehr als 2000 Quadratkilometern werden rund 60 Millionen Bäume umgeknickt. Die Explosion war mehr als tausendfach so stark wie die Hiroshima-Bombe. Dabei war der Asteroid recht klein: Er hatte einen Durchmesser von 30 bis 80 Meter.

Schon morgen wieder möglich

So etwas wie das hier geschilderte Tunguska-Ereignis "passiert alle 300 bis 500 Jahre", sagt Detlef Koschny, Verantwortlicher für erdnahe Objekte beim ESA-Programmbüro für Space Situational Awareness (SSA). "Das heißt", so der Experte, "es kann morgen schon wieder passieren".

Der Asteroidengürtel: Wir sind umzingelt von Himmelskörpern.
Der Asteroidengürtel: Wir sind umzingelt von Himmelskörpern.(Foto: Ravi / Wikipedia / CC BY-SA 3.0)

Mehr als eine halbe Million Asteroiden, Überbleibsel aus der Zeit, als die Planeten entstanden, sind im Sonnensystem bekannt. Die meisten von ihnen ziehen ihre Bahnen im Asteroidengürtel zwischen Mars und Jupiter. Da es so viele sind, kollidieren die Himmelskörper gern mal. Dann werden einzelne Asteroiden aus dem Gürtel herausgeschleudert und Richtung Erde gelenkt. Damit können sie unserem Heimatplaneten gefährlich werden.

Das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt, DLR, spricht von 8000 solcher erdnaher Asteroiden, die bereits identifiziert wurden. Jeden Monat kommen rund 70 weitere hinzu. Viele Objekte sind dort draußen unterwegs, von denen die Experten noch gar nicht wissen, wo sie langfliegen und ob sie auf die Erde treffen könnten. Das gilt gerade für die kleineren Asteroiden. "Von denen kennt man nur ein paar Prozent", sagt Koschny. Unentwegt suchen die Forscher den Himmel nach Asteroiden ab. Als winzige, sich bewegende Punkte, die nur einen Hauch heller sind als ihre Umgebung, geben sie sich auf den Bildschirmen der Astronomen zu erkennen.

Wahrscheinlicher als ein Haibiss

Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Flugzeugabsturz ums Leben zu kommen, wird mit 1:3 Millionen angegeben, die eines Haiangriffes mit 1:10 Millionen.
Die Wahrscheinlichkeit, bei einem Flugzeugabsturz ums Leben zu kommen, wird mit 1:3 Millionen angegeben, die eines Haiangriffes mit 1:10 Millionen.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Dass man durch einen Asteroiden ums Leben kommen könnte, scheint unvorstellbar, doch ausgeschlossen ist es nicht. "Die Wahrscheinlichkeit, dass man von einem Asteroiden erschlagen wird, liegt zwischen einem Flugzeugabsturz und einem Haibiss", sagt Koschny. Das klingt nicht unbedingt beruhigend – zumal man vor Haien durch entsprechende Schilder am Strand gewarnt wird.

Der Asteroid "2011 AG5" war es, der die Liste der Himmelskörper, die uns gefährlich werden könnten, bis Anfang des Jahres anführte. "2011 AG5" ist 140 Meter groß, und er kommt der Erde im Jahr 2040 bedrohlich nah. Die Wahrscheinlichkeit, dass er auf unserem Heimatplaneten einschlagen würde, wurde bislang mit 1:500 angegeben. Jüngste Messungen ergaben nun, dass "2011 AG5" wohl an der Erde vorbeifliegen wird – mit einem Tempo von mehr als 50.000 Kilometern je Stunde.

Apophis im Visier der NASA. Der Asteroid stellt für die Erde inzwischen keine Gefahr mehr dar.
Apophis im Visier der NASA. Der Asteroid stellt für die Erde inzwischen keine Gefahr mehr dar.(Foto: ASSOCIATED PRESS)

Ähnlich verhält es sich mit Apophis. Dieser Asteroid ist 2004 an der Erde vorbeigeschrammt. Und er kommt wieder: einmal 2029, dann nochmal 2036. Bei einer Größe von 270 Metern wiegt Apophis 27 Millionen Tonnen. Seine Sprengkraft entspricht der von 25.000 Hiroshima-Bomben. Daten, die das Weltraumteleskop Herschel im Januar 2013 gesammelt hat, lassen jedoch den Schluss zu, dass uns Apophis im 21. Jahrhundert nicht mehr gefährlich wird.

Gut möglich, dass die bedrohlichen Himmelsobjekte - sollten sie tatsächlich einmal direkt auf die Erde zusteuern - in den Ozean stürzen würden. Immerhin sind mehr als 70 Prozent unseres Planeten von Wasser bedeckt. Doch besser wäre es wohl, es darauf gar nicht erst ankommen zu lassen. Die Forscher arbeiten daher daran, Kollisionen mit Asteroiden in jedem Fall zu verhindern.

Anschubsen, wegziehen, sprengen

Wie das gehen soll? Das DLR leitet eine 2012 gegründete internationale Kooperation, in der Forschung und Industrie Strategien zur Abwehr von Asteroiden entwickeln. "Um ihre Umlaufbahn zu ändern und eine Kollision mit der Erde zu verhindern, muss man eine Kraft auf sie ausüben", erklärt Projektleiter Alan Harris. "Und zwar rechtzeitig."

Untersucht wird daher zum Beispiel die Möglichkeit, in einen bedrohlichen Asteroiden eine Raumsonde einschlagen zu lassen. So könnte er von seiner Bahn abgebracht werden. "Das ist meiner Meinung nach eine sehr realistische Methode", sagt Harris.

Entdeckt man einen für die Erde gefährlichen Asteroiden früh genug, also mehrere Jahre vor der potenziellen Kollision, könnte seine Abwehr auch gelingen, ohne dass die Raumsonde einschlagen muss: Allein ihre Schwerkraft könnte den Himmelskörper, sobald sie in seiner Nähe ist, von seiner Flugbahn ablenken. Wie an einem Seil würde die Sonde den Asteroiden dann von der Erde entfernen. "Bisher existiert diese Methode nur auf dem Papier, aber sie könnte funktionieren", so Harris.

"Ein Akt der Verzweiflung"

Ist der sich nähernde Asteroid allerdings groß, hat er etwa einen Durchmesser von mehr als 1000 Metern, und wird er zu spät entdeckt, lässt sich mit den beiden erstgenannten Methoden wahrscheinlich nichts mehr ausrichten. Drängt die Zeit, dann bleibt, so Harris, nur die Möglichkeit, vor dem Himmelskörper eine Explosion zu erzeugen. "Die größte Kraft", sagt der Asteroidenforscher, "die man dann einsetzen könnte, um den Asteroiden aus seiner Bahn zu lenken, wäre eine nukleare Explosion."

Doch der Einsatz von Atomsprengköpfen im Weltraum ist, wie man sich vorstellen kann, umstritten. Die Folgen einer solchen Explosion lassen sich nicht vorhersagen. Was, wenn nach der Zerstörung des Asteroiden radioaktive Trümmerteile auf die Erde fallen? Die Methode mithilfe von Experimenten zur Perfektion zu führen, ist nicht möglich. Daher, so Harris, wäre diese Lösung "ein Akt der Verzweiflung".

In den nächsten Jahren wollen die Forscher einen Fahrplan erstellen, der in Aktion tritt, wenn ein Asteroid mit der Erde auf Kollisionskurs geht. Ist die Gefahr erstmal bekannt, müssen die Vorkehrungen zur Abwehr des Himmelskörpers direkt getroffen werden. Dann ist es für Studien zu spät.

Bleibt zu hoffen, dass bedrohliche Asteroiden stets rechtzeitig entdeckt werden. Von "2012 DA 14", der jetzt an der Erde vorbeirast, wissen die Astronomen erst seit einem Jahr.

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Quelle: n-tv.de

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