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Unzählige Rettungskräfte versorgten die Opfer des Anschlags im Bataclan.
Unzählige Rettungskräfte versorgten die Opfer des Anschlags im Bataclan.(Foto: AP)

Zwölf Stunden Chaos: Pariser Ärzte arbeiteten wie im Krieg

In der Pariser Schreckensnacht kommen 433 Menschen in die Krankenhäuser, viele von ihnen mit Schussverletzungen. Nun berichten Ärzte über eine Ausnahmesituation, wie sie Frankreich seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr erlebt hat.

Bei dem Pariser Blutbad am vergangenen Freitag werden insgesamt 433 Menschen verletzt und in die Krankenhäuser der französischen Hauptstadt eingeliefert. Viele von ihnen mit lebensgefährlichen Schussverletzungen. Ein Drittel der Opfer ist so schwer verletzt, dass sie direkt in den Operationssaal gebracht oder wiederbelebt werden müssen. Es handelt sich um eine medizinische Ausnahmesituation, wie sie Frankreich seit dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr erlebt hat. In 35 Operationssälen gleichzeitig versuchen Ärzte, Leben zu retten.

Die großkalibrigen Kugeln der Kalaschnikows, mit denen die Attentäter das Feuer im Konzertsaal Bataclan sowie auf mehrere Bars, Cafés und Restaurants eröffneten, verletzten die Opfer schwer.
Die großkalibrigen Kugeln der Kalaschnikows, mit denen die Attentäter das Feuer im Konzertsaal Bataclan sowie auf mehrere Bars, Cafés und Restaurants eröffneten, verletzten die Opfer schwer.(Foto: REUTERS)

Remy Nizard, Chefchirurg des Krankenhauses Larboisiere, beschreibt die ersten zwölf Stunden nach den blutigen Anschlägen als "Chirurgie des Krieges". Seinen Angaben zufolge wurden die Ärzte und Krankenschwestern mit einer erheblichen Zahl von traumatisierten Schwerverletzen konfrontiert. "Sie brauchen dauerhaft Hilfe, sie werden die Nacht nicht vergessen", sagte er der französischen Zeitung "Le Monde". "Die meisten Opfer waren von Kugeln getroffen worden, es war furchtbar." Kiefer, Schädel, Augen und Gliedmaßen seien betroffen. Es gebe "ein großes Gefühl der Verzweiflung" bei den meist jungen Opfern, so Nizard.

Auch am Georges Pompidou Krankenhaus kam es zu dramatischen Szenen. Der Leiter der Notaufnahme, Philippe Juvin, spricht von "Szenen wie im Krieg". 49 bewusstlose Patienten wurden seinen Angaben zufolge in der Schreckensnacht eingeliefert, sie hatten Schusswunden im Bauch, Splitter im Körper und zerfetzte Gesichter. "Die Ärzte wussten nicht, wer sie waren", beschrieb eine Krankenschwester die dramatischen Stunden. Also schrieben sie Zahlen auf die Stirn und die Hände der Verwundeten. "Das ist nicht unsere normale Arbeit. Dies ist normalerweise der Arbeit von Menschen, die in Konfliktzonen leben." Keiner seiner Mitarbeiter sei unberührt, sagte Juvin. "Jeder hier ist betroffen. Sie sind alle sehr müde, physisch und psychisch. Es ist so traurig."

Unheimlicher Zufall - Paris probt Terror

Auch die Mitarbeiter am Pitié Salpêtrière Krankenhaus erlebten erschütternde Tage. 52 Personen mit Schussverletzungen wurden in das Lehrkrankenhaus gebracht, 25 von ihnen in sehr kritischem Zustand. Bruno Riou, der Chef der Notaufnahme sagte gegenüber "Le Monde": "Mehr als 50 angeschossene Personen. Es gibt keinen Präzedenzfall in Frankreich."

Einem unheimlichen Zufall war es zu verdanken, das am Morgen der blutigen Anschlagsserie ein Szenario auf der Grundlage eines Charlie-Hebdo-Angriffs der Notfall geübt wurde. Dabei spielten Pariser Rettungskräfte, Feuerwehr und Krankenhäuser einen Einsatz mit rund 100 Opfern durch Schusswunden durch. Nur wenige Stunden später wurde aus der Übung ein echtes Szenario.

Sieben Tage nach dem blutigen Terror normalisiert sich die Situation etwas. Doch noch immer befinden sich 221 Menschen in Pariser Krankenhäuser. 65 der Schwerverletzten liegen auf der Intensivstation, drei von ihnen befinden sich in einem kritischen Zustand. Einige Patienten können voraussichtlich innerhalb der nächsten Tage entlassen werden, während sich andere mit schweren lebensverändernden Verletzungen auf eine lange Rehabilitation einstellen müssen.

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Quelle: n-tv.de

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