Panorama

Lehrmaterial für Flüchtlinge: Studentin entwickelt Deutsch-Bilderbuch

Von Diana Sierpinski

Angekommen in einem fremden Land ist alles anders - die Sprache, die Kultur, das soziale Gefüge. Ein Buch soll Flüchtlingen die ersten Schritte in Deutschland erleichtern. Ein Buch, das fast komplett auf Buchstaben verzichtet.

Amelie Kim Weinert betreut selbst eine Flüchtlingsfamilie.
Amelie Kim Weinert betreut selbst eine Flüchtlingsfamilie.(Foto: Amelie Kim Weinert (Foto: Christian Metzler))

Zur Begrüßung gibt man sich die Hand. Das weiß doch jedes Kind. "Eben nicht", sagt Amelie Kim Weinert, die als Flüchtlingspatin seit Oktober 2014 eine afghanische Familie betreut und mit ihrer Bachelorarbeit "Mein Deutschland" genau den Nerv der Zeit getroffen hat.

1,1 Millionen Flüchtlinge suchten im vergangenen Jahr hierzulande Schutz vor Krieg und Gewalt. Trotz Kälte, Eis und Schnee erreichen immer noch täglich bis zu 3000 Menschen die deutsche Grenze. Doch hier angekommen ist alles fremd - die Sprache, die Kultur, das soziale Gefüge. Viele der Neuankömmlinge sprechen kein Englisch und erst recht kein Deutsch, weiß Weinert, die an der Pforzheimer Hochschule Visuelle Kommunikation studierte. Zum Teil ist ihnen auch das Lesen und Schreiben fremd. "Viele Flüchtlinge sind traumatisiert und haben keine Schulausbildung. In Deutschland angekommen sollen sie aber einen Alphabetisierungskurs besuchen, der sie total überfordert und demotiviert", berichtet die 26-Jährige im Gespräch mit n-tv.de.

"Mein Deutschland" von Amelie Kim Weinert erscheint Anfang Februar im Langenscheidt-Verlag.
"Mein Deutschland" von Amelie Kim Weinert erscheint Anfang Februar im Langenscheidt-Verlag.

Als frischgebackene Flüchtlingspatin musste Weinert feststellen, dass die Schulbücher in den Sprachschulen oft zu unübersichtlich und realitätsfremd gestaltet sind: viel Text, viel Wiederholen und stundenlanges Nachmalen von Buchstaben. Sie suchte nach einem Ausweg und entwickelte eine Orientierungshilfe, mit der sich Asylbewerber auf einen Deutschkurs vorbereiten können - ohne, das die Motivation gleich flöten geht. Ihr Ansatz war so überzeugend, dass der Langenscheidt-Verlag den Ordner im Februar herausbringt, mit einem Beiheft für die ehrenamtlichen Helfer.

Mitmachen statt Auswendiglernen

"Mit meinem Ordner findet der Austausch auf Augenhöhe statt, das Lehrer-Schüler-Konstrukt vermeide ich konsequent", sagt Weinert. Es gebe weder Hausaufgaben, noch werde richtig kontrolliert und verbessert. "Der Geflüchtete soll merken, das ist alles halb so wild. Es soll motivieren - nicht demotivieren. Es fängt einfach nochmal zwei Schritte früher an als der verpflichtende Alphabetisierungskurs."

In sechs Kapitel ist "Mein Deutschland" aufgeteilt, in denen es um das gemeinsame Kennenlernen geht. Wo komme ich her? Wer ist mein Gegenüber? Wo liegt Deutschland? Wie sehen Zahlen und Buchstaben aus? Welche Sitten und Gebräuche gibt es in den Bundesländern? Und das sind nur einige der Fragen. Nicht nur der Asylbewerber lernt Neues, sondern auch der Ehrenamtliche erfährt viel über sein Gegenüber. Mit Hilfe von Stickern werden Alltagsgegenstände wie Bett, Gitarre, Fernseher, Fahrrad oder Kaffee­tasse identifiziert und zugeordnet. So können sich beide über Herkunft, Hobbys und Lieblingsessen austauschen - auch ohne gemeinsame Sprache.

"Es gibt so viele Menschen, die sich gern engagieren möchten, aber neu und unbeholfen in diesem Bereich sind - so wie ich selbst ja auch", erinnert sich Weinert an ihren Start als Flüchtlingspatin zurück. In den Gesprächen mit Flüchtlingen fehlten ihr oft die einfachsten Dinge, um sich auszudrücken. Wie zeige ich ohne Karte, wo ich herkomme? Wie mache ich klar, dass ich mich für Musik interessiere? Mit Weinerts "Werkzeugkasten" ist das jetzt ganz leicht.

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Quelle: n-tv.de

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