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Einer traut dem anderen nicht: Gauland mit Henkel und Lucke.
Einer traut dem anderen nicht: Gauland mit Henkel und Lucke.(Foto: imago/CommonLens)

Russland, Macht, Eitelkeiten: AfD-Spitze zerlegt sich

Von Christian Rothenberg

Die Grünen haben es überlebt, die Piraten nicht: Neue Parteien streiten besonders heftig. Das erlebt auch die AfD. Die Parteispitze führt öffentlich einen bizarren Rosenkrieg. Wie viele der Streithähne bleiben am Ende übrig?

Die AfD spricht nie nur mit einer Stimme. Bernd Lucke, Frauke Petry und Konrad Adam heißen die Sprecher der Parteispitze. Dass sich gleich drei Personen den Vorsitz teilen, hatte bisher hauptsächlich Vorteile. Die konservative, die liberale und auch die eher national geprägte Klientel konnte sich meist darauf verlassen, dass ihre jeweilige Strömung berücksichtigt wurde.

Zerbrechlich war das Konstrukt schon immer. Dass Lucke seit Beginn mit Abstand die dominanteste Figur ist, weil er seine beiden Mitstreiter an Präsenz deutlich übertrifft und inoffiziell als alleiniger Parteichef gilt, gefällt seinen Kollegen nicht. "Er ist nicht unser Vorsitzender, auch wenn das immer so dargestellt wird", sagte Petry nach ihrem Erfolg bei der Sachsen-Wahl Anfang September. Lucke war damals nicht zugegen, sondern in Brüssel unterwegs, wo er seit Mai Abgeordneter ist. "Er lässt sie alle grüßen", sagte Petry süffisant.

Inzwischen wird die Trio-Struktur immer mehr zur Belastung und zur bisher größten Bewährungsprobe für die AfD. Die Euphorie über die jüngsten Erfolge bei ostdeutschen Landtagswahlen ist verflogen. Seit einigen Tagen liefern sich die erweiterte Parteiführung einen gnadenlosen Schlagabtausch - zum Leidweisen der Mitglieder nicht hinter verschlossenen Türen, sondern in der Öffentlichkeit. Dabei geht es vor allem um Deutungshoheit und Macht.

Macht Lucke Ernst?

Im Mittelpunkt des Kesseltreibens steht Lucke. Der 52-jährige Parteigründer ist genervt von der Dreierspitze. Lucke will mehr Macht für sich und weniger für die anderen. Seit Monaten fordert er, die Zahl der Vorsitzenden von drei auf einen - das heißt natürlich möglichst ihn selbst - zu reduzieren. Was passiert, wenn sein Ansinnen erfolglos endet, machte er gerade in der FAZ klar. "Ich habe noch nicht entscheiden, ob ich noch einmal antreten werde", sagte Lucke und deutete damit mehr als dezent seinen Rückzug an.

Ob mit Lucke oder ohne: Frauke Petry will ihrem Vorstandskollegen nicht zu viel Macht einräumen.
Ob mit Lucke oder ohne: Frauke Petry will ihrem Vorstandskollegen nicht zu viel Macht einräumen.(Foto: picture alliance / dpa)

Die AfD ohne Lucke, funktioniert das überhaupt? Wenn es nach Hans-Olaf Henkel geht, dann nicht. Der Parteivize ist Luckes engster Verbündeter und plädiert ebenfalls für einen starken Vorsitzenden. "Ich kenne keine Partei, die sich so eine Kakofonie leistet wie die AfD", sagte Henkel der FAZ. Henkel und Lucke vertreten vor allem das liberale und konservative Spektrum der Partei. Aber wie lange noch? Ob Lucke Ernst macht, lässt sich nur erahnen. Dass Ex-BDI-Chef Henkel seinen Abstecher in die Politik ohne Lucke fortsetzt, scheint jedoch kaum vorstellbar. Zu schlecht ist die Stimmung zwischen den Damen und Herren an der Parteispitze.

Die größten Gegenspieler von Lucke und Henkel sind Petry und Parteivize Alexander Gauland. Vor allem Gauland stellt Lucke seit Monaten öffentlich infrage. Als Lucke und Henkel gegen den Parteikurs für die Russland-Sanktionen stimmten, schimpfte der 73-Jährige offen gegen den Parteigründer. Vor einer Woche nannte er Lucke einen "Kontrollfreak", der alles kontrollieren wolle, "auch im kleinsten Landesverband". Gauland hätte das nicht öffentlich sagen müssen, aber er tat es.

Der brandenburgische AfD-Fraktionschef vertritt teilweise zu Henkel und Lucke grundverschiedene Positionen. Am Wochenende trat er auf einer Russland-Konferenz gemeinsam mit dem rechten Vordenker Jürgen Elsässer und einigen NPD-Funktionären auf. Henkel nannte Gaulands Auftritt später "furchtbar und inakzeptabel". Er schade damit der Partei und müsse sich besser überlegen, in welche Gesellschaft er sich begebe. Henkel hätte das nicht öffentlich sagen müssen, aber er tat es.

"Keine One-Man-Show"

Es ist nicht das erste Mal, dass die beiden Polit-Senioren aneinandergeraten. Dass Henkel im Oktober bekannte, sich über das Auftreten einiger Mitglieder der AfD in Grund und Boden zu schämen, verärgerte Gauland. Daraufhin legte er dem Kollegen in einem Zeitungsinterview sogar den Rücktritt nahe. Henkel wolle eine Partei, die die Werte von CDU und FDP weiter verkörpere. "Das wird mit der AfD nicht gehen", so Gauland. Aus seiner Sicht sind es Nationalkonservative und Nationalliberale, die den Markenkern der AfD ausmachen. Das Patriotische sei das verbindende Element der AfD.

Im Gegensatz zu Lucke und Henkel plädiert Gauland für einen merklich flexibleren Umgang mit den Querulanten, mit denen die AfD immer wieder zu kämpfen hat. Im Brandenburger Landtagswahlkampf wetterte er gegen straffällige Ausländer und kokettierte sogar mit der Aussetzung des Schengen-Abkommens. Der Anziehungskraft seiner Partei auf den rechten Rand ist er sich bewusst und setzt auf kernige Rhetorik - ähnlich wie die ihm inhaltlich nahestehende Frauke Petry. Die 39-Jährige hielt sich lange zurück. Doch spätestens seit sie im September den ersten Landtagseinzug der AfD in Sachsen perfekt machte, strotzt sie vor Selbstvertrauen. Petry will Luckes Macht begrenzen. Die AfD dürfe keine "One-Man-Show" sein, warnte sie zuletzt.

Nach Luckes Rückzugs-Drohung meldete sich Petry wieder zu Wort. Natürlich würde sie es bedauern, wenn er nicht wieder kandidiert, sagte sie und betonte dann scheinbar besonnen, man müsse die Führungsdebatte intern austragen. Es wurde ja schließlich schon viel zu viel öffentlich geredet. Aber eines konnte sich Petry dann doch nicht verkneifen. "Dass Lucke so etwas sagt, ist natürlich auch ein taktisches Kalkül, aber in der Innenwirkung macht es das nicht besser", sagt sie n-tv.de, "seine Äußerung war nicht hilfreich". Ganz ohne Nachtreten geht es zurzeit nicht bei der AfD.

Quelle: n-tv.de

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