Politik
Für viele AfD-Wähler sind Umfragen Teil der Manipulationsmaschinerie von Politik und Medien.
Für viele AfD-Wähler sind Umfragen Teil der Manipulationsmaschinerie von Politik und Medien.(Foto: dpa)
Montag, 25. September 2017

Interview mit Forsa-Chef: "AfD-Wähler lassen sich nicht befragen"

Umfragen sehen die Union lange mit großem Vorsprung vor der SPD. Die AfD erreicht ein klar zweistelliges Ergebnis. Im Interview mit n-tv.de erklärt Forsa-Chef Manfred Güllner, warum der Abstand am Ende doch kleiner und in welchen Regionen die AfD erfolgreich ist.

n-tv.de: Die letzte Sonntagsfrage zur Bundestagswahl vom 22. September ihres Instituts sah die CDU/CSU noch bei 36 Prozent. Das vorläufige amtliche Wahlergebnis sieht die Union bei 33 Prozent. Warum passiert so was?

Manfred Güllner: Die Umfragen haben ja schon lange klar gezeigt, dass die Union mit großem Vorsprung vor der SPD stärkste Partei wird. Dass sie im Laufe des Wahlkampfs ein paar Punkte verloren hat, liegt daran, dass die Union ihre Anhänger schon früh motiviert hatte, auch zur Wahl zu gehen. Sie hatte aber keine Wählerreserven mehr, die noch zu einer Stimmabgabe bewegt werden konnten. Durch die von Woche zu Woche steigende Zahl der Wahlwilligen ging daher der CDU/CSU-Wert um einige Punkte zurück. Ganz exakt konnte dieser Rückgang nicht eingeschätzt werden, weil man die Zahl der Wähler beziehungsweise Nichtwähler nicht mithilfe von Umfragen ermitteln kann, da die Nichtwähler in Deutschland sich selbst und somit auch den Interviewern nicht zugeben, nicht zur Wahl zu gehen.

Manfred Güllner ist Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa. n-tv.de veröffentlicht die neuesten Umfragezahlen jeden Mittwoch im Stern-RTL-Wahltrend.
Manfred Güllner ist Chef des Meinungsforschungsinstituts Forsa. n-tv.de veröffentlicht die neuesten Umfragezahlen jeden Mittwoch im Stern-RTL-Wahltrend.(Foto: picture alliance / dpa)

Wie erklären Sie sich das Ergebnis der AfD?

Der Erfolg der AfD kam nicht überraschend, sondern auch hier wurde mithilfe der Umfragen gezeigt, dass der AfD-Anteil im Laufe des Wahlkampfs anstieg. Zudem lässt sich nach wie vor ein Teil der AfD-Wähler, die antidemokratisch sind und dem gesamten politischen System ablehnend gegenüberstehen, von Meinungsforschung nicht befragen, da sie Umfragen für einen Teil der Manipulationsmaschinerie von Politik und Medien halten.

Wie kalkulieren Sie in ihre Umfragen mit ein, dass sich viele potenzielle AfD-Wähler nicht zu ihrer Entscheidung bekennen?

So viele sind es ja bei der AfD nicht, so wie früher bei den Wählern der NPD. Die AfD wurde ja jetzt nur minimal unterschätzt.

Gibt es Modelle, die die unterschiedlichen Ergebnisse der AfD in Ost- und Westdeutschland erklären?

Es gibt in Deutschland drei Wahlgebiete: Der atheistische Osten, das katholische Bayern und den Rest der Republik. Im Osten sieht sich als Spätfolge der Wiedervereinigung ein Teil der Menschen als Verlierer der Einheit. In ihrem Unmut wählen sie inzwischen die AfD. Sie tun das nicht, weil es ihnen wirklich objektiv schlecht geht, sondern aus einem Gefühl der subjektiven Benachteiligung heraus. Und Flüchtlinge, die es in Ostdeutschland nur zu ganz geringen Teilen gibt, empfinden diese Menschen als Sündenböcke, die sie für ihre Unmutsgefühle verantwortlich machen. Besonders in Sachsen ist dies zu beobachten.

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Und im Westen der Republik?

Auch in Bayern gibt es einen höheren Anteil an AfD-Wählern. Durch Seehofers Konflikt mit der CDU und seinem Versuch, mit rechten Themen die Abwanderung von Wählern zu der der AfD verhindern zu wollen, ist genau das Gegenteil passiert. Der Abstrom von der CSU zur AfD ist größer als der von der CDU. 

Was muss die CSU aus ihrem massiven Stimmenverlust lernen?

Für die CSU ist das Wahlergebnis beunruhigend. Die Partei muss sich zunächst eingestehen, dass sie an Bindekraft verloren hat. Sie muss deshalb darüber nachdenken, wie sie das frühere Vertrauen ihrer Wähler zurückgewinnen kann. Mit ihrer früheren Bindekraft von rechts bis weit in die linke Mitte ist die CSU einmal die modernste Volkspartei Europas gewesen. Die Schwäche der CSU hat wenig mit der Flüchtlingspolitik von Angela Merkel zu tun, denn den Vertrauensschwund bei der CSU gab es bereits bevor die AfD auf die Bildfläche gekommen ist. Jetzt zu glauben, mit rechten Themen das Vertrauen der Wähler zurückzugewinnen, ist eine trügerische Hoffnung.

Und wie geht es mit der AfD jetzt weiter?

Die AfD könnte sich ebenso zerlegen wie es bisher alle rechtsradikalen Bewegungen getan haben. Dass Frau Petry heute bekannt gegeben hat, dass sie nicht Mitglied der AfD-Fraktion im Bundestag werden möchte, ist ja ein erstes Zeichen dafür.

Hat das Modell der Volksparteien ausgedient?

Das bürgerliche Lager aus Union und FDP hat seit zwei Jahrzehnten mit über 20 Millionen Wählern immer die gleichen Anteile. Einen Austausch gibt es nur zwischen Union und FDP. Wähler verloren hat das linke Wählerlager. Wenn es eine Verschiebung in der Stabilität des politischen Spektrums gibt, dann durch die Schwäche der SPD, nicht durch eine Schwäche des bürgerlichen Lagers. Die Volksparteien müssen deshalb noch keineswegs am Ende sein. Wenn sie nicht den Fehler der CSU machen und glauben, dass am rechten Rand für sie Stimmen zu holen sind, dann können sowohl die CDU als auch die SPD wieder Wähler an sich binden.

Mit Manfred Güllner sprach Juliane Kipper

Quelle: n-tv.de

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