Politik
Beim Protest der "Pegida"-Gegner in Dresden.
Beim Protest der "Pegida"-Gegner in Dresden.(Foto: REUTERS)
Montag, 22. Dezember 2014

Anti-"Pegida"-Demos in vielen Städten: "Aufstand der Anständigen" beginnt

Die Forderungen nach einer angemessenen Reaktion auf die "Pegida"-Proteste werden lauter. Ex-Kanzler Schröder fordert wie im Jahr 2000 einen "Aufstand der Anständigen". Derweil geht das Bündnis erneut auf die Straße - genau wie die Gegendemonstranten.

Der Protest gegen die islamfeindliche "Pegida"-Bewegung in Deutschland wächst: "Pegida"-Gegner in mehreren Städten brachten am Abend zusammen mehr als 20.000 Menschen auf die Straßen und damit mehr als die Anhänger des Bündnisses. In Dresden konnte "Pegida" mit 17.500 Demonstranten aber erneut einen Zuwachs verzeichnen. Bei der größten Anti-"Pegida"-Demonstration versammelten sich in München laut Polizei mindestens 12.000 Menschen. In Dresden protestierten 4500 Menschen, in Bonn 2500, in Kassel 2000 und in Würzburg 700 gegen die islamfeindlichen "Pegida"-Forderungen.

Bei der Anti-"Pegida"-Demo in München.
Bei der Anti-"Pegida"-Demo in München.(Foto: dpa)

In der bayerischen Landeshauptstadt München hatte ein breites Bündnis gesellschaftlicher Gruppen parallel zu dem montäglichen "Pegida"-Aufmarsch in Dresden zu einer Gegendemonstration aufgerufen. Der Münchner Oberbürgermeister Dieter Reiter sagte bei der Veranstaltung, "bei uns ist Platz für Menschen verschiedener Hautfarbe, Herkunft oder Muttersprache! Und: bei uns ist auch Platz für alle Religionen und Gläubige: Für die, die freitags in die Moschee gehen; die, die samstags in die Synagoge gehen; die, die sonntags in die Kirche gehen aber auch für die, die einfach nur daheim bleiben wollen."

"Pegida" steht für "Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes". Ihren Schwerpunkt hat die Bewegung in Dresden, wo in den vergangenen Wochen tausende Menschen an Kundgebungen teilnahmen. Die laut Polizei mindestens 17.500 Unterstützer an diesem Montag bedeuteten einen erneuten Zuwachs, nachdem in der Vorwoche 15.000 Menschen gekommen waren.

Proteste an der Semperoper

Die "Pegida"-Verantwortlichen hatten diesmal zu einer als gemeinsames Weihnachtsliedersingen bezeichneten Veranstaltung auf dem Theaterplatz vor der Semperoper geladen. Mitarbeiter der Semperoper protestierten mit Fahnen gegen das Singen der "Pegida"-Teilnehmer. Auf vier Fahnen an den Masten der Oper stand als Mahnung an die Teilnehmer "Augen auf", "Herzen auf", "Türen auf" und "Die Würde des Menschen ist unantastbar". Zudem verzichtete die Oper aus Protest auf ihre Beleuchtung.

Bei der "Pegida"-Gegendemo der des "Bündnis Nazifrei" am Montag auf dem Schlossplatz in Dresden.
Bei der "Pegida"-Gegendemo der des "Bündnis Nazifrei" am Montag auf dem Schlossplatz in Dresden.(Foto: dpa)

In Dresden hielten mehrere hundert Menschen ein Friedensgebet gegen "Pegida" ab. An einer anschließenden Demonstration gegen "Pegida" nahmen laut Polizei 4500 Menschen teil. In Bonn, wo sich eine "Pegida"-Unterstützergruppe namens "Bogida" gebildet hat und 250 Anhänger mobilisierte, war die Zahl von deren Gegnern mit 2500 zehn Mal so groß. Ähnlich war es in Kassel, wo 2000 "Pegida"-Gegnern nur 200 Anhänger gegenüber standen. In Würzburg brachte der lokale "Pegida"-Ableger ebenfalls 200 Menschen auf die Straße, mit laut Polizei 700 Gegendemonstranten waren auch hier deutlich mehr Gegner versammelt. Die Polizei berichtete aus den Städten von mehreren kleineren Rangeleien, insgesamt verliefen alle Proteste aber friedlich.

"Klartext statt Gesülze"

Schröder: Es ist großartig, dass so viele gegen diesen kruden Haufen auf die Straße gehen. Aber sie brauchen mehr Unterstützung.
Schröder: Es ist großartig, dass so viele gegen diesen kruden Haufen auf die Straße gehen. Aber sie brauchen mehr Unterstützung.(Foto: picture alliance / dpa)

Derweil sucht die Politik weiter nach einer Antwort auf die Proteste und ihre Organisatoren. Altkanzler Gerhard Schröder forderte einen "Aufstand der Anständigen". Unter diesem Schlagwort hatte der damalige Kanzler im Jahr 2000 nach einem Brandanschlag auf eine Düsseldorfer Synagoge zum "Protest gegen Rechts" aufgerufen. "In Berlin haben damals 200.000 Menschen gegen Ausländerfeindlichkeit und Antisemitismus protestiert, und selbstverständlich sind Bundespräsident und Bundeskanzler vorneweg marschiert. So eine öffentliche Reaktion brauchen wir auch jetzt", sagte der SPD-Politiker dem Magazin "Couragiert".

Grünen-Chef Cem Özdemir wies Forderungen nach einem Dialog scharf zurück. Er halte nichts von "so einer weinerlichen Haltung im Umgang mit 'Pegida'", sagte er im RBB. "Klartext ist angesagt und nicht dieses Gesülze, was ich da zum Teil höre von manchen Kollegen von mir." Auch Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) sagte in Suhl: "Mit Rassisten in Nadelstreifen haben wir nicht zu reden."

Nordrhein-Westfalens Ministerpräsidentin Hannelore Kraft warnte die Bürger davor, durch Teilnahme an den "Pegida"-Demonstrationen auf Rechtsextreme reinzufallen. "Man muss wissen, welchen Rattenfängern man da auf den Leim geht", sagte die SPD-Politikerin im WDR. Die meisten "Pegida"-Kundgebungen würden von bekannten Rechtsextremen angemeldet. Dass sich zuletzt so viele Menschen offensichtlich auch aus Politikverdrossenheit davon anziehen ließen, betrachte sie mit großer Sorge. Die Demonstranten sollten sich gestalterisch in die Politik einmischen, forderte sie. "Immer nur zu meckern reicht nicht."

Den Dialog suchen

Nach Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) hatte auch Entwicklungsminister Gerd Müller (CSU) dafür plädiert, sich argumentativ mit "Pegida" auseinanderzusetzen. "Ausgrenzung hilft hier nicht weiter, das stärkt solche Bewegungen nur", sagte er der "Bild"-Zeitung. Es sei Aufgabe der Politik, den Demonstranten klarzumachen, dass es sich bei Asylsuchenden nicht um Fanatiker und Wirtschaftsflüchtlinge handele, sondern um gefolterte, traumatisierte Kriegsopfer. Kanzlerin und CDU-Chefin Angela Merkel warnte kürzlich vor der Gefahr von Hetze und Fremdenfeindlichkeit, die von "Pegida" ausgingen.

Der Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Heinrich Bedford-Strohm, wandte sich gleichwohl gegen eine Dämonisierung der Bewegung. "Es gilt, Ängste abzubauen und mit den Menschen auf der Straße ins Gespräch zu kommen. Es bewirkt nichts, wenn wir pauschal diejenigen verteufeln, die da demonstrieren", sagte der bayerische Landesbischof der "Passauer Neuen Presse". Man müsse sich mit ihnen auseinandersetzten und klarmachen: "Christen sollten alles tun, damit Flüchtlinge gut behandelt werden."

Quelle: n-tv.de

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