Politik
Bernie Sanders kommt in den Umfragen (noch) nicht an Hillary Clinton heran. Aber anders als sie, zieht er große Massen an.
Bernie Sanders kommt in den Umfragen (noch) nicht an Hillary Clinton heran. Aber anders als sie, zieht er große Massen an.(Foto: REUTERS)
Dienstag, 13. Oktober 2015

Clintons schlimmster Albtraum: Bernie Sanders plant eine Revolution

Von Hubertus Volmer

Eher kommt ein Kamel durch ein Nadelöhr als ein Linker ins Weiße Haus? In den USA haben alte Gewissheiten ihre Gültigkeit verloren: Bernie Sanders steht im Vorwahlkampf besser da als Barack Obama zu diesem Zeitpunkt vor acht Jahren.

Sozialismus in den USA? Undenkbar! "Nun, ich bin ein demokratischer Sozialist", entgegnet Senator Bernie Sanders in Michael Moores Dokumentation "Kapitalismus: eine Liebesgeschichte". Ein demokratischer Sozialist zu sein, bedeute, dass die Regierung die arbeitenden Menschen sowie Menschen mit mittleren Einkommen vertreten müsse, statt nur die Reichen und Mächtigen, so Sanders in dem Film aus dem Jahr 2009. "Wir müssen unser Wertesystem verändern."

Im nächsten Jahr will der Mann, der diese Sätze gesagt hat, zum US-Präsidenten gewählt werden. Das klingt unwahrscheinlich: Sanders hat nicht nur keine Probleme mit dem Label "Sozialist", er ist auch 74 Jahre alt und damit sechs Jahre älter als Hillary Clinton. Der Demokratischen Partei, um deren offizielle Kandidatur Sanders sich bewirbt, gehört er bislang nicht an. Dennoch liegt er in einer Umfrage des Senders NBC und des "Wall Street Journal" nur sieben Prozentpunkte hinter der Ex-Außenministerin. Vom Außenseiter ist er zu Clintons Albtraum geworden.

Zugegeben: Es ist die beste Umfrage für Sanders, im Schnitt beträgt sein Abstand auf Clinton 16,6 Punkte. Aber während es für Clinton bergab geht, legt Sanders zu. Eindrucksvoll ist folgender Vergleich: Zum selben Zeitpunkt vor acht Jahren, im Oktober 2007, lag ein nahezu unbekannter Senator aus Illinois 26 Punkte hinter Clinton. Erst Anfang 2008, mit Beginn der Vorwahlen in Iowa und New Hampshire, holte Barack Obama auf. Der Rest ist bekannt.

Josh Powers versucht, möglichst viele Wähler dazu zu bewegen, sich als Demokraten registrieren zu lassen, damit sie dann in den Vorwahlen für Sanders stimmen.
Josh Powers versucht, möglichst viele Wähler dazu zu bewegen, sich als Demokraten registrieren zu lassen, damit sie dann in den Vorwahlen für Sanders stimmen.(Foto: privat)

In Iowa liegt Sanders nur knapp hinter Clinton, in New Hampshire deutlich vor ihr. Ähnlich wie damals bei Obama kommt Sanders' Botschaft vor allem bei jüngeren Wählern gut an. Der New Yorker Josh Powers nahm Sanders zum ersten Mal bewusst wahr, als er den Film von Michael Moore sah. "Ich habe mich einfach in den Mann verliebt", sagt der 44-Jährige, der seit ein paar Wochen Wahlkampf für Sanders macht. Dass sein Idol sich als Sozialist bezeichnet, spielt für Powers keine Rolle. "Die Mainstream-Medien und Hillary Clinton nennen ihn so, aber eigentlich ist er ein Demokrat alter Schule."

Sanders steht für einen völlig anderen Politikstil

Und wirklich: Sanders fordert zwar eine "politische Revolution" und will nach einem Wahlsieg, anders als Obama, weiterhin eine Massenbewegung anführen. Aber nach europäischen Maßstäben steht er bei vielen Themen in der politischen Mitte. Ihm sind Anliegen wichtig, die in Deutschland mehr oder weniger selbstverständlich sind - eine öffentliche Krankenversicherung für alle, kostenloser oder zumindest erschwinglicher Zugang zu den Hochschulen, eine Regulierung der Großbanken. "Im Grunde will Bernie unsere Demokratie den Konzernen wieder wegnehmen", sagt Powers.

Sanders hat seine Agenda seit Jahrzehnten nicht geändert - aber auf einmal will Amerika sie hören. Doch der weißhaarige Senator überzeugt seine Anhänger nicht nur mit Inhalten, er steht auch für einen anderen Politikstil. Einen Super-Pac, mit dem die Kandidaten das gesetzliche Spendenlimit umgehen, hat er nicht, die in den USA verbreitete negative Werbung gegen Konkurrenten verabscheut er. Sanders gegen Hillary, das sei "das Volk gegen das Establishment, Wahrheit gegen Propaganda", sagt Powers. Man könnte auch sagen: echte Begeisterung gegen eine professionelle PR-Maschine.

Die Älteren erinnern sich an den Song von Gil Scott Heron, "The Revolution Will Not Be Televised" ("Die Revolution wird nicht im Fernsehen übertragen"). Dieser Sanders-Anhänger wirft den Medien vor, den Senator aus Vermont bewusst zu ignorieren.
Die Älteren erinnern sich an den Song von Gil Scott Heron, "The Revolution Will Not Be Televised" ("Die Revolution wird nicht im Fernsehen übertragen"). Dieser Sanders-Anhänger wirft den Medien vor, den Senator aus Vermont bewusst zu ignorieren.(Foto: REUTERS)

Dabei ist Sanders Berufspolitiker durch und durch. Seit 2007 vertritt er den Staat Vermont als unabhängiger Senator im US-Kongress, zuvor war er 16 Jahre Abgeordneter im Repräsentantenhaus und in den 1980er-Jahren Bürgermeister der Stadt Burlington. Trotz dieser Karriere gehört Sanders nicht zum Washingtoner Establishment.

So ungewöhnlich sein Erfolg ist, er passt in diesen Vorwahlkampf: Auch bei den Republikanern sind drei Präsidentschaftsbewerber erfolgreich, die nicht mit professioneller Politik in Verbindung gebracht werden: der Immobilienmilliardär Donald Trump, der pensionierte Neurochirurg Ben Carson und die ehemalige HP-Chefin Carly Fiorina.

"Wir vertrauen Politikern nicht mehr"

Der Grund dafür ist klar: Viele Amerikaner haben die Nase voll von der politischen Klasse. "Wir vertrauen Politikern nicht mehr", sagt Powers. Für Sanders funktioniert das Image des Außenseiters daher sehr gut. Auch ohne reiche Geldgeber sammelt er so viele Spenden ein, dass er mit Clinton mithalten kann. Ende September hatte er 25 Millionen Dollar zur Verfügung. Erst nachdem Medien spekulierten, dass er Clinton damit überholt haben könnte, erklärte ihr Wahlkampfteam, dass sie 32 Millionen auf dem Konto habe.

Würde Bernie Sanders gewählt, wäre er der erste jüdische US-Präsident - 55 Jahre nach dem ersten Katholiken, unmittelbar nach dem ersten Schwarzen im Weißen Haus. Doch für Sanders' Religion interessiert sich kaum jemand, Probleme haben viele US-Amerikaner mit dem Wort "Sozialismus": Einer Umfrage zufolge können sich mehr US-Bürger vorstellen, einen Muslim zu wählen als einen Sozialisten. Allerdings ist mittlerweile vieles denkbar geworden in den USA. Im direkten Vergleich mit Trump liegt Sanders immerhin fünf Punkte vorn.

Zunächst jedoch muss er die Vorwahlen gewinnen. An diesem Dienstagabend, am Mittwochmorgen um 3 Uhr deutscher Zeit, debattieren die demokratischen Präsidentschaftsbewerber erstmals gegeneinander. Insgesamt sind nur sechs TV-Debatten geplant, zwanzig weniger als im Vorfeld der Wahl von 2008. Wahlkämpfer Josh Powers vermutet, dass die Parteispitze der Demokraten Angst vor Sanders' rhetorischen Fähigkeiten hat. Anders als Clinton, der seit Monaten die E-Mail-Affäre zu schaffen macht, hat Sanders das berühmte Momentum, den Rückenwind der Umfragen, auf seiner Seite. Powers glaubt, dass die Debatte ihm weiteren Auftrieb verleihen wird. Zugleich hofft er, dass US-Vizepräsident Joe Biden bald verkündet, dass er ebenfalls antreten will. "Wenn Biden sich um die Kandidatur bewirbt", zitiert Powers eine in den USA verbreitete Einschätzung, "dann zieht er Stimmen von Hillary ab, nicht von Bernie."

Quelle: n-tv.de

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