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"Ein Jahr danach: Der Mörder ist noch immer auf der Flucht"
"Ein Jahr danach: Der Mörder ist noch immer auf der Flucht"(Foto: imago/PanoramiC)

Ein Jahr nach den Anschlägen: "Charlie Hebdo" lässt Gott nicht in Ruhe

Von Issio Ehrich

Am 7. Januar 2015 stürmen Islamisten die Redaktion von "Charlie Hebdo". Sie töten zwölf Menschen und leiten ein verheerendes Jahr für Frankreich ein. Die Macher des Magazins arbeiten jetzt zwar praktisch in einem Bunker - aber sie arbeiten.

Der Vatikan empört sich über die jüngste Ausgabe von "Charlie Hebdo". Auf der Titelseite des Satire-Magazins prangt eine Zeichnung von Gott. Gebückt, mit irre aufgerissenen Augen, rennt er umher - das Symbol der Dreifaltigkeit auf dem Kopf, die Kalaschnikow auf dem Rücken. In weißen Lettern auf schwarzem Grund steht daneben: "Ein Jahr danach: Der Mörder ist noch immer auf der Flucht". Das verunglimpfe Gläubige und verletzte ihre Gefühle, heißt es in einem Kommentar der Vatikan-Zeitung "Osservatore Romano". Dann ist von der "trügerischen Fahne eines kompromisslosen Laizismus" die Rede.

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Mit ihrer Sonderausgabe zum Jahrestag des Anschlags auf ihre Redaktion stellen die Karikaturisten noch einmal deutlich unter Beweis, dass sie vor derben publizistischen Angriffen mit religiösen Bezügen trotz des Blutbads auch weiterhin nicht zurückschrecken. Und der Finanzdirektor des Blattes macht deutlich, dass das ebenso für Anspielungen auf den Islam gilt. "Für uns kommt Selbstzensur nicht in Frage", sagt Eric Pourtheault der Agentur AFP. "Wenn die Nachrichtenlage uns dazu bringt, Mohammed erneut zu zeichnen, dann machen wir das." In einem Leitartikel in der Sonderausgabe von "Charlie Hebdo" schreibt Chefredakteur Laurent Sourisseua ("Riss") zudem: "Es kann doch nicht sein, dass zwei kleine vermummte Idioten die Arbeit unseres Lebens in die Luft jagen."

Ein Jahr des Terrors

Genau danach sah es aus, als die Brüder Chérif und Said Kouachi am 7. Januar Jagd auf die Charlie-Hebdo-Redakteure an ihrem Arbeitsplatz in Paris machten, zwölf Menschen niedermetzelten und daraufhin flüchteten. Ihr Bekannter Amedy Coulibaly tötete wenig später eine Polizistin und mehrere Geiseln, die er in einem jüdischen Supermarkt am östlichen Stadtrand von Paris genommen hat. Die Polizei erschoss die drei Täter.

Doch obwohl Frankreich seither im Ausnahmezustand ist, ging der Terror weiter. Allein im ersten Quartal des vergangenen Jahres verhinderten die Sicherheitsbehörden Regierungsangaben zufolge fünf geplante Attacken. US-Soldaten gelang es zudem, einen Islamisten im Thalys-Schnellzug nach Paris zu überwältigen. Im Juni enthaupteten Islamisten einen Franzosen in der Nähe von Lyon. Und am 13. November ermordete eine Bande religiöser Fanatiker beim verheerendsten Anschlag des Jahres 130 Menschen in der Hauptstadt, als sie versuchte, das Fußball-Länderspiel Deutschland-Frankreich anzugreifen, den beliebten Konzertsaal Bataclan stürmte und auf Gäste in Cafés und Restaurants im 10. Arrondissement feuerte.

Hohe Auflage, kaum neue Mitarbeiter

Die Spuren, die der Terror hinterlassen hat, sind auch bei "Charlie Hebdo" unübersehbar - obwohl das Blatt nach all diesen Ereignissen an Bissigkeit kaum eingebüßt hat und sich weiterhin als Bastion gegen religiösen Fundamentalismus sieht.

Statt in die Redaktionsräume in der Pariser Rue Nicolas Appert zurückzukehren, schreiben und zeichnen die Mitarbeiter von "Charlie Hebdo" heute hinter Sicherheitsschleusen und schusssicheren Türen an einem geheimen Ort. Mitarbeiter verließen die Redaktion, darunter der prominente Zeichner Renald Luzier ("Luz"). Er wolle sein Trauma überwinden und müsse wieder zu sich selbst finden, sagte er.

Doch die Existenz des Blattes scheint vorerst gesichert. Vor dem Anschlag steckte Charlie Hebdo mit kaum 10.000 Abonnenten und einer Auflage von 30.000 Exemplaren in schweren Geldnöten. Heute sind es 180.000 Abonnenten und weitere 100.000 Exemplare am Kiosk. Die Sonderausgabe zum Jahrestag des Anschlags ist allein in Deutschland 50.000 Mal erschienen. Auch wenn die Je-suis-Charlie-Welle, die vor allen in sozialen Medien stattfand, längst vorübergeschwappt ist, zeigt das: Die Solidarität mit den Karikaturisten ist groß. Mehr denn je gilt aber auch: Solidarität ist eine Sache. Sich ähnlich mutig mit an die Spitze der Kritik an religiösen Irrlichtern zu stellen, trauen sich sehr wenige. Die Redaktion konnte eigenen Angaben zufolge trotz offener Stellen nur wenige Neulinge bei sich begrüßen.

Quelle: n-tv.de

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