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Ein irakischer Christ aus Mossul hat in einer Kirche in der jordanischen Hauptstadt Amman Zuflucht gefunden.
Ein irakischer Christ aus Mossul hat in einer Kirche in der jordanischen Hauptstadt Amman Zuflucht gefunden.(Foto: REUTERS)

Kritik an den offenen Grenzen: Christen in Nahost hadern mit Merkel

Von Issio Ehrich, München

Die Staaten Osteuropas, Teile der CDU, ihre Schwesterpartei CSU – Kanzlerin Angela Merkel fehlt es sicher nicht an Kritikern ihrer Flüchtlingspolitik. Jetzt kommen auch noch hochrangige Christen im Nahen Osten hinzu.

Louis Raphaël I. Sako bemüht Shakespeare, um die Lage seiner Glaubensgemeinschaft zu beschreiben. Er sagt: "Sein oder nicht sein, das ist hier die Frage." Sako ist der Patriarch der chaldäisch-katholischen Kirche in Bagdad. An diesem Freitagmorgen sitzt er in München. Zusammen mit der Organisation Kirche in Not stellt er einen Bericht über die teils dramatische Lage von Christen in der Welt vor. Sako findet dabei nicht nur lyrische, sondern auch sehr kritische Worte.

Der Patriarch hadert mit jener Flüchtlingspolitik, für die vor allem Kanzlerin Angela Merkel steht. "Flüchtlingen das Tor zu öffnen, ist ein sehr falscher Ansatz", sagt er. Europa und die USA sollten sich viel stärker darauf konzentrieren, den Menschen stabile Verhältnisse in ihrer Heimat zu sichern, dort, wo ihre Traditionen und ihre Kultur herkommen. Fernab dieser Heimat seien die Menschen isoliert, und einige machten dann ja auch Probleme.

Sako fordert einen "echten" Einsatz gegen den sogenannten Islamischen Staat. "Wir brauchen nicht nur Luftangriffe, wir brauchen Bodentruppen." Im Gespräch mit n-tv.de wird er sich wenig später dafür aussprechen, dass westliche Kräfte auch dann noch im Land bleiben, wenn der IS besiegt ist. Es gehe darum, den Vertriebenen des IS eine Möglichkeit zu geben, in ihre Heimat zurückzukehren, aber mit einer Sicherheitsgarantie.

Der Patriarch kann die Wut, die angesichts der Lage im Irak in ihm aufsteigt, kaum unterdrücken. Er formuliert überraschend scharf für einen Kirchenvertreter und verliert kein Wort über Facetten jener offenen Flüchtlingspolitik, die aus christlicher Sicht wohl nur zu loben sein kann – sei es nun die Demonstration von Nächstenliebe oder das Bedürfnis, Menschen in Not zu helfen, egal woher sie kommen. In einem Redemanuskript, das vor seinem Auftritt ausgeteilt wurde, drückt Sako sich denn auch deutlich zurückhaltender aus. Im Vordergrund steht darin die Forderung, dass die internationale Gemeinschaft ihre Hilfen für die Regierung in Bagdad an "das ernsthafte" Bemühen um politische Aussöhnung koppeln sollte, und daran, dass der Irak eine "starke und fähige überkonfessionelle nationale Regierung" bekommt.

"Wir versuchen das Verbleiben der Christen in Nahost zu sichern

Dem Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) zufolge gibt es im Irak derzeit mehr als drei Millionen Binnenvertriebene. Von 1,3 Millionen Christen im Land sind laut Sako kaum 400.000 geblieben. Allein bei seinem Sturm auf die Millionenstadt Mossul im Sommer 2014 vertrieb der IS laut dem Bericht von Kirche in Not, der neben dem Irak noch 15 weitere Brennpunkte skizziert, mehr als 120.000 Christen aus der Metropole und den Dörfern der Niniveh-Ebene.

In Sakos Worten schwingt aber nicht nur Ärger mit, sondern auch ein ausgesprochen distanzierter Blick auf die politischen Geschehnisse in Europa. Merkels Beharren auf einem Nein zu Grenzen in Europa und dem Nein zu Obergrenzen hält er vor allem für einen Lockruf. Auch der Bischof von Aleppo, Antoine Audo, sieht Merkels Politik mindestens zwiespältig. Er respektiere die Willkommenskultur insbesondere Deutschlands, sagt er. Für ihn sei es aber "ein Drama", wenn die Menschen in Syrien in Verlockung gerieten, ihr Glück in Europa zu suchen. "Wir versuchen das Verbleiben der Christen im Nahen Osten zu sichern", sagt er. Die Lösung der Flüchtlingskrise müsse deshalb sein, sich für den Frieden im Land einzusetzen.

Audo warnt vor einem "tragischen Verlust" für die Kirche und die Welt, sollte die lange Geschichte der Christen in Syrien enden. Audo zufolge sank die Zahl der Christen allein in Aleppo von rund 150.000 auf kaum 50.000, seit der Bürgerkrieg in Syrien ausgebrochen ist.

Anders als der Patriarch von Bagdad fordert der Bischof von Aleppo aber weniger statt mehr Kämpfer des Westens im Nahen Osten. "Es gibt keine militärische Lösung des Konflikts", sagt er. Audo pocht auf eine Nationalisierung des syrischen Bürgerkriegs. Er kritisiert nicht nur die Stellvertreterkriege der Türkei, Saudi-Arabiens und des Irans in Syrien, sondern auch den internationalen Waffenhandel, der die Konflikte im Nahen Osten nur weiter befeuere. Ohne die militärische Einmischung von außen, hofft Audo, könnten sich die syrischen Konfliktparteien auf einen Friedensprozess einigen.

Quelle: n-tv.de

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